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© Hermann-Josef Dregger
© Hermann-Josef Dregger

„Zwei Dörfer, ein Klang“

Europäisches Zeichen für Frieden und Versöhnung: Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz weiht neue Glocke für Frielinghausen

Eine Glocke, zwei Dörfer und eine Geschichte, die weit über Ländergrenzen hinausreicht: Mehr als 70 Jahre lang rief eine jahrhundertealte Kirchenglocke die Menschen im sauerländischen Frielinghausen zum Gebet. Nun soll sie an ihren Ursprungsort im polnischen Kielcza zurückkehren. Ihr vertrauter Klang aber bleibt: Eine eigens angefertigte Kopie, gegossen in der Königlichen Glockengießerei Eijsbouts im niederländischen Asten, wird künftig in der St.-Nikolaus-Kapelle läuten. Am Freitag, 6. November 2026, hat Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz die neue St.-Nikolaus-Glocke im Rahmen eines Gottesdienstes in Bremke geweiht. In seiner Predigt stellte er die Bedeutung von Erinnerung, Versöhnung und gelebtem Frieden in den Mittelpunkt. Die neue, 40 Kilogramm schwere Glocke soll erstmals am Nikolaustag, dem 6. Dezember, läuten.

Ein Stück Heimat ziehen lassen

Wie eng die Geschichte der Glocke mit dem Leben der Menschen in Frielinghausen verbunden ist, machte Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz in seiner Predigt deutlich. Seit 1953 hatte ihr Geläut die Menschen über Generationen hinweg begleitet – bei freudigen Anlässen ebenso wie in Zeiten der Trauer. Zugleich erinnerte der Erzbischof daran, dass die Glocke ursprünglich aus dem heutigen Polen stammt und während des Zweiten Weltkriegs für Rüstungszwecke beschlagnahmt worden war. Die Rückkehr an ihren Ursprungsort sei deshalb auch eine Möglichkeit, eine Folge des Krieges zu überwinden. „So bekommt die Erinnerung an Ihre alte Glocke Zukunft: Aus ihr wächst ein Schritt auf andere Menschen zu.“
Dass die Verantwortlichen in Bremke und Frielinghausen der Rückführung zugestimmt haben, würdigte Bentz ausdrücklich: „Das verdient meinen Dank und größten Respekt. Sie lassen ein Stück eigener Heimat ziehen und nehmen ernst, was diese Glocke den Menschen in Kielcza bedeutet.“
Die Entscheidung sei zugleich ein Beispiel dafür, wie über Ländergrenzen hinweg neue Verbindungen entstehen können. Während die historische Glocke nach Polen zurückkehren soll, bleibt ihr vertrauter Klang durch eine neu gegossene Kopie in Frielinghausen erhalten. Der Erzbischof hob dabei die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden in Deutschland und Polen sowie der niederländischen Glockengießerei hervor: „Polnische und deutsche Gemeinden haben mit niederländischem Handwerk beiden Orten Zukunft eröffnet. Ein europäisches Zeichen für Frieden und Versöhnung, für ein gemeinsames kulturelles Erbe über Grenzen hinweg!“

Ein hörbares Zeichen der Versöhnung

Mit der Geschichte der Glocke verband Erzbischof Bentz die Frage, wie Versöhnung zwischen Menschen und Völkern gelingen könne. Dabei erinnerte er auch an die Worte des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, der bereits kurz nach der deutschen Wiedervereinigung die Bedeutung des gemeinsamen Gedenkens für die deutsch-polnische Aussöhnung betont hatte: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass gerade dann, wenn sich Deutsche und Polen im Gedenken an ihre Toten zusammenfinden, Versöhnung gestiftet werden kann.“
Mit Blick auf den bevorstehenden Volkstrauertag unterstrich Bentz, dass die Glocke auch die Erinnerung an Krieg und Unrecht in sich trage. Indem die Menschen im Sauerland ihre Rückkehr nach Polen ermöglichten, übernähmen sie Verantwortung und zeigten ihren polnischen Nachbarn, dass ihnen deren Geschichte nicht gleichgültig sei. Diese Botschaft brachte der Erzbischof mit den Worten zum Ausdruck: „Eure Geschichte geht uns an. Wir wollen, dass zwischen unseren Völkern, Polen und Deutschland, Vertrauen wächst. Versöhnung entsteht.“
Gerade angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine sei ein solches Miteinander von besonderer Bedeutung. Europa brauche Frieden, Zusammenhalt und verlässliche Nachbarschaft. Die Zusammenarbeit der Menschen in Deutschland, Polen und den Niederlanden zeige, wie ein konkreter Beitrag zur Aussöhnung aussehen könne. „Eine Glocke, die dem Krieg dienen sollte, wird zum Zeichen der Aussöhnung. Ihr Klang erinnert täglich daran.“
Zugleich machte Dr. Bentz deutlich, dass Versöhnung nicht bedeute, die Vergangenheit zu vergessen. Der deutsche Überfall auf Polen und das nationalsozialistische Unrecht könnten dadurch nicht ungeschehen gemacht werden. Vielmehr brauche Versöhnung eine wahrhaftige Erinnerung und die Bereitschaft, daraus Verantwortung zu übernehmen. Deutlich wandte sich der Erzbischof gegen ein Verdrängen der Vergangenheit: „Kein ‚Schwamm drüber‘, keinen Schlussstrich, wie manche wieder meinen. Sie wächst, wenn Menschen daraus Verantwortung vor Gott und füreinander übernehmen.“

