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© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Was eine Kirche in der Minderheit stark macht

Im Westen des Erzbistums sprechen am dritten Abend des Amtssitzwechsels Engagierte und Bischöfe darüber, was die Kirche hier von der Diaspora lernen kann.

Was trägt eine Kirche, die kleiner wird – und wie bleibt sie nah bei den Menschen? Diese Frage prägte den dritten Abend des Amtssitzwechsels von Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz. Nach einem Gottesdienst in der St.-Bonifatius-Kirche in Herne-Mitte lud er zur Podiumsdiskussion ein. Zu Gast war Bischof Erik Varden, Vorsitzender der Nordischen Bischofskonferenz, der in dieser Woche mit seinen nordischen Amtskollegen das Bonifatiuswerk in Paderborn besuchte.

„In Skandinavien gibt es eine Kirche der Minderheit, die aber nicht weniger wirksam ist. Gerade in der Frage, wie wir mit der säkularen Welt umgehen müssen, können wir miteinander ins Gespräch gehen und voneinander lernen“, stimmte der Erzbischof zu Beginn des Gottesdienstes auf das Thema des Abends ein. In seiner Predigt griff er die Sorgen vieler Gläubiger auf: „Kirche in der Minderheit klingt in Deutschland immer nach einem Verlust. Manche haben den Eindruck, Kirche werde nicht mehr gebraucht.“ Auch in Gesprächen vor Ort begegne er Trauer und Verlustängsten.

„Hier entstand die Kirche nicht mit Besitz, sondern durch die Menschen“

Dass Kirche weiterhin gebraucht werde, zeigten ihm jedoch viele Begegnungen in diesen Tagen. In Herne erinnerte er an die Anfänge der katholischen Gemeinde: „Denn ihre Geschichte beginnt selbst als Minderheitengeschichte.“ Nach der Reformation sei die Stadt lange evangelisch geprägt gewesen. Die ersten katholischen Gottesdienste seien in einem gemieteten Haus gefeiert worden. „Hier entstand die Kirche nicht mit Besitz, sondern durch die Menschen, die gemeinsam ihren Glauben leben wollten – nah am Evangelium.“

Diesen Gedanken verband der Erzbischof mit dem Tagesevangelium (Lk 9,1–6), in dem Jesus die zwölf Jünger aussendet: „Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd.“ Gebäude, Personal und Einfluss seien wertvoll. Entscheidend bleibe jedoch der Auftrag, die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden.

Kirche in der Minderheit muss offenbar nicht zuerst eine Kirche des Mangels sein. Sie kann eine Kirche der Konzentration werden.

Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz

Minderheit habe auch eine Chance

Wie das gelingen könne, habe er auf einer Rundreise mit dem Bonifatiuswerk in Skandinavien erlebt: in kleinen, aber internationalen, jungen und lebendigen Gemeinden. „Mich hat beeindruckt, wie selbstverständlich Menschen dort von ihrer Gotteserfahrung sprechen. Wie wichtig ihnen die Sakramente sind. Wie sehr Klöster als Orte der Stille und der Einkehr zu Ankerpunkten werden.“

Für Erzbischof Bentz zeigt das: „Kirche in der Minderheit muss offenbar nicht zuerst eine Kirche des Mangels sein. Sie kann eine Kirche der Konzentration werden.“ Bischof Varden habe ihm dazu mitgegeben: „Minderheit hat auch eine Chance, weil sie kein Territorium zu verteidigen hat.“ Statt nur Strukturen zu erhalten, müsse Kirche Menschen die Gegenwart Christi erfahrbar machen und „Heimweh nach Herrlichkeit“ wecken.

Für Bischof Varden ist Kirche im säkularen Raum Normalität

Was bedeutet das für das Gemeindeleben vor Ort? Darüber diskutierten Erzbischof Bentz und Bischof Varden anschließend vor etwa 100 Gästen mit Haupt- und Ehrenamtlichen der Pfarrei St. Dionysius in Herne. Zu ihnen gehörten Pfarrer Nils Petrat, Engagementförderin Jennifer Markwiok und Gabi Drenhaus, die sich seit 50 Jahren ehrenamtlich in ihrer Gemeinde engagiert. Dr. Maximilian Schultes aus dem Bereich Pastorale Dienste moderierte das Gespräch.

