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© Jasmin Lobert / Erzbistum Paderborn
© Jasmin Lobert / Erzbistum Paderborn

„Wenn Sie nicht Menschlichkeit zeigen dürfen, wer dann?“

Krankenhauspfarrer Stephan Massolle begleitet in Höxter Kranke, Angehörige und Mitarbeitende. Dabei geht es längst nicht nur um Gott und Gebet. Er erzählt, was seine Arbeit ausmacht und wie ihn sein Glaube trägt.

Als er das Zimmer betritt, stehen die Angehörigen ratlos rund um das Krankenbett. Krankenhauspfarrer Stephan Massolle fragt sie, ob er dem Sterbenden die Krankensalbung spenden soll. „Nein“, lautet ihre Antwort. Das Vaterunser möchten sie aber gerne gemeinsam beten. Bevor er die Familie verlässt, tritt er an den Sterbenden heran, legt seinen Daumen auf dessen Stirn, um ihn zu segnen. Genau als er zum Kreuzzeichen ansetzt, ertönt ein anhaltendes Piepen. Das Herz des Mannes hat aufgehört zu schlagen.

„Solche Begegnungen vergisst man nicht“, erzählt Pastor Massolle. „Sowas geht unter die Haut.“ Für ihn war es, als habe er dem Sterbenden mit dieser Berührung den Impuls gegeben, gehen zu dürfen. Die Angehörigen waren angerührt und dankbar für diese letzte Geste, erinnert sich der Priester.

Krankenhausseelsorger brauchen Empathie

Seit 2022 arbeitet Stephan Massolle je zur Hälfte in der Pfarrei Heiligste Dreifaltigkeit Beverungen und als Krankenhauspfarrer im Krankenhaus St. Ansgar in Höxter. „Das Schöne ist, dass auf dem Einzugsgebiet des Krankenhauses die Pfarrei Beverungen liegt, genauso wie mein Heimatort. Ich kenne hier einfach viele Leute aus verschiedenen Zusammenhängen.“ Das helfe ihm auch bei seiner Arbeit im Krankenhaus.

Oft gehe er von Station zu Station, um bei dem Pflegepersonal zu fragen, wer sich über seinen Besuch freuen würde. Oft sprechen die Pflegerinnen und Pfleger den Seelsorger von sich aus an: „Hier könnten Sie mal vorbeischauen.“ Für seine Besuche möchte er sich Zeit nehmen. Manchmal verbringe er einen ganzen Nachmittag bei einer Person, wenn er den Eindruck habe, dass es ihr guttue. „Als Krankenhauspfarrer brauche ich viel Empathie und Gefühl dafür, was die Menschen gerade brauchen.“

Ich bin nicht für die physischen Wunden da, sondern für die innerlichen.

Krankenhauspfarrer Stephan Massolle

Viele Menschen reagierten im ersten Moment mit den Fragen „Ist es so schlimm? Muss ich sterben?“, erzählt der Priester. „Dann muss ich sie immer erst beruhigen.“ Einen Einblick in die Diagnosen der Patienten hat er nicht. „Ich bin nicht für die physischen Wunden da, sondern für die innerlichen“, sagt er. Die Menschen dürften einfach ihr Herz bei ihm ausschütten, so wie sie das möchten und gerade brauchen, so Pastor Massolle. Das könne aber auch heißen, dass der Kontakt nur aus einem kurzen Smalltalk und einer kleinen Aufheiterung besteht.

Ablehnung muss er aushalten

Aber nicht immer wollen die Menschen mit ihm reden. Als Krankenhauspfarrer stoße er ab und an auch auf Ablehnung. „Nicht jeder ist Fan von Kirche. Dann landen alle schlechten Erfahrungen bei mir.“ Das müsse er aushalten. Wirklich böse Kommentare hätte er bisher aber nicht gehört. „Die meisten Menschen sind dankbar für meinen Besuch“, sagt er.

