Es ist 4.30 Uhr an diesem Mittwochmorgen. Der Wecker von Christian Richard klingelt. Aufstehen, Futter für die 60 Kühe mischen, im Stall nach dem Rechten sehen, melken. Routine? Nicht heute Morgen. Im Stall fällt dem 28-Jährigen auf, dass die Kuh, die gestern ein Kälbchen zur Welt gebracht hat, wackelig auf den Beinen ist. Er tastet sie ab und stellt fest, dass sie kalte Ohren hat – ein Zeichen, dass die Durchblutung des Tieres auf die wichtigsten Organe heruntergefahren ist. Der Grund: Calcium-Mangel. Noch längst bevor die Sonne über Grevenbrück im Kreis Olpe aufgegangen, die erste Tasse Kaffee oder das erste Brötchen im Magen ist, muss Richard die Kuh behandeln. Er holt eine Infusion samt Infusionsbesteck und sticht eine Nadel in die Milchvene am Bauch der Kuh, um sie aufzupäppeln. Es ist einer von vielen Momenten an diesem Tag, in denen Richard spürt, was es bedeutet, vor zwei Jahren den Bauernhof seiner Eltern übernommen zu haben. Er trägt die Verantwortung: für das Wohl der Tiere und die Wirtschaftlichkeit des Hofes, für über 60 Hektar Grünland und Ackerflächen, für die fünf Ferienwohnungen auf dem Bauernhof, den Forst der Familie, fast 300 Hühner und ein paar Gänse. Ein mutiger Schritt? Ja und nein.
Zukunft mit Mut: Wenn sich ein großer Schritt sicher anfühlt
„Dann kommen Zweifel auf.“
Klar ist: Mut braucht es da, wo Herausforderungen anstehen. Wo Ängste oder Zweifel im Spiel sind. Bei Christian Richard war das vor allem der Fall, als der Papierkram zwischen ihm und seinen Eltern erledigt wurde: der Vertrag zur Betriebsübergabe. „Das habe ich erst als Formsache angesehen“, sagt Richard, „aber es war schon eine intensive Zeit, in der wir uns immer wieder zusammengesetzt haben. Vor allem, weil es in den Verträgen um sehr kritische Situationen ging.“ Zum Beispiel: Was ist, wenn er verstirbt? Wer bekommt den Hof dann zurück? Oder: Was ist, wenn er durch eine Drogensucht oder andere Umstände nicht mehr geschäftsfähig ist? Was ist, wenn ihm die physischen oder psychischen Kräfte ausgehen und er nicht mehr zehn Stunden am Tag für den Betrieb funktionieren kann? Christian Richard sagt: „Man denkt ja häufig, dass alles ideal läuft, aber wenn man gezwungen ist, sich über den Worst Case Gedanken zu machen, dann kommen Zweifel auf.“
Mut? Dankbarkeit!
Mutig findet er seine Entscheidung trotzdem nicht, sagt Christian Richard: „Wenn ich an einen Bekannten denke, der mit 22 Jahren in der Nachbarschaft ein Restaurant eröffnet, dafür Geld aufnehmen musste, um sein Restaurant aufzubauen und damit ganz vorne anfing – das ist Mut für mich.“ Sein Schritt fühlt sich eher wie ein „großer Vertrauensbeweis“ seiner Eltern ihm gegenüber an. Sie übergeben ihm das, was sie aufgebaut haben: die Gebäude, Tiere, Flächen und die Ferienwohnungen, die zum Hof gehören. Doch all das verunsichert Christian Richard nicht, sondern schenkt ihm Sicherheit. Einerseits, weil die Eltern noch weiter mitarbeiten. Aber auch, weil er die Chancen statt der Gefahren sieht. Weil er sich selbst etwas zutraut. Und weil er den Rückhalt seiner Familie spürt. Er sagt: „Durch meine Eltern, meine Schwestern, Freunde und Bekannte haben ich so ein starkes Umfeld – das gibt mir unheimlich Sicherheit.“ Genauso stärkt ihn die Gemeinschaft unter den Landwirten in der Region: „Selbst wenn ich alleine auf dem Hof wäre und ein Problem mit einer Kuh hätte – dann könnte ich direkt fünf andere Bauern anrufen, die mir helfen würden, obwohl sie selbst genug zu tun haben.“ Neben der Unterstützung durch Familie und Freunde spielt für Christian Richard eine weitere Kraft eine große Rolle: Dankbarkeit. Sie trägt ihn durch die vielen Unwägbarkeiten des landwirtschaftlichen Alltags. Gerade in Momenten, in denen trotz guter Planung vieles anders kommt als erwartet, spürt er, wie gut es ihm dennoch geht. Dieses Bewusstsein nimmt Druck, schafft Gelassenheit und öffnet den Blick für das, was wirklich trägt. „Ich bin dankbar, dass hier alles funktioniert. Dass ich mit dem Glück gesegnet worden bin, hier oben auf diesem schönen Fleck Erde leben und arbeiten zu dürfen“, sagt Christian Richard. Diese Haltung ist im Alltag seiner Familie fest verankert – nicht als großes Thema, sondern als selbstverständlicher Ausdruck ihres Glaubens. Sichtbar wird das etwa im Tischgebet vor und nach dem Essen: ein kurzer Moment, in dem sie bewusst Gott danken für das, was ihnen geschenkt ist: „Das reicht von der Dankbarkeit für die Schale Salzkartoffeln auf dem Tisch, aber auch dafür, dass der Hof läuft, die Tiere gesund sind und die Arbeit gelingt.“
Eigene Ideen umsetzen
Gerade dass es sich für Christian Richard nicht wahnsinnig mutig anfühlt, den Hof seiner Eltern zu übernehