Christliche Identität in Zeiten des Umbruchs
Im Mittelpunkt der diesjährigen Salzburger Hochschulwochen steht die Frage: Was macht den Menschen, die Kirche und die Gesellschaft aus? Angesichts gesellschaftlicher Umbrüche wird diese Frage immer dringlicher – etwa durch künstliche Intelligenz, den Klimawandel und autoritäre Entwicklungen. Denn nur wer weiß, wofür er steht, kann auf solche Veränderungen reagieren.
Erzbischof Bentz beginnt seine Überlegungen zur Identität der Kirche mit einem Vers aus dem ersten Buch der Chronik: „Fremde sind wir vor dir und Gäste“ (1 Chr 29,15). Die Worte stammen aus dem Dankgebet König Davids. Obwohl das Volk viel für den Bau des Tempels gespendet hat, stellt David nicht die eigene Leistung in den Mittelpunkt. Er erinnert daran, dass alles von Gott kommt.
Christliche Identität ist Geschenk, nicht Besitz
Für Erzbischof Bentz verändert dieser Bibelvers den Blick auf Identität. „Darin liegt ein Paradigmenwechsel“, sagt er. „Identität wird nicht als Besitz verstanden, sondern als etwas Verdanktes.“ Christliche Identität beginnt also nicht mit dem, was Menschen leisten oder verteidigen. Sie gründet in dem, was ihnen geschenkt ist.
Im Neuen Testament wird dieser Gedanke weitergeführt. Erzbischof Bentz formuliert: „Christliche Identität beginnt mit der Einsicht: Wir gehören uns nicht selbst.“ Dazu verweist er auf den Galaterbrief: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Christliche Identität wächst damit aus der Beziehung zu Christus – einer Beziehung, die Menschen empfangen, von der sie erzählen und die sie leben.
Offenheit statt Abschottung
Doch die Kirche hat sich in ihrer Geschichte immer wieder abgeschottet. Auch heute steht sie durch Traditionsabbrüche, die Missbrauchskrise und den damit verbundenen Vertrauensverlust unter Druck. „Man versucht zu schützen, was durch die vielen verschiedenen Strömungen in der Gesellschaft bedroht erscheint.“ Dabei könne jedoch die Vielfalt aus dem Blick geraten, die zum Christentum gehört.
Deshalb dürfe die entscheidende Frage nicht lauten: Wie bewahren wir christliche Identität?, sondern: Welches Verständnis von Identität entspricht dem Wesen der Kirche und kann sie in die Zukunft tragen?
Erzbischof Bentz greift dazu Gedanken des Philosophen Thomas Bedorf auf. Identität ist demnach veränderlich und nie vollständig abgeschlossen. Menschen sind durch ihre Vergangenheit, ihre Beziehungen und ihr Umfeld geprägt. Zugleich können sie sich bewusst zu diesen Prägungen verhalten.