Ein Vorurteil sei, dass die Menschen mit ihm nur über Gott sprechen dürften oder beten müssten. „Aber es geht nicht immer direkt um Gott oder Religion“, so Pastor Massolle. Konfessions- und Religionszugehörigkeit sowie Kirchenmitgliedschaft spielen bei seinen Besuchen keine Rolle. Ihm geht es um den Menschen und seine innere Zufriedenheit. Dabei dränge er niemandem seinen Glauben oder auch nur ein Gespräch darüber auf. Gleichzeitig macht er kein Geheimnis um seinen Glauben. In den Begegnungen soll spürbar werden, wer ihn trägt, sagt der Krankenhauspfarrer.

Schon früh für andere da

Schon als Kind war es ihm wichtig, für andere da zu sein und sich um andere zu kümmern. So besuchte er zum Beispiel regelmäßig eine Schulkameradin, die in der dritten Klasse auf dem Schulhof verunglückt war und im Wachkoma lag. Nach dem Zivildienst an einer Blindenschule und einer Ausbildung zum Bauzeichner begann er das Theologiestudium. „Wenn ich nicht Priester geworden wäre, hätte ich in der Pflege angefangen“, sagt er.

Noch im Studium absolvierte er ein Sozialpraktikum im Paderborner Hospiz. „Da habe ich schon gemerkt, dass mir die Begleitung von Menschen in extremen Situationen liegt.“ Als Priester ließ er sich zum Notfallseelsorger und später zum Krankenhausseelsorger ausbilden.

Morgens und abends eine Kerze

Während seiner Tätigkeit im Krankenhaus wird Stephan Massolle besonders häufig mit Schicksalsschlägen, schweren Krankheiten, Tod, Trauer und Schuldfragen konfrontiert. Was ihm hilft, damit umzugehen? „Ich weiß mich von Gott getragen. Mir hilft es, mich daran zu erinnern.“ Zu Beginn und am Ende seines Tages im Krankenhaus zündet er eine Kerze in der Kapelle an. Begegnungen, Erlebnisse und Gespräche gibt er dann in Gottes Hände.

„Ich bin für alle Menschen da. Das schließt die Patienten genauso ein wie die Mitarbeitenden des Krankenhauses“, betont Pastor Massolle. Der Druck auf das Personal sei durch den Fachkräftemangel spürbar. Deshalb schaue er an jedem seiner Krankenhaustage in der Notfallambulanz und auf der Intensivstation vorbei, schaffe die Möglichkeit für Gespräche. Gerade dort seien die Mitarbeitenden teilweise mit sehr schweren Situationen konfrontiert, was belastend sein kann.

Gott, was machst du mir hier wieder für ein Geschenk?

Krankenhauspfarrer Stephan Massolle

Manchmal fehlen einem Krankenhausseelsorger die Worte

„Aber auch ich bin nur ein Mensch“, sagt er und erinnert sich an eine Situation, die ihn kalt erwischte: Im Beisein ihrer Angehörigen sagte eine ältere Dame recht unvermittelt: „Ich werde sterben.“ Ihm fehlten die Worte. Die Emotionen drohten ihn zu überwältigen, also bat er darum, frische Luft schnappen zu gehen. Auf dem Gang nahm er die nächstbeste Tür und fand sich in der Abstellkammer wieder. Erstmal durchatmen und sich auf Gott besinnen.

Eine Pflegerin hatte beobachtet, wie es aus dem Krankenzimmer geflüchtet war. Nachdem er seine Emotionen wieder unter Kontrolle hatte, sprach er sie an, weil ihm diese Situation unangenehm war. Doch zu seiner Überraschung sagte die Pflegerin nur: „Wenn Sie nicht Menschlichkeit zeigen dürfen, wer dann?“ Für ihn war diese Aussage eine große Erleichterung. „Da kam mir der Gedanke: Gott, was machst du mir hier wieder für ein Geschenk?“ Ihm wurde klar: Ein Krankenhausseelsorger muss nicht auf jede Frage eine Antwort wissen. Er darf darauf vertrauen, dass bei Gott auch das aufgehoben ist, was er selbst nicht lösen kann.

Ein Beitrag von:
Team Redaktion

Jasmin Lobert

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