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© Kathpress / Henning Klingen
© Kathpress / Henning Klingen

Die Kirche muss Christus lebendig halten

Was macht kirchliche Identität aus? Was gilt es zu wahren und wo braucht es Aufbruch? Darüber spricht Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz in seinem Festvortrag zum Abschluss der Salzburger Hochschulwochen.

„Identität gibt Halt. Sie kann Menschen orientieren, stärken und beheimaten. Identität kann aber auch zur Abgrenzung werden, zur Selbstbehauptung gegen andere“, so Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz in seinem Festvortrag zum Abschluss der Salzburger Hochschulwochen. Damit greift Erzbischof Bentz das Generalthema der diesjährigen Sommeruniversität auf: „Wer wir sind und sein wollen. Identität: Superkraft und Problemzone“.

Was sind die Salzburger Hochschulwochen?

Die Salzburger Hochschulwochen sind eine internationale Sommeruniversität an der Paris Lodron Universität Salzburg. Seit 1931 fördern sie den Austausch zwischen Theologie, Philosophie sowie Kultur- und Sozialwissenschaften. Rund 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutieren dort jährlich Fragen des Menschseins und aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.

Christliche Identität in Zeiten des Umbruchs

Im Mittelpunkt der diesjährigen Salzburger Hochschulwochen steht die Frage: Was macht den Menschen, die Kirche und die Gesellschaft aus? Angesichts gesellschaftlicher Umbrüche wird diese Frage immer dringlicher – etwa durch künstliche Intelligenz, den Klimawandel und autoritäre Entwicklungen. Denn nur wer weiß, wofür er steht, kann auf solche Veränderungen reagieren.

Erzbischof Bentz beginnt seine Überlegungen zur Identität der Kirche mit einem Vers aus dem ersten Buch der Chronik: „Fremde sind wir vor dir und Gäste“ (1 Chr 29,15). Die Worte stammen aus dem Dankgebet König Davids. Obwohl das Volk viel für den Bau des Tempels gespendet hat, stellt David nicht die eigene Leistung in den Mittelpunkt. Er erinnert daran, dass alles von Gott kommt.

Christliche Identität ist Geschenk, nicht Besitz

Für Erzbischof Bentz verändert dieser Bibelvers den Blick auf Identität. „Darin liegt ein Paradigmenwechsel“, sagt er. „Identität wird nicht als Besitz verstanden, sondern als etwas Verdanktes.“ Christliche Identität beginnt also nicht mit dem, was Menschen leisten oder verteidigen. Sie gründet in dem, was ihnen geschenkt ist.

Im Neuen Testament wird dieser Gedanke weitergeführt. Erzbischof Bentz formuliert: „Christliche Identität beginnt mit der Einsicht: Wir gehören uns nicht selbst.“ Dazu verweist er auf den Galaterbrief: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Christliche Identität wächst damit aus der Beziehung zu Christus – einer Beziehung, die Menschen empfangen, von der sie erzählen und die sie leben.

Offenheit statt Abschottung

Doch die Kirche hat sich in ihrer Geschichte immer wieder abgeschottet. Auch heute steht sie durch Traditionsabbrüche, die Missbrauchskrise und den damit verbundenen Vertrauensverlust unter Druck. „Man versucht zu schützen, was durch die vielen verschiedenen Strömungen in der Gesellschaft bedroht erscheint.“ Dabei könne jedoch die Vielfalt aus dem Blick geraten, die zum Christentum gehört.

Deshalb dürfe die entscheidende Frage nicht lauten: Wie bewahren wir christliche Identität?, sondern: Welches Verständnis von Identität entspricht dem Wesen der Kirche und kann sie in die Zukunft tragen?

Erzbischof Bentz greift dazu Gedanken des Philosophen Thomas Bedorf auf. Identität ist demnach veränderlich und nie vollständig abgeschlossen. Menschen sind durch ihre Vergangenheit, ihre Beziehungen und ihr Umfeld geprägt. Zugleich können sie sich bewusst zu diesen Prägungen verhalten.

Christsein bleibt in Bewegung

Christsein ist deshalb kein fertiger Zustand. „Wir ‚haben‘ unsere Identität nicht, wir ‚leben‘ sie, sie formt und bildet sich ständig weiter.“ Wer nach Identität fragt, muss also damit leben, dass es keine endgültige Antwort gibt.

Christliche Identität entsteht für Erzbischof Bentz auch im Erzählen. „Indem ich ins Wort bringe, was mich trägt, wird mir selbst klarer, wer ich bin oder gerne sein möchte“, sagt er. Die Kirche müsse sich deshalb als „Erzählgemeinschaft des Christusereignisses“ verstehen. Indem Christinnen und Christen von Jesus Christus erzählen, halten sie die Botschaft von Gott in der Gegenwart lebendig.

