Ein hörbares Zeichen der Versöhnung
Mit der Geschichte der Glocke verband Erzbischof Bentz die Frage, wie Versöhnung zwischen Menschen und Völkern gelingen könne. Dabei erinnerte er auch an die Worte des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, der bereits kurz nach der deutschen Wiedervereinigung die Bedeutung des gemeinsamen Gedenkens für die deutsch-polnische Aussöhnung betont hatte: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass gerade dann, wenn sich Deutsche und Polen im Gedenken an ihre Toten zusammenfinden, Versöhnung gestiftet werden kann.“
Mit Blick auf den bevorstehenden Volkstrauertag unterstrich Bentz, dass die Glocke auch die Erinnerung an Krieg und Unrecht in sich trage. Indem die Menschen im Sauerland ihre Rückkehr nach Polen ermöglichten, übernähmen sie Verantwortung und zeigten ihren polnischen Nachbarn, dass ihnen deren Geschichte nicht gleichgültig sei. Diese Botschaft brachte der Erzbischof mit den Worten zum Ausdruck: „Eure Geschichte geht uns an. Wir wollen, dass zwischen unseren Völkern, Polen und Deutschland, Vertrauen wächst. Versöhnung entsteht.“
Gerade angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine sei ein solches Miteinander von besonderer Bedeutung. Europa brauche Frieden, Zusammenhalt und verlässliche Nachbarschaft. Die Zusammenarbeit der Menschen in Deutschland, Polen und den Niederlanden zeige, wie ein konkreter Beitrag zur Aussöhnung aussehen könne. „Eine Glocke, die dem Krieg dienen sollte, wird zum Zeichen der Aussöhnung. Ihr Klang erinnert täglich daran.“
Zugleich machte Dr. Bentz deutlich, dass Versöhnung nicht bedeute, die Vergangenheit zu vergessen. Der deutsche Überfall auf Polen und das nationalsozialistische Unrecht könnten dadurch nicht ungeschehen gemacht werden. Vielmehr brauche Versöhnung eine wahrhaftige Erinnerung und die Bereitschaft, daraus Verantwortung zu übernehmen. Deutlich wandte sich der Erzbischof gegen ein Verdrängen der Vergangenheit: „Kein ‚Schwamm drüber‘, keinen Schlussstrich, wie manche wieder meinen. Sie wächst, wenn Menschen daraus Verantwortung vor Gott und füreinander übernehmen.“
Frieden beginnt im Alltag
Ausgehend von den biblischen Lesungen lenkte Erzbischof Bentz den Blick schließlich auf den christlichen Auftrag zum Frieden. Wie die Trompeten im Buch Numeri die Menschen zusammenriefen, so begleite auch die Glocke die Gemeinde in Freude und Sorge und lade zum Gebet ein. Den Friedensgruß Jesu aus dem Evangelium, „Friede diesem Haus!“, bezog der Erzbischof auf die Botschaft der neuen Glocke: Sie solle an den Frieden erinnern, den Christus schenke und den die Menschen miteinander leben sollten.
Dieser Auftrag beginne nicht erst im Zusammenleben zwischen Staaten und Völkern, sondern bereits im persönlichen Alltag. Bentz ermutigte dazu, auf Menschen zuzugehen, mit denen das Gespräch schwerfalle, und anderen ohne vorschnelle Vorurteile zu begegnen. Frieden könne dort wachsen, wo Menschen bereit seien, einander zuzuhören. „Der Glockenklang erinnert uns, diesen Schritt heute zu tun.“
Auch der heilige Nikolaus, dessen Namen die neue Glocke trägt, stehe für eine solche Haltung. Anhand einer Legende über den Heiligen erinnerte Bentz daran, wie wichtig Teilen und Vertrauen seien. „Wer teilt, darf hoffen, dass neues Leben wächst. Wer teilt, gewinnt.“
In der Entscheidung der Menschen in Frielinghausen werde dieser Gedanke auf besondere Weise sichtbar: Sie ließen ihre historische Glocke ziehen und behielten durch den Neuguss zugleich ihren vertrauten Klang. Die Freude der Menschen in Kielcza über die Rückkehr ihrer Glocke müsse die eigene Freude nicht schmälern. Mit Blick auf das für den Nikolaustag geplante erste Läuten der neuen Glocke verband Bentz diesen Gedanken mit der Frage, was jeder Einzelne mit anderen teilen könne.
Zum Abschluss seiner Predigt griff der Erzbischof Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“ und dessen Friedenswunsch auf. Er bat um Frieden für die Menschen in Frielinghausen und Kielcza, für Deutsche, Polen und alle Menschen. Seine Predigt schloss er mit den Worten: „Zwei Dörfer, ein Klang – und die gemeinsame Hoffnung, dass Frieden wachsen kann. Immer.“