Manche Momente im Leben wiederholen sich stetig – und geben gerade deshalb Halt. Manche kleine und doch bedeutungsvolle Handlung, die nach dem immer gleichen Schema abläuft: das gemeinsame Essen am Sonntag, die Kerze am Abend, ein stilles Gebet vor einer wichtigen Entscheidung. Rituale begleiten uns, oft unbemerkt. Sie strukturieren den Alltag, geben ihm Tiefe und verbinden uns mit etwas, das größer ist als wir selbst. Auch im Christentum spielen sie seit jeher eine wichtige Rolle. Zugleich scheint das eine oder andere alte Ritual nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Stellt sich die Frage: Braucht Glaube solche symbolischen Formen noch? Und welchen Wert haben Rituale in der modernen Glaubenspraxis? Pastor Christian Laubhold aus der Kirchengemeinde St. Marien Schwerte bringt gemeinsam mit einem Seelsorgeteam traditionelle christliche Rituale dorthin, wo der Alltag der Menschen spielt: auf den Schwerter Marktplatz.
Braucht Glaube Rituale?
Herr Pastor Laubhold, wenn Sie an Ihren eigenen Glaubensweg zurückdenken: Welche Rolle haben Rituale für Sie persönlich gespielt?
Das ist gar nicht einfach zu beantworten. Denn viele Rituale sind selbstverständlich, ohne dass uns bewusst ist, dass wir in ihnen im Laufe der Zeit eine Heimat gefunden haben. Ich erinnere mich daran, wie ich mit meinen Großeltern ungefähr einmal im Monat eine Kerze bei Bruder Jordan in Dortmund und bei der Mutter Gottes in Werl entzündet habe. Ich war noch ein kleines Kind und habe das immer als etwas Geheimnisvolles empfunden. Heute würde ich sagen: Das waren erste Berührungen mit der himmlischen Seite des Lebens, mit Gottes realer Gegenwart.
Wozu brauchen wir Rituale im Glauben?
Rituale sind Brücken und sinnlich verdichtete Zeichen für unsere Beziehung zu Gott. Sie unterbrechen unseren Alltag und laden uns ein, unser Herz auf ihn auszurichten. Denn Gott ist immer da – aber wir sind nicht immer auf Empfang. In dem Moment, in dem ich etwa die Hand aufs Herz lege oder die Hände falte, kann ich mein Leben, mein Empfinden, Ängste, Dank oder Sorgen in Kontakt mit einer höheren Wirklichkeit bringen. Diese Handlungen lassen mich spüren: Du bist gesehen, gewollt, gemeint, geliebt. Darin liegt ihre Fruchtbarkeit. Dabei entsprechen viele katholische Rituale der Ganzheitlichkeit des Menschen, weil sie sein leiblich-seelisches Wesen zutiefst ernstnehmen. Und dem Wesen Gottes, der Mensch geworden ist. Unser Glaube ist ein Glaube, der die Erde liebt.
Droht diese Tiefenwirkung beim Festhalten an alten Formen, die nicht frei gewählt sind, verloren zu gehen?
Das hängt von der inneren Haltung ab. Wenn meine Handlung Ausdruck von echter Bewusstheit ist, trete ich in eine tiefe Beziehung zu Gott. Wenn Rituale zur bloßen Gewohnheit werden, besteht die Gefahr eines Formalismus. Aber auch unbewusst vollzogene Rituale können eine Spur in unser Herz legen – gute Gewohnheiten formen es wie durch einen lichten Glanz.
Welche Rolle spielen Rituale für Menschen, die mit dem Glauben hadern?
In Phasen des Zweifels können Rituale helfen. Gute Gewohnheiten wirken wie ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann. Im praktischen Vollzug bin ich getragen – Herz, Geist und Seele fühlen sich willkommen. Zugleich vollziehen wir viele Rituale in Gemeinschaft. Wir feiern Gottesdienst, singen, beten und empfangen Sakramente gemeinsam, sind im Glauben aufeinander angewiesen und stützen uns gegenseitig. Der Mensch ist ein starkes Zeichen, wenn er anwesend ist. Damit Rituale auch in schwierigen Zeiten gut wirken können, sollten sie einfach, überzeitlich und intuitiv verständlich sein – und eine Berührbarkeit zum Ausdruck bringen.
Die Berührung spielt beim Ritual der Segnung eine besondere Rolle. In Schwerte wird der „Segen to go“, etwa am Valentinstag, gut angenommen …
Ja, viele Paare haben sich angesprochen gefühlt und sind mit ihrer ganz eigenen Geschichte, ihren Sehnsüchten und Anliegen für die gemeinsame Zukunft, am Morgen des 14. Februar zum Marktplatz gekommen: von jung bis alt, von kirchennah bis kirchenfern. Andere machen ihr Geschäft am Valentinstag – wir als Kirche haben mit dem Schutzpatron der Liebenden eine echte Botschaft zu bieten. Wenn die Hände dann aufgelegt werden, können wir in der Berührung Schutz und Nähe spüren. Der Segenspender spricht ein Gebet in die persönliche Lebenssituation der Menschen hinein und ermöglicht so eine Verbindung mit bzw. eine Brücke zu Gott. Dabei weiß ich als segenspendende Person nie, was ich auslöse und was da passiert zwischen Seele und Gott. Ich sehe manchmal nur Tränen oder ein Lächeln. Das empfinde ich als wirklich heiligen Moment.
Erleben Sie heute eine Sehnsucht nach Ritualen jenseits traditioneller Frömmigkeit?
Was ich erlebe, ist eine Sehnsucht nach dem Mystischen und dem Geheimnisvollen: in der Esoterik, in der Gaming-Welt mit ihrem Faible für Fantasy und Zauberei, in der Jugendkultur. In unserem Alltag ist die unsichtbare Welt überall präsent. Aber dieses Unsichtbare ist nicht immer heilsam und von Liebe geprägt. Die Kirche hängt, nach einer Phase der Entmystifizierung und Rationalisierung, dieser Entwicklung hinterher. Dabei liegt in den Ritualen des Christentums, die eine Verbindung zum Göttlichen schaffen, ein großer Schatz, der reich und tief ist und seine Kraft noch nicht verloren hat.
Braucht es da neue Formen, die besser in unsere Zeit passen?
Über ein passendes Setting – Zeit, Ort, Musik zum Beispiel – kann man nachdenken, aber der Kern des Rituals muss bleiben. Um in die Tiefe zu führen und eine Ahnung von der Freundschaftsbeziehung zu Gott zu vermitteln, muss das Angebot authentisch sein, kein Produkt, das neu entwickelt wurde, weil das heute mal ganz nice ist. Wenn wir an Aschermittwoch zum Beispiel auf dem Schwerter Marktplatz das Aschekreuz to go spenden, ist das ein sehr altes Ritual: die Asche als Zeichen des Vergänglichen und dann die Hoffnungsperspektive über den Tod hinaus. Das Angebot wird von vielen Menschen in Schwerte angenommen – weil es sie zu einer Unterbrechung und einem Perspektivwechsel im Alltag einlädt, der ja selbst flüchtig ist.
Was bedeutet das für die Kirche und ihren Umgang mit Ritualen?
Ich wünsche mir, dass wir uns nicht verschämt zurückziehen, sondern mutig, freudig und zugewandt, also mit herzlichem Selbstbewusstsein, die Schätze, die im reichen Fundus des Katholischen liegen, auch auf den Leuchter stellen. Getragen von der tiefen Überzeugung, dass da echt was passiert zwischen Himmel und Erde.