Wer kennt es nicht: Im Alltag, wenn jeder mit sich beschäftigt ist, hat man manchmal keinen Blick für andere. Was im vollen Supermarkt als Unachtsamkeit abgetan wird, hallt in anderen Kontexten lauter nach. „Der sieht nur sich selbst“, urteilen wir, wenn wir jemandem Egoismus unterstellen. „Ich fühle mich einfach nicht gesehen“, beschweren wir uns in zwischenmenschlichen Beziehungen.
„Ich sehe, was du brauchst“
Jemanden zu „sehen“ bedeutet mehr als das Verb zunächst vermuten lässt. „Ich sehe dich“ meint im ersten Zug: „Ich nehme dich wahr“. Weiterhin kann es heißen „Ich sehe dich mit allem, was dich ausmacht – deiner Freude und deinem Leid.“ Und in einer weiteren Interpretation, die wohl der höchsten Form von Nächstenliebe bedarf, kann es bedeuten: „Ich sehe, was du brauchst, und ich helfe dir. Ich sorge für dich und beschütze dich. Ich lasse dich nie allein.“
Im Alltag erleben wir diese dritte ausgiebige Form des „Gesehen-Werdens“ nicht immer. Manch einer spürt sie nie und zweifelt gar an, dass sie ihm zusteht. Manch einer will kein Aufheben um sich machen – es unkompliziert halten und sich möglichst bescheiden geben. Schließlich lautet eine bekannte Plattitüde: „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.“ Doch was, wenn ich mal nicht die Kraft habe, allein durchzukommen? Wer sieht mich, wenn alle Augen von mir abgewendet sind? Die Antwort ist … „nicht zu übersehen“: Gott.
„Du bist der Gott, der mich sieht“, sagt die Magd Hagar im ersten Buch Mose. Auch Hagar hätte sich fragen können: „Wer bin ich, dass ich es verdient habe, in meinem Leid gesehen zu werden?“ Und doch sieht Gott sie – unabhängig von ihrem Status und ihrer Geschichte. Durch Gott wird Hagar stark. Er ist ihr Fels, ihre Burg, ihr Retter und ihre sichere Zuflucht.
Wie Hagar können auch wir sicher sein: Gott sieht uns. Wir werden nicht übersehen. Für ihn sind wir sichtbar. Mit allem, was wir sind.