„Damit ist aber auch klar: Ein Identitätsverständnis, das geschichtliche Dynamik relativiert oder gar auf einen bestimmten geschichtlichen Moment festfriert, entspricht nicht dem Verständnis, zu dem sich die Erzählgemeinschaft Kirche auf dem letzten Konzil und in den Folgejahren positioniert hat“, so der Erzbischof.

In ihrer Geschichte habe die Kirche immer wieder gelernt, Neues aufzunehmen, ohne ihren Kern aufzugeben. „Dieser Mut und diese Zuversicht fehlen mir heute an mancher Stelle“, sagt Erzbischof Bentz.

Das Kriterium ist, ob eine Gestalt christlicher Identität auf Christus hin durchsichtig wird. Hilft sie, Christus zu erkennen? Führt sie tiefer in seine Haltung, seine Wahrheit, seine Freiheit, seine Barmherzigkeit hinein?

Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz

Weltkirche zwischen Einheit und Vielfalt

Diese Offenheit ist auch für die Weltkirche entscheidend. Das Evangelium begegnet Menschen in unterschiedlichen Kulturen und Lebenswirklichkeiten. Die pastoralen und ethischen Herausforderungen sind daher nicht überall gleich. Auch die Fragen und Antworten können sich unterscheiden. „Und doch muss es das eine und dasselbe Evangelium bleiben“, sagt Erzbischof Bentz.

Die Kirche steht somit vor der Aufgabe, Einheit und kulturelle Vielfalt miteinander zu verbinden. Das gelingt nicht ohne Spannungen und Konflikte. Diese gehören nach den Worten von Erzbischof Bentz zur Entwicklung kirchlicher Identität. „Wir dürfen keine Angst davor haben“, sagt er.

Synodalität als gemeinsamer Weg

Hier gewinnt Synodalität an Bedeutung. Sie meint, dass die Kirche ihren Weg gemeinsam sucht. Dabei muss sie Spannungen zwischen Einheit und Vielfalt, Tradition und Erneuerung sowie Autorität und Teilhabe aushalten und gestalten.

Kirchliche Identität wird deshalb nicht nur durch Glaubensinhalte geprägt. Entscheidend ist auch, wie Menschen in der Kirche miteinander umgehen und Verantwortung übernehmen.

Doch wenn sich Identität verändert: „Was bleibt dann verbindlich?“, fragt Erzbischof Bentz.

„Hilft sie, Christus zu erkennen?“

Christliche Identität sei bis in ihren innersten Kern relational, aber nicht relativistisch, so Erzbischof Bentz. Sie entstehe also in Beziehungen, werde dadurch aber nicht beliebig. Entscheidend sei, ob sich im Leben und Handeln etwas von Christus zeige. Denn: „Nicht jede Berufung auf Christus ist schon christusförmig.“
Christus dürfe nicht für eigene Interessen, Ängste oder Machtansprüche vereinnahmt werden. Erzbischof Bentz fragt deshalb: „Das Kriterium ist, ob eine Gestalt christlicher Identität auf Christus hin durchsichtig wird. Hilft sie, Christus zu erkennen? Führt sie tiefer in seine Haltung, seine Wahrheit, seine Freiheit, seine Barmherzigkeit hinein?“

Erzbischof Bentz: Fünf Thesen zur kirchlichen Identität

  1. Die Kirche soll eine kritische Stimme in der Gesellschaft sein und zugleich glaubwürdig an der Seite der Menschen stehen.
  2. Christliche Identität misst sich an ihrer Beziehung zu Jesus Christus. Deshalb ist es Aufgabe der Kirche, den Glauben an Gott in der Welt lebendig zu halten.
  3. Veränderungen und neue Entwicklungen sind für die Kirche keine Bedrohung, sondern eine Chance, das Evangelium neu zu verkünden.
  4. Indem Christinnen und Christen davon erzählen, wer sie sind und was ihnen Halt gibt, stärken sie ihre Identität und geben Zeugnis von ihrem Glauben.
  5. Das gemeinsame Beraten und Entscheiden gehören zum Kern der Kirche.

Was das konkret bedeutet, fasst Erzbischof Bentz so zusammen: Die Kirche muss „präsent sein, ohne zu vereinnahmen. Zeugnis geben, ohne zu zwingen. Die eigene Hoffnung bekennen, ohne die Freiheit anderer zu bedrohen. Sprechen, ohne andere zu übertönen. Widersprechen, ohne zu zerstören. Einladen, ohne zu vereinnahmen.“

Christliche Identität ist für Erzbischof Bentz somit weder ein fester Besitz noch ein Mittel zur Abgrenzung. Sie wächst aus der Beziehung zu Christus, bewährt sich in der Begegnung und im Gespräch mit anderen und bleibt offen für Veränderung. Denn christliche Identität versteht andere Menschen nicht als Bedrohung. Sie sieht im Gegenüber vielmehr zuerst einen Menschen, der „wie ich selbst vor Gott steht.“

Ein Beitrag von:
Team Redaktion

Jasmin Lobert

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