Frieden beginnt im Alltag

Ausgehend von den biblischen Lesungen lenkte Erzbischof Bentz den Blick schließlich auf den christlichen Auftrag zum Frieden. Wie die Trompeten im Buch Numeri die Menschen zusammenriefen, so begleite auch die Glocke die Gemeinde in Freude und Sorge und lade zum Gebet ein. Den Friedensgruß Jesu aus dem Evangelium, „Friede diesem Haus!“, bezog der Erzbischof auf die Botschaft der neuen Glocke: Sie solle an den Frieden erinnern, den Christus schenke und den die Menschen miteinander leben sollten.
Dieser Auftrag beginne nicht erst im Zusammenleben zwischen Staaten und Völkern, sondern bereits im persönlichen Alltag. Bentz ermutigte dazu, auf Menschen zuzugehen, mit denen das Gespräch schwerfalle, und anderen ohne vorschnelle Vorurteile zu begegnen. Frieden könne dort wachsen, wo Menschen bereit seien, einander zuzuhören. „Der Glockenklang erinnert uns, diesen Schritt heute zu tun.“
Auch der heilige Nikolaus, dessen Namen die neue Glocke trägt, stehe für eine solche Haltung. Anhand einer Legende über den Heiligen erinnerte Bentz daran, wie wichtig Teilen und Vertrauen seien. „Wer teilt, darf hoffen, dass neues Leben wächst. Wer teilt, gewinnt.“
In der Entscheidung der Menschen in Frielinghausen werde dieser Gedanke auf besondere Weise sichtbar: Sie ließen ihre historische Glocke ziehen und behielten durch den Neuguss zugleich ihren vertrauten Klang. Die Freude der Menschen in Kielcza über die Rückkehr ihrer Glocke müsse die eigene Freude nicht schmälern. Mit Blick auf das für den Nikolaustag geplante erste Läuten der neuen Glocke verband Bentz diesen Gedanken mit der Frage, was jeder Einzelne mit anderen teilen könne.
Zum Abschluss seiner Predigt griff der Erzbischof Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“ und dessen Friedenswunsch auf. Er bat um Frieden für die Menschen in Frielinghausen und Kielcza, für Deutsche, Polen und alle Menschen. Seine Predigt schloss er mit den Worten: „Zwei Dörfer, ein Klang – und die gemeinsame Hoffnung, dass Frieden wachsen kann. Immer.“

 

Eine Glocke auf dem Weg der Versöhnung – die wichtigsten Stationen

Die historische Glocke entsteht und gehört zum Geläut der St.-Bartholomäus-Kirche im schlesischen Keilerswalde, dem heutigen Kielcza in Polen.

Die Nationalsozialisten beschlagnahmen die Glocke für Rüstungszwecke. Sie übersteht den Zweiten Weltkrieg, ohne eingeschmolzen zu werden.

Die historische Glocke wird nach Bremke geliefert und anschließend als Leihglocke in der St.-Nikolaus-Kapelle im benachbarten Frielinghausen aufgehängt.

Die Kirchengemeinde St. Bartholomäus in Kielcza sucht nach ihrer historischen Glocke. Nach ihrer Identifizierung in Frielinghausen beginnen die Bemühungen um eine Rückführung.

Die Glocke wird in Frielinghausen ausgebaut und zur denkmalgerechten Restaurierung in die Niederlande gebracht.

In der Königlichen Glockengießerei Eijsbouts im niederländischen Asten wird eine originalgetreue Kopie gegossen.

Das Bundesinnenministerium genehmigt den Unter-Leihvertrag, der die Überlassung der historischen Glocke an die Kirchengemeinde in Kielcza ermöglicht.

Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz weiht die neue St.-Nikolaus-Glocke im Rahmen eines Gottesdienstes in Bremke.

Am Nikolaustag soll die neue Glocke erstmals in der St.-Nikolaus-Kapelle in Frielinghausen läuten.

Die historische Glocke soll in Bremke an die polnische Kirchengemeinde St. Bartholomäus in Kielcza übergeben werden und künftig dort wieder erklingen.

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