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© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

„Wir wollen Zukunft und wir haben eine Zukunft“

Neue Energie in unsicheren Zeiten - Erzbischof Bentz beim Amtssitzwechsel im Austausch mit Industrie, Schülern und Engagierten

Vergleichen macht unglücklich. Zumindest meistens, weil Menschen dazu neigen, sich nach oben zu vergleichen. Mit Menschen, die es vermeintlich besser haben – oder mit Zeiten im Leben, in denen es noch besser lief.

Vergleichen kann aber auch guttun. Vor allem dann, wenn Menschen einander hinter die Fassade blicken lassen – und entdecken, dass andere vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz erlebt das an diesem Dienstagvormittag bei seinem Amtssitzwechsel im Westen des Erzbistums. Beim Stahlunternehmen Bilstein Group in Hohenlimburg trifft er auf eine Situation, die ihm bekannt vorkommt: Nach sehr guten Jahren geht es plötzlich darum, kleiner zu werden, Gewohntes infrage zu stellen und trotzdem an die Zukunft zu glauben.

Wenn Wachstum nicht mehr selbstverständlich ist

Die Bilstein Group kauft Stahl ein, walzt ihn kalt aus, härtet ihn durch Hitze und verkauft ihn weiter. Aus Bilstein-Stahl entstehen unter anderem Teile für Anschnallgurte und Antriebsstränge für Verbrennermotoren, Sägen oder Schienen für Schranktüren.

„Jeder von uns hat im Schnitt bis zu 70-mal am Tag Materialien aus unserer Branche in der Hand“, sagt CEO Marc T. Oehler, als er das Familienunternehmen vorstellt.

Der Betrieb hat gute Zeiten erlebt. Sehr gute. „Bis vor weniger Jahren war Stahl eine Wachstumsbranche“, sagt CEO Oehler. „Jetzt sind wir unter Druck.“

Gut 60 Prozent der Kunden von Bilstein sind Automobilzulieferer. Doch die Automobilindustrie in Deutschland und Europa schwächelt. Dazu kommen hohe Energie- und Personalkosten und Kunden, die verstärkt auf günstigere Alternativen setzen.

Für Bilstein hat das Konsequenzen: Das Unternehmen baut 300 Stellen ab, strukturiert um und spart. Gleichzeitig sucht es nach neuen Geschäftsfeldern, will dafür den eigenen Stahl stärker selbst weiterverarbeiten.

Diese Erfahrung kommt dem Erzbischof bekannt vor: Nach Jahren, in denen vieles selbstverständlich schien, wächst die Unsicherheit. Strukturen verändern sich, Ressourcen werden weniger, Zukunft muss neu gedacht werden.

„Ich finde es sehr beeindruckend, wie schonungslos das Unternehmen auf seine Situation schaut – und gleichzeitig dadurch ein kreatives Potenzial entstehen kann“, sagt Erzbischof Bentz. „Es wird auch für uns als katholische Kirche wichtig sein, dass wir eine neue Energie entwickeln und sagen: Wir wollen Zukunft, wir gehen in die Zukunft und wir haben eine Zukunft.“

Ein leerer Laden als Ort für kirchliches Leben?

Wie solche Zukunft aussehen kann, erlebt Bentz wenig später in der Hagener Innenstadt. In einem ehemaligen Modegeschäft entsteht der „Ankerplatz“ – ein neuer Ort für Citypastoral und für Menschen, die sich mit Fragen nach Glauben und Sinn beschäftigen.

Noch erzählen Schaufensterpuppen, Kleiderhaken und Umkleidekabinen davon, was hier einmal war. Künftig wollen sie hier von Jesus erzählen. Mit und ohne viele Worte.

Ansgar Conrads aus der Citypastoral möchte hier aus einem christlichen Verständnis heraus für die Menschen da sein. Mit Angeboten wie Spieleabenden, „Meet and Eat“ oder Filmreihen will er Menschen einen Ort bieten, an dem sie sich wohlfühlen und ihre Lebensfragen mitbringen.

Vikar Mike Hottmann begleitet bereits Menschen, die sich fragen, ob sie sich taufen lassen möchten. Hier sollen diese Gespräche ein zu Hause haben. Genauso geistliche Begleitung und ein Glaubenskurs.

Erzbischof Bentz ist gespannt darauf, was hier wachsen kann. Ob Kirche hier mit einem neuen Angebot, ähnlich wie zuvor bei Bilstein gehört, marktfähig werden kann.

© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Was kann Kirche für den Umweltschutz machen?

Am Nachmittag geht es raus aus der Innenstadt. Rein in die Natur. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Hildegardis-Schule besucht Erzbischof Bentz die Lenne. Auf insgesamt 2,4 Kilometern ist der Fluss in mehreren Abschnitten renaturiert worden. Flache Nebenarme, Inseln und Kiesflächen bieten heute wieder Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

Die Jugendlichen nutzen diese Orte selbst. An Sommertagen verbringen sie Zeit am Fluss, erzählen sie.

Renaturierung der Lenne

Während die Lenne in den 70er Jahren für ein Gewerbegebiet um 600 Meter verschoben und zu einem Fluss gebaggert wurde, der in einem Tempo stumpf geradeausfließt, wechseln sich in den renaturierten Bereichen flache Nebenarme, Inseln und der Hauptstrom ab. Erzbischof Bentz und die Schüler erfahren, dass in den neuen flachen Nebenarmen des Flusses wieder Fische laichen und neues Leben in die Lenne bringen. Sie sehen, wie sich Enten, Kanadagänse und der Gänsesäger auf den Steinen und Stämmen im Fluss ausruhen. Hören, dass in den renaturierten Abschnitten der Flussregenpfeifer kommt, um seine Eier auf den offenen Kiesflächen abzulegen.

Mit dem Erzbischof sprechen sie darüber, was der Umgang mit der Natur mit Glauben zu tun hat. Luis fragt: „Was kann die Kirche für den Umweltschutz machen? Was haben Sie da für persönliche Ambitionen?“

Bentz antwortet: „Nachhaltigkeit ist auch eine Frage für den Glauben. Ist mir bewusst, dass die Natur nicht unser Gegenüber ist, sondern wir Menschen uns als Teil der Natur begreifen dürfen? Erkenne ich, wie sehr alles zusammenhängt? Dass viele Probleme in der Natur daherkommen, dass wir auf Kosten anderer leben?“

Für ihn gehört dazu, im Alltag Zeichen zu setzen, die Bewusstsein schaffen können. Zum Beispiel, dass er als einer der ersten Bischöfe auf vollelektrische Dienstwagen umgestiegen ist.

Die Suche danach, was ein gutes Leben ausmacht

Dann fragt Schülersprecher Jeremie: Was können Sie uns jungen Menschen generell mit auf den Weg geben?

„Egal wie alt wir sind“, sagt Bentz, „wir suchen immer danach, was ein gutes Leben ausmacht. Da ist für mich wichtig, dass wir als Teil einer großen Familie, der Menschheitsfamilie, Gottes Schöpfung geschaffen sind. Das heißt für mich: Ich darf schauen, dass ich mein Leben immer mit anderen verwirklichen kann – und nicht gegen andere. Sorge ich mich für das Gemeinsame? Sorge ich mich für die anderen?“

Die Gespräche gehen weiter, als Bentz gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ins Kanu steigt. Sie paddeln über die Lenne, powern sich aus und genießen die spätsommerliche Sonne.

© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Vom Kanu in die Kirche

Raus aus dem Kanu, rein ins Messgewand. Am Abend feiert Erzbischof Bentz in Hagen-Boele mit Engagierten aus dem Ruhrgebiet die Heilige Messe. Menschen kommen zusammen, singen, beten, danken, bitten und werden still.

Wer den Tag bis hierhin erlebt: Gott ist da. In jedem Moment. Überall in der Welt. Und wer an ihn glaubt, dem tut es gut, sich Momente zu gönnen, indem ER ganz im Fokus steht. In denen man alles, was draußen ist, mit in die Kirche nimmt und ein Stück verwandelt wieder rausgeht.

Danach geht es erneut um Veränderung – diesmal ganz konkret um die Zukunft der katholischen Kirche in der Region. Stichwort: Transformationsprozess.

Die „Hidden Champions“ sind eingeladen. Menschen, deren Arbeit und Engagement den Alltag in den Gemeinden tragen: Küsterinnen und Küster, Organistinnen und Organisten, Pfarrsekretärinnen und Pfarrsekretäre, Messdienerleiterinnen und -leiter, Hausmeister und weitere Engagierte.

Bentz will ihnen danken. Und er will zuhören. Denn die Transformation im Erzbistum Paderborn beschäftigt sie unmittelbar.

Die entscheidende Frage: Wozu ist Kirche da?

Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz im Austausch mit den Hidden Champions im Ruhrgebiet. © Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz im Austausch mit den Hidden Champions im Ruhrgebiet.

Ein Ehrenamtlicher aus Heilig Geist in Hagen fragt: Sind Sie bereit, dass auf Ebene der neuen Pfarreien Mitarbeitendenvertretungen gegründet werden?

Ein Messdiener fragt: Wie kann es gelingen, dass das hauptamtliche Personal künftig noch einen Draht zum Spirit der Gläubigen vor Ort hat?

Ein Hausmeister will wissen: Was kann Kirche tun, um Kinder für den Glauben zu begeistern?

Und ein ehemaliger Religionslehrer stellt schließlich die grundsätzliche Frage: Was ist für Sie überhaupt der Kern unserer Verkündigung als Kirche in einer säkularen Gesellschaft?

Die Antworten führen in viele Richtungen. Doch eine Aussage des Erzbischofs bündelt, worum es an diesem Tag immer wieder gegangen ist – um die Frage, was bleibt, wenn Sicherheiten verschwinden – und woraus trotzdem Zukunft entstehen kann: „Kirche ist dafür da, dass Menschen erfahren, was für eine Lebensressource der Glaube an Gott ist“.

Ein Beitrag von:
Portraitbild
Redakteur

Tobias Schulte

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