Für Bischof Varden ist Kirche im säkularen Raum Normalität. Er plädierte dafür, daraus kein „großes Drama“ zu machen. Ein Blick ins Neue Testament helfe, die eigene Situation zu verstehen. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stand die Verkündigung Christi, zu der auch die Botschaft vom Kreuz gehöre: „Wenn wir in der Welt missionarisch wirksam sein wollen, müssen wir die ganze – und nicht einfache Wahrheit – Jesu Christi verkünden“, sagte Bischof Varden. Wer Christus verkünden wolle, müsse ihn kennen.

Die Frage nach Gott und dem Menschen gehören zusammen

Auch die Kirche selbst brauche stetige Erneuerung. Als lebendiger Leib Christi sei sie heilig und zugleich stets der Reinigung bedürftig. Den Blick auf Christus verband Bischof Varden zudem mit der Frage nach dem Menschen: „Wenn Gott wirklich Mensch geworden ist, ist die Konsequenz für die menschliche Natur immens.“ Die Frage nach Gott und die Frage nach dem Menschen gehörten deshalb zusammen.

Bischof Varden sprach außerdem von einer „Veruneigentlichung“ der Welt. Die Gesellschaft werde immer oberflächlicher und anonymer. Gerade mit der Weiterentwicklung von KI verlagere sich das Leben des Menschen zunehmend ins Virtuelle. Bischof Varden plädiert dafür, wieder zur Wirklichkeit zurückzufinden. „Wir müssen uns mit der Wirklichkeit beschäftigen, damit wir der Gegenwart durch unsere christliche Einsicht helfen können.“

Christus ist das Freundlichste und Beste, was wir zu bieten haben.

Pfarrer Nils Petrat

„Wir müssen unseren Mitmenschen zuhören“

Wie sich der Glaube im Gemeindeleben vermitteln lässt, griffen die Stimmen aus Herne auf. Pfarrer Nils Petrat bekräftigte, wie wichtig die Verankerung in Christus sei: „Christus ist das Freundlichste und Beste, was wir zu bieten haben.“ Jennifer Markwiok betonte die Bedeutung der Sprachfähigkeit: „Ich muss meinen Glauben anderen erklären können.“

Gabi Drenhaus lenkte den Blick auf die Begegnung mit den Menschen: „Wir brauchen Orte und wir müssen unseren Mitmenschen zuhören.“ Dafür gelte es auch, die eigene Komfortzone zu verlassen, ergänzte Erzbischof Bentz: „Kirche darf keine Angst vor den Lebenswirklichkeiten anderer Menschen haben.“

„Kirche muss sich konzentrieren“

Zum Abschluss benannte der Erzbischof eine doppelte Aufgabe: Die Kirche habe zu viele Räume aus Stein, aber zu wenige Räume für Begegnungen. „Wir müssen Kirchen zurückbauen und gleichzeitig neue Kirchorte erschließen.“ Dabei gehe es auch darum, die eigenen Kräfte bewusst einzusetzen: „Kirche muss sich konzentrieren.“ Haupt- und Ehrenamtliche sollten ihren Begabungen entsprechend Schwerpunkte setzen – und den Mut haben, anderes loszulassen.

Den Glauben verständlich zur Sprache bringen, Menschen zuhören und Begegnung ermöglichen: Darin wurde der Auftrag einer Kirche in der Minderheit an diesem Abend konkret. Die Nähe zu Christus und die Nähe zu den Menschen gehörten dabei zusammen. Bischof Vardens Gelassenheit ermutigte dazu, Minderheit nicht nur als Verlust zu verstehen, sondern als Chance, den eigenen Auftrag neu zu entdecken

Ein Beitrag von:
Team Redaktion

Jasmin Lobert

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