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© Sonja Funke / Erzbistum Paderborn
© Sonja Funke / Erzbistum Paderborn

Mysterienspiele Kleinenberg: Ganz viel Menschliches trifft auf ganz viel Göttliches

Mitgehen und über acht Szenen das Leben Marias und Jesu erspüren, das ermöglichen die Mysterienspiele in Kleinenberg. Wie kleine Details und große Bilder den Glauben erfahrbar machen. Eine Reportage.

„Lassen Sie uns Maria begleiten und die Kraft ihrer Liebe spüren.“ So nimmt uns unsere Wegbegleiterin Melanie im Pfarrheim in Empfang. Wir starten als Gruppe von ca. 80 Personen. Jede halbe Stunde geht am 12. und 13. September 2026 eine neue Gruppe los, taucht ein ins Theatergeschehen, das sich durch den Ort Kleinenberg zieht. Über acht Szenen wird uns der Weg von der Kirche bis hin zum Wallfahrtsgelände mit Mutter-Gottes-Brunnen und schließlich zur Wallfahrtskirche mit dem Gnadenbild. Mehr als 100 Darstellende warten auf dem 2,5 Kilometer langen Weg auf uns. Einen Weg, den wir mit Maria durch biblische Geschichten gehen. Und der uns, so viel sei verraten, die Kraft Jesu körperlich spüren lässt. Wir begleiten sie, Maria, und erleben mit ihr ihn, Jesus.

Melanie erklärt uns einiges zum Ablauf. Zum Beispiel dazu, dass wir von Szene zu Szene am besten schweigend weitergehen. Und sie gibt uns ein Begleitheft mit den Szenentexten in die Hand. Außerdem erhalten wir eine Plakette, die uns an dieses besondere Erlebnis erinnern soll. Danach gehen wir nach draußen. Und hinein ins Geschehen vor mehr als 2000 Jahren, in das uns Niels Nolte mit Flötenklängen führt.

Erzählungen aus der Bibel spürbar miterleben

Was sich jetzt abzeichnet, zieht sich durch die gesamten zweieinhalb Stunden und über zweieinhalb Kilometer Weg, die nun folgen: Wie alle Mitwirkenden mit ganzem Herzen ihre Rollen spielen – und dadurch mitreißen. Sie selbst scheinen bewegt durch ihre Rolle, als ob sie sich tief damit auseinandergesetzt hätte. So getragen spielen sie diese, voller Respekt, sich der Tragweite dessen, was sie spielen, absolut bewusst.

Und wir als begleitende Zuschauerinnen und Zuschauer sind mittendrin, gehen mit. Wir haben die einzigartige Möglichkeit, Gott durch die Erfahrungen, die andere Menschen mit ihm gemacht haben und die in der Bibel aufgeschrieben wurden, kennen zu lernen. Hier sogar im gelebten Spiel, denn nun beginnt die erste Szene: Wir befinden uns auf dem Kirchplatz vor einem Podest, das sonst dem Ort als Kulturbühne dient. Heute ist es das Haus der Elisabeth.

Von hinten zieht Maria durch die Besuchergruppe zu Elisabeth. Letztere verfällt in Jubel angesichts der frohen Botschaft, die Maria ihr mitbringt: „Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist das Kind, das du unter deinem Herzen trägst.“ Worte, die uns aus dem Ave-Maria, vertraut sind und dabei vielleicht manchmal hölzern klingen. Hier aber wird das Evangelium gespielt. Im Dialog wird es lebendig!

Von Bethlehem zum Tempel: Maria begleitet Jesus

Die Glocke erschallt und kündigt die nächste Szene an. Melanie nimmt uns mit hinter die Kirche. Wir sehen, wie Maria und Josef auf dem Weg nach Bethlehem vorbeiziehen. „Josef, ich will alles dafür tun, dass Gottes Wille geschieht und unser Sohn seinen göttlichen Auftrag erfüllt“, sagt Maria. Und Josef antwortet: „Und ich werde dir dabei helfen.“

Auch wenn der Esel störrisch dazwischenfunkt, die beiden Darsteller tragen die Szene unbeirrt durch und alle sehen sie ganz still wieder wegziehen. Versunken in dieses Gefühl der beiden: einfach auf das zu vertrauen, was kommt, so ungewiss alles ist.

Jäh wird die Gruppe aus ihren Gedanken gerissen. „Haben Sie meinen Sohn gesehen?“, ruft die nächste Maria, als sie mit Josef durch den Park an der Kirche streift. Wir folgen ihr in die Kirche, die heute ein Tempel ist, wo sie ihn endlich findet. Nur um von ihm zu hören: „Ich verstehe die Sorge nicht. Ich war hier und bin hier: Im Tempel, der meines Vaters ist. Warum also suchtet ihr mich, da ich doch nur war und bin, wo ich sein muss?“ Maria antwortet: „Meine Sorge ist die der Mutter, die dich liebt. Deine Sorge aber ist die Liebe, die du der Welt bringen willst. Die Weisheit Gottes wird dich zur Reife führen.“ Sie reicht ihm die Hand, beide ziehen aus der Kirche hinaus. Wir Besucher können mehr denn je erahnen, wie der 12-jährige Jesus auf die Schriftgelehrten gewirkt haben muss. Und welche Sorgen Maria wohl hatte, als er drei Tage lang nicht zu finden war. Nun hören wir den Gesangverein Rimbeck das ökumenische Marienlied „Mit dir, Maria, singen wir“ von Eugen Eckert und Winfried Offele (1994) intonieren. Es ist ein Moment für die Seele in der Kirche, der uns eine Verbindung zum Heute schafft.

