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© Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn
© Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn

5 Jahre nach der Flut Hochwasserhilfe setzt auf Resilienzstärkung

Fluthilfe-Projekte in Hagen passen sich veränderten Bedürfnissen an

Bunt bepflanzte Gummistiefel hängen am neuen Jägerzaun, ein Weidentipi wächst langsam in die Höhe, um die Kräuterspirale summen und brummen Insekten – im Schulgarten der Grundschule Spielbrink in Hagen sieht nichts mehr aus wie in den Tagen des verheerenden Hochwassers vom 14. Juli 2021. Fünf Jahre danach engagieren sich wie in der Grundschule Spielbrink noch immer Menschen aus den Verbänden und Einrichtungen der Caritas in Hagen, um nicht mehr die akuten, sondern wirtschaftliche, soziale und emotionale Schäden der Flut zu beheben.

Vom Hochwasser-Bulli zur langfristigen Hilfe

Am 14.07.2021 überfluteten die Flüsse Ennepe, Lenne und Volme ganze Stadtteile Hagens. Über 9.000 Privathaushalte, Betriebsgelände, Straßen, Brücken und knapp 100 städtische Gebäude wurden beschädigt oder sogar zerstört. Der Caritasverband Hagen leistete Akuthilfe – und blieb dem Thema verbunden. Fünf Jahre nach der Flut, im Juni 2026, informierte sich Dr. Oliver Müller, Vorstand für Internationales, Migration und Katastrophenhilfe des Deutschen Caritasverbandes, über die Projekte, die nun auf die Stärkung gesellschaftlicher Resilienz setzen. Im stadtbekannten Hochwasserhilfe-Bulli ging es durch die Stadt, in der noch immer Schäden der Katastrophe sichtbar sind.

„Wir sind im Sommer 2021 mit dem Bulli in die Stadtteile gefahren, haben dort die ersten Beratungsgespräche geführt“, erinnert sich Miriam Paulat von der Hochwasserhilfe des Caritasverbands Hagen auf dem Weg nach Haspe. „Der ausgeklappte Campingtisch war unser Büro, hier drin haben wir Tränen getrocknet und Förderanträge ausgefüllt.“

Wo sich der Teich des Schulgartens der Grundschule Spielbrink befand, der vor fünf Jahren zerstört wurde, steht Schulleiter Torsten Kleineidam und berichtet aus der Zeit direkt nach der Flut, vom Wiederaufbau und der Bedeutung des Gartens für die Kinder, die hier Naturerfahrungen machen. Neben Oliver Müller sind Torsten Gunnemann, Vorstand des Caritasverbands Hagen, Angela Rzoska und Miriam Paulat von der Caritas-Hochwasserhilfe sowie Nicole Grenz vom Diözesancaritasverband Paderborn vor Ort. Sie besuchen an diesem Tag verschiedene Standorte in der ganzen Stadt, um zu zeigen, wie sich die Projekte in Hagen von der akuten Katastrophenhilfe hin zur Resilienzstärkung und Sozialraumarbeit weiterentwickelt haben. An der Grundschule Spielbrink gibt es neben dem Schulgarten auch ein Kunstprojekt. „Hier haben Kinder aus Familien, die vom Hochwasser betroffen waren, sich ausdrücken können. Es geht dabei nicht um das Ergebnis, sondern um den Prozess. Malen hat ja häufig eine therapeutische Wirkung“, erklärt Torsten Kleineidam die bunten Bilder, die im „Malraum“ der Schule entstehen. „Gefühle ausdrücken ist ein erster Schritt zur Verarbeitung.“ Es klingelt zur Pause. Die Schülerinnen und Schüler laufen an der Gruppe Erwachsener vorbei, lachen und rufen. „Hier oben bei uns gehen auch Kinder zur Schule, die weiter unten im Tal wohnen. Je weiter in der Tallage die Menschen leben, umso problematischer ist oft der sozioökonomische Status. Diese Familien waren in Hagen deutlich stärker vom Hochwasser betroffen.“

Quartiersarbeit schafft Resilienz

Ganz ähnlich klingen die Erzählungen aus dem Stadtteil Eckesey, wo Petra Skibbe und Ingo Espenhorst vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) berichten, wie Hochwasserhilfe und Quartiersarbeit Hand in Hand gehen. „Nah an der Volme, eingebettet zwischen Berg und Bahndamm, stand hier in Eckesey alles unter Wasser“, erinnert sich Ingo Espenhorst an die Tage im Juli 2021. „Das Schlimmste war nicht die Volme, die übergelaufen ist, sondern vor allem das Wasser, das aus der Kanalisation nach oben gedrückt wurde. Abwasser, das viel Müll mit sich geführt hat, Dreck, Öl – es war viel mehr als die Nässe. Menschen sind krank geworden durch die Keimbelastung.“

Petra Skibbe zeigt anhand einer Stadtkarte die topografische Lage des Stadtteils. Neben privaten Haushalten waren über 2.000 Industriebetriebe betroffen. In einer Stadt wie Hagen, die mit 16,6 Prozent eine der höchsten Sozialleistungsquoten in NRW hat, wirkt die Katastrophe lange nach – deutlich länger als die konkrete Gefahrenabwehr.

Die Hochwasserhilfe des SkF setzt nun verstärkt auf Quartiersarbeit zur Resilienzstärkung. „Über Sommerfeste und gemeinsame Aktionen wie ‚Eckesey räumt auf‘ kriegen wir Kontakt zu den Menschen. Im zweiten Schritt können wir dann beraten und niedrigschwellig Informationen zur Verfügung stellen“, erklärt Ingo Espenhorst.

Ähnlich arbeitet auch das Projekt BIWAQ (Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier) in Altenhagen oder der Fachdienst für Integration, Migration und Allgemeine Sozialberatung des Caritasverbands. Über Schulen, Ganztagsangebote und Beratungseinrichtungen sollen vor allem die Menschen erreicht werden, die im Fall einer Krisensituation am ehesten gefährdet sind.

Dr. Oliver Müller zieht am Ende des Tages ein Fazit: „Katastrophenhilfe endet nicht, wenn das Wasser verschwindet und die Einsatzfahrzeuge abrücken. Für viele betroffene Menschen beginnt die eigentliche Bewältigung der Krise erst danach – und genau dort ist die Caritas bis heute an ihrer Seite.“

Eine resiliente Gesellschaft braucht starke soziale Netzwerke und verlässliche Begleitstrukturen. Unterstützung nur für den Akutfall ist zu kurz gedacht, das zeigen die Hagener Projekte deutlich. Für die Zukunft ist klar, dass die Caritasverbände sich rüsten. „Wirksamer Bevölkerungsschutz gelingt nur dann, wenn Staat, Kommunen, Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbände gemeinsam handeln – partnerschaftlich, dauerhaft und mit einem gemeinsamen Verständnis dafür, dass Krisenhilfe immer auch soziale Hilfe ist.“

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