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© Markus Ende / Marienwallfahrt Werl
© Markus Ende / Marienwallfahrt Werl

350 Jahre Fußwallfahrt Werne-Werl: „Einmal im Jahr die Mutter Gottes besuchen“

Weit mehr als 400 Pilgerinnen und Pilger kamen nach Werl. Zum 350. Mal fand die Fußwallfahrt Werne-Werl statt. Was trägt diese Glaubenstradition bis heute und wie hat sich das Wallfahren verändert?

„Es tut gut!“, sagt Klemens Pieper, Wallfahrtsleiter in Werne, über das jährliche Aufbrechen von Werne nach Werl. Die knappe Antwort greift das diesjährige Werler Pilgermotto „Wenn es dir guttut, dann komm!“ auf. Die an einen Ausspruch des heiligen Franziskus von Assisi angelehnte offene Einladung spreche viele Menschen an, sagt Pieper. Das hat der 66-Jährige in seinem Umfeld und auch von vielen anderen Pilgerinnen und Pilgern erfahren. Sie fühlen sich eingeladen und gleichzeitig selbstbestimmt: „Wenn ich es will, dann mache ich es“, so komme diese Botschaft an. Und viele wollen: Allein 375 Fußpilger machten sich dafür am letzten August-Wochenende 2026 auf den 33 Kilometer langen Weg, dieses Jahr zum 350. Mal. Und das seit 1676 ohne Unterbrechung.

Viele suchen die Gemeinschaft, auch für die Glaubenserfahrung

Die Gemeinschaft unter den Wallfahrerinnen und Wallfahrern sowie mit dem Wallfahrtsteam Werl sei deutlich enger geworden, sagt Klemens Pieper. Dazu trage unter anderem die gute Aufnahme im Pilgerkloster bei.

„Seit dem Umbau im Jahr 2021 bieten der neue Pilgersaal und der Pilgerkeller sowie die sehr guten Schlafmöglichkeiten ideale Voraussetzungen für das gemeinsame Miteinander an beiden Tagen“, so Pieper. Rund 100 Teilnehmende schliefen allein in diesem Jahr vor Ort.

„Die Pilgerinnen und Pilger verbringen dadurch mehr Zeit miteinander und sind auch außerhalb der eigentlichen Wallfahrtswege und -veranstaltungen als Gemeinschaft zusammen“, betont der Wallfahrtsleiter aus Werne und ergänzt: „Man geht eigentlich nur zwischendurch einmal zum Duschen. Selbst einige Wallfahrerinnen und Wallfahrer, die nicht im Kloster übernachten, sind am nächsten Morgen gerne wieder zum gemeinsamen Frühstück dabei.“

Laufen, Singen, Beten, Ankommen

Für Klemens Pieper ist die Wallfahrt heute zugleich eine gemeinschaftliche und eine persönliche Glaubenserfahrung. „Früher begann man um 4 Uhr, heute um 5.30 Uhr. Es wurde noch mehr gebetet und gesungen. Das passiert heute auch noch, aber weniger. Heute kann jeder zwischendurch auch mal in sich gehen, sich ausklinken, das suchen die Menschen auch.“

Gemeinsames Gebet und Gesang bleiben, zugleich gewinnt die persönliche Einkehr mehr Raum. Auch wer nicht mitsingt, gehört dazu. Ist die Wallfahrt dadurch freier geworden? „Ich weiß nicht… Auf jeden Fall ist es bequemer, aber immer noch anstrengend“, sagt Pieper. Laufen, Singen, Beten, Ankommen, Meditation, Lichterprozession und das Pontifikalamt am nächsten Morgen fordern die Pilgernden. Über den gesamten Weg wird zudem das 4,5 Kilogramm schwere Wallfahrtskreuz und so manche Fahne mitgetragen.

Die Wege ändern sich, das Ziel bleibt

Wie die ersten Kapuziner und Menschen aus ihrer Gemeinde vor 350 Jahren von Werne zum benachbarten Kloster in Werl gingen, lässt sich heute nur erahnen. Vermutlich nutzten sie vor allem unbefestigte Wege, möglicherweise in Sandalen oder barfuß. „Mir vorzustellen, wie sie gegangen sind, das vermag ich gar nicht – wobei Franziskus als geistlicher Gründervater des Kapuziner-Ordens auch immer barfuß gelaufen ist. Aber ganz andere Wege, viel mehr Graswege. Wir haben ja eigentlich nur noch Asphalt“, unterstreicht Klemens Pieper.