In der schwersten Stunde einen Bruder oder eine Schwester finden

Etwa 500 Schritte weiter im Ort folgt die Hochzeit zu Kana, wo Jesus Wasser in Wein verwandelt. Ein Moment wiederum fürs Auge, denn diese bunte orientalische Szene wird in einem privaten Garten gespielt, umsäumt von Apfelbäumen und mit vielen Darstellerinnen und Darstellern.  Diesem einen Wunder werden viele weitere folgen.

Die Szene lässt durchatmen, doch schon wenige Minuten später ziehen wir hinter Jesus her, der das Kreuz trägt. Wir folgen einer Prozession, die Messdiener mit einem „INRI“-Schild anführen. Unterwegs eilt Maria zu ihrem geschundenen Sohn. Es ist einer der eindrucksvollsten Momente, unmittelbar Teil dieses grausamen Geschehens zu sein und gleichzeitig Statist. Ging es den Menschen damals ähnlich?

Noch dazu gehen wir den realen Kreuzweg, der mit seinen 14 Stationen hin zur Kreuzigungsgruppe führt. Am Ziel sehen wir Maria unter dem Kreuz. Der steinerne Jesus übernimmt hier im Spielgeschehen, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch. Auch hier hören wir Vertrautes, was so mitten im Geschehen ganz anders wirkt: „Wie bist du so erbleichet, wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich gericht‘?“, zitiert Maria, was Paul Gerhardt in „O Haupt voll Blut und Wunden“ dichtete.

Alle sind gebannt. Und Maria? So zutiefst erschüttert sie ist, erstarkt sie auch schon wieder. Ihr Glauben hilft ihr. Und sie hat Beistehende: Sie wird gestützt durch Johannes, den Jesus noch am Kreuz zu ihrem Sohn ernennt. An ihrer Seite ist Maria von Magdala, die sie selbst nun Schwester nennt. Und sie hat eine Botschaft für uns: „Ich wünschte, alle Menschen, die ihr Kreuz zu tragen haben und unter ihm zu stürzen drohen, würden in ihrer schwersten Stunde eine Schwester, einen Bruder finden.“

Maria mit Jesu in ihrem Schoß: Das berührt unmittelbar

Still ziehen wir weiter auf der Wallfahrtsanlage, über die Hauptstraße hinweg hin zur kleinen Kapelle mit der Pietà ganz nah am Marienbrunnen, die so idyllisch liegt. Hier, direkt vor der künstlerischen Abbildung der gleichen Szene, warte Maria schon auf der Treppe, ihren toten Sohn im Schoß. Ein Anblick, der unmittelbar berührt. Noch stärker wird das Mitgefühl, als sie seinen Körper hinlegt und verlässt. Verlassen muss. Sie schaut den Leichnam Jesu an und sagt: „Ich werde jetzt gehen, mein Sohn, der du leben wirst in Ewigkeit. Meine Liebe gilt dir und dem Vater, dessen Name geheiligt ist, wie du es uns gelehrt hast.“

Der Kinderchor singt von oben auf das Wallfahrtsgelände herab: „Segne Du, Maria“. Kurz zuvor hatten sie noch im Wald getobt, auch diese Geräusche taten gut, störten nicht, brachten Lebendigkeit in das von Jesu Tod mitgenommene wandernde Publikum. Nun stehen sie hier, voll konzentriert, auch sie sich ihrer Rolle absolut bewusst.

Maria bleibt erlebbar: Wallfahrtsstätte Kleinenberg und Gnadenbild laden ein

Es geht hin zur achten und letzten Szene. Zu dem Ort, an dem sich auch Maria aus der Welt verabschiedet: in die Wallfahrtskirche. Vor dem Gnadenbild steht sie in einer überdimensionalen Hand, verkündet ihre Aufnahme in den Himmel. „Ich werde jetzt treten vor Gott, den gerechten, damit ich sein kann in seiner Liebe, die da ist im Himmel und auf Erden – immerdar!“ Wir lauschen dem abschließenden Ave-Maria, gesungen von Dr. Nicola Bunte.

Maria verschwindet. Ein tröstendes „Und bis wir uns wiedersehen“, hat sie uns noch mitgegeben…  Und nicht nur das: Kleinenberg, das Wallfahrtsgelände und das Gnadenbild laden weiter dazu ein, Maria zu besuchen und sie zu verstehen und über sie Jesus näher zu kommen. Maria als Vorbild im Glauben.

Ein Beitrag von:
Sonja Funke
Redakteurin

Sonja Funke

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