Hilfe von „echten“ Menschen
Die TelefonSeelsorge begleitet Menschen oft in schwierigen Lebenssituationen. Wie ist sie im Erzbistum Paderborn heute aufgestellt?
Ihren Anfang nahm die TelefonSeelsorge schon in den 1970er Jahren, als engagierte Menschen nach und nach Stellen gründeten im Rahmen lokaler Initiativen. Heute leisten rund 500 Ehrenamtliche im Erzbistum Paderborn Hilfe am Telefon. Allein im vergangenen Jahr sind rund 73.000 Anrufe eingegangen. Im Vorjahr waren es 60.000 Anrufe. Aber auch die Nachfrage auf anderen Kontaktwegen wird größer – 2025 erhielten wir 5.850 Hilfegesuche per Mail und haben fast 7000-mal im Chat unterstützt.
Welche Sorgen und Themen beschäftigen die Menschen derzeit besonders?
Am Telefon berichten uns Menschen häufig von bedrückender Einsamkeit. Viele sind auch psychisch erkrankt. Das vergrößert ihre Einsamkeit oft zusätzlich. Beziehungsprobleme, Probleme in der Familie, unerfüllte Bedürfnisse und Erwartungen an andere Menschen oder die Gesellschaft im Allgemeinen spielen ebenso eine große Rolle.
Im Chat sind viele Jugendliche betroffen von psychischer Instabilität und fühlen sich oft ohnmächtig. Nicht selten berichten sie von tiefen seelischen Krisen bis hin zu Selbstverletzung und suizidalen Gedanken. Sie schildern oft ihre Angst vor anderen im Umfeld oder sind hilflos im Umgang mit Eltern oder Lehrern. Corona hat die Isolation mancher Jugendlichen nachhaltig verstärkt.
Gibt es Entwicklungen oder gesellschaftliche Veränderungen, die sich in Ihren Gesprächen besonders deutlich widerspiegeln oder sind es überwiegend individuelle Sorgen?
In Telefongespräche macht sich vor allem die gesellschaftliche Zerrissenheit bemerkbar. Einigen Menschen fällt es schwer, andere Meinungen und Wertehaltungen zuzulassen – das kann dazu führen, dass Themen generalisiert werden oder es gar zu Polarisierung kommt. Immer mehr Anrufende empfinden gesellschaftliche Veränderungen als belastend.
Andere zeigen sich besorgt über die soziale Entwicklung. Die Folgen der Individualisierung und der Rückgang sozialer Eingebundenheit machen sich bemerkbar. Menschen sind vermehrt verängstigt und suchen nach Orientierung.
Hat sich das Beratungsverhalten in den vergangenen Jahren verändert? Beobachten Sie Unterschiede zwischen den Generationen – etwa bei den Kontaktwegen oder der Art, Hilfe zu suchen?
Junge Menschen greifen weniger oft zum Hörer – sie chatten oder mailen lieber. Sie schätzen die respektvolle Begegnung, Beziehungssensibilität und Akzeptanz. Umso wichtiger ist hier ein vertrauensvoller Gesprächsrahmen.
Welche Rolle spielen digitale Angebote und Künstliche Intelligenz dabei? Nehmen Sie wahr, dass insbesondere jüngere Menschen zunächst auf KI oder Chat-Bots zurückgreifen – oder bleibt die persönliche Beratung generationenübergreifend gefragt?
Wir werden inzwischen oft gefragt im Chat, ob wir Menschen sind, die hier beraten, oder KI-gesteuerte Chat-Bots. Manche Ratsuchende erleben KI-gestützte Angebote zunächst als besonders freundlich, emphatisch und verständnisvoll. Auch in der TelefonSeelsorge stehen Empathie und Wertschätzung im Mittelpunkt. Gleichzeitig kann die persönliche Begleitung auch dabei unterstützen neue, ungewohnte oder herausfordernde Perspektiven zu erkennen, die außerhalb der Komfortzone liegen, langfristig aber dabei helfen, die eigene Situation neu einzuordnen und nachhaltige Veränderungen anzustoßen.
Papst Leo XIV. betont immer wieder die Bedeutung echter menschlicher Beziehungen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Erleben Sie das auch in der TelefonSeelsorge? Was kann ein Mensch im Gespräch leisten, was KI nicht ersetzen kann?
Viele, vor allem junge, Menschen schätzen die KI als verständnisvollen Gesprächspartner, dessen Ratschläge entlastend sind und guttun. Kontakt zur KI zu suchen und persönliche Sorgen zu schildern, wird oft mit weniger Hemmungen verbunden als der direkte Kontakt zu anderen Menschen. KI ist aber oft nicht konfrontativ, wenn es darauf ankommt. Die Stärke der Telefonseelsorge liegt in der zwischenmenschlichen Begegnung – im gemeinsamen Nachdenken und im Eingehen auf die individuelle Lebenssituation. In Krisensituationen wie Suizidalität, bei Selbstverletzung, oder nach Trauma-Erfahrungen verweist die KI oft an Angebote wie die TelefonSeelsorge. Viele melden sich bei uns über den Chat, weil die KI sie zuvor dazu aufgefordert hat.
Die TelefonSeelsorge lebt vom ehrenamtlichen Engagement. Wie gelingt es derzeit, neue Mitarbeitende zu gewinnen? Wie kann man sich ehrenamtlich engagieren? Welche Voraussetzungen sollten Interessierte mitbringen?
Menschen, die sich für ein Ehrenamt bei der TelefonSeelsorge interessieren, werden oft über die Presse auf uns aufmerksam. Eine ebenso große Bekanntheit erfahren wir durch die sozialen Medien oder durch persönliche Empfehlungen. Eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit bei der TelefonSeelsorge ist Lernbereitschaft. Ehrenamtliche werden vor ihrem ersten Einsatz umfassend ausgebildet. Hier geht es vor allem darum, Grundlagen der Gesprächsführung, Umgang mit psychischen Krisen und die Selbsterfahrung zu schulen. Weiterhin braucht es das Interesse und den Mut zur Selbstreflektion, eigene psychische Stabilität, Empathie- und Beziehungsfähigkeit – und nicht zuletzt 15-20 Stunden Zeit im Monat für den Dienst.
Die Vertreterinnen und Vertreter der TelefonSeelsorge im Erzbistum Paderborn haben Generalvikar Dr. Michael Bredeck zum Jahresgespräch getroffen.