Heute sind es nicht Wegelagerer oder Hunger als Gefahrenquellen. Der zunehmende Verkehr ist gefährlich, die Strecke wurde über die Jahre immer wieder angepasst, weil es an den Bundesstraßen zu eng wurde: „Unser ausdrücklicher Dank gilt der Polizei, dass sie uns so gut unterstützt und bereitwillig hilft“, sagt Klemens Pieper.

Das Kreuz zieht voran, es folgen Fahnen, Gesang und eine Prozession durch Stadt und Landschaft. Die Wallfahrt verbindet körperliche Anstrengung mit Gebet, Gemeinschaft und öffentlichem Glaubensbekenntnis. „Es ist kein Wandern, es ist Pilgern!“, unterstreicht der Wallfahrtsleiter. Der Unterschied liegt nicht nur im Gehen selbst (die Wallfahrerinnen und Wallfahrer sind flott wie beim Wandern unterwegs), sondern im geistlichen Ziel.

Ein Film von Helmut Euler, der zum 300. Jubiläum in den 1970er-Jahren entstand, macht diesen Unterschied sichtbar. Die Frauen tragen damals Sonntagskleider, häufig auch Sandalen. Spezielle Outdoor-Kleidung spielt keine Rolle, es gab sie schlicht noch nicht und sie wäre womöglich damals auch nicht gewollt gewesen. Im Jahr 2026 gewinnt zugleich das Unterwegssein selbst an Bedeutung. Es kann auch Menschen ohne engen Bezug zum Glauben zur Ruhe bringen und etwas in ihnen auslösen.

Entscheidend bleibt bei allen Motiven das Ziel der Wallfahrt: „Einmal im Jahr die Mutter Gottes besuchen.“ Das gilt bis heute. „Für mich ist es beeindruckend, dass so etwas über 350 Jahre Bestand hat, weil Menschen sich dafür einsetzen“, sagt Klemens Pieper, der in Werne dem Wallfahrtsausschuss mit einem Dutzend Engagierten vorsteht.

„Ich bin sozusagen erblich vorbelastet, bei uns in der Familie wurde Wallfahrt immer groß geschrieben. Ich gebe zu: Als Kind war ich sicher nicht immer ganz freiwillig mit. Aber mein Vater war 70-mal dabei bis ins hohe Alter. Ich habe ihm dann versprochen, ich würde nun weiter für ihn mitgehen. Und heute bin ich ihm dankbar, denn es ist eine große Verbundenheit daraus geworden. Ich bin als Mitglied im Wallfahrts-Ausschuss gern für die vielen Fragen offen, organisiere gern. Und das diesjährige Motto ,Wenn es dir guttut, dann komm‘ trifft voll meine Gedanken zum Wallfahren.“

Elisabeth Schwert

Sorgen vor Maria tragen, verändert zurückkehren

Während die Pilgernden vor 350 Jahren vorhergehende Brandkatastrophen oder gar die Pest als Nöte mit nach Werl brachten, sind es heute ganz andere Sorgen. Etwa: Wie werden unsere Kinder in dieser immer globaler agierenden Welt zurechtkommen? Aber auch hier bleibt beständig, was der Wallfahrtsleiter erlebt, wenn er vor das Gnadenbild tritt: „Ich bin vor 50 Jahren das erste Mal mitgepilgert und wollte seitdem immer zur Maria, denn ich erfahre Hilfe durch sie.“ Wie? „Dadurch, dass man sich hinterher anders fühlt. Der Hinweg ist für mich immer das Schwerste, da habe ich die Ängste, Sorgen, Nöte dabei, die mir aufgetragen wurden, mit der Bitte: ,Wenn du hingehst, nimm sie mit, zünde eine Kerze an, leg sie vor Maria.‘ Und dann sind da noch die eigenen Sorgen und Ängste, die ich ihr hinlege. Wenn ich mich dann verabschiede, ist das losgelassen, dann geht der Rückweg einfacher.“

Trotz Verbot: Wallfahrt als Glaubensbekenntnis

„Einmal im Jahr zur Maria“ blieb in vielen Familien ein festes Motiv. „Es gehen auch solche mit, die ihr religiöses Bedürfnis für ein ganzes Jahr mit dieser Wallfahrt durchaus befriedigen können“, schrieb der damalige Delbrücker Pfarrer Thomas Witt in die Chronik „350 Jahre Marienwallfahrt Werl“ (Bonifatiuswerk). Die Chronik dokumentiert auch die Geschichte der Fußwallfahrt.

Seit 1677 zog die Prozession jährlich um Mariä Heimsuchung nach Werl. Selbst Versuche, die Wallfahrten während der Säkularisierung abzuschaffen, konnten die Tradition nicht beenden. Schließlich wurde die Wallfahrt mit kaiserlicher Genehmigung geduldet. 1941 stoppte die Gestapo die Prozession vor Hilbeck und schickte die Pilgernden zurück. Autor Reinhard Schulz berichtet in der Chronik: „Am nächsten Tag konnte die Klosterkirche die große Zahl der Frauen und Männer nicht fassen, die in einer Marienfeierstunde gelobten, allem äußeren Druck und allen Schwierigkeiten zum Trotz Christus und seiner heiligen Mutter die Treue zu halten“. Trotz des Verbots bis 1944 gingen weiterhin kleine Gruppen zur Gnadenmutter. Die Wallfahrt wurde so zu einem stillen, aber beharrlichen Glaubensbekenntnis.

Pater Hartwig Averesch, Wallfahrtsleiter von 1970 – 1976, schrieb in seinem Grußwort zum 300jährigen Jubiläum: „Durch 300 Jahre hat nichts die Werner Bevölkerung von der Verehrung des Werler Gnadenbildes abhalten können. Auch in den Jahren, als Katholisch-Sein keinen guten Klang hatte und das Bekenntnis des christlichen Glaubens Nachteile brachte, wurde in der Werner Fußwallfahrt die stumme Predigt christlicher Haltung verkündet.“  Sogar alte Flurstücke finden sich unterwegs im Gelände, die nach der Wallfahrt benannt sind.

 

„Für mich bedeutet die Wallfahrt vor allem Zusammenhalt und Geselligkeit. Trotzdem man irgendwie fremd ist, wird man doch innerhalb von Minuten angenommen.

Entweder geht man kein Mal mit oder ein Mal und dann immer. Ob das stimmt? Bei mir sind aus dem einen ersten Mal schon 17 Jahre geworden. Also für mich, ganz klar!“

Markus Budde

Das besondere Wallfahrtserlebnis

„Dies alles hat bis heute Bestand“, betont Klemens Pieper einmal mehr und zeigt sich selbst beeindruckt: „Es gibt viele, die wirklich sagen: Das tut gut, wieder hier zu sein. Es ist gut, dass wir das machen und dass es Leute gibt, die es am Leben erhalten.“ Und viele wollen mit. Bis aus Schweden und Irland kamen sie in diesem Jahr angereist. Viele Pilgernde aus Werne selbst und einige Kapuziner, darunter Bruder Helmut, Provinzial aus München, gingen mit, und einen Teil des Weges auch der Münsteraner Weihbischof Rolf Lohmann. Klemens Pieper: „Wir hatten über den ganzen Weg immer geistliche Betreuung. Die Padres wie der Weihbischof sind immer mal wieder angesprochen worden, konnten über den Weg gut ins Gespräch kommen.“ Und auch nach der Rückkehr aus Werl am Sonntag wurden alle 100 Fußpilgernde, die beide Wege meisterten, gemeinschaftlich in Empfang genommen.

Eine Geste war indes zum 350-Jährigen ein absolutes Highlight, so Klemens Pieper. Die Muttergottes ging dieses Mal sinnbildlich hin zu den Pilgern: „Das Wallfahrtsteam Werl war mit der tragbaren Madonna da. Das war Gänsehaut pur für alle.“

Ein Beitrag von:
Sonja Funke
Redakteurin

Sonja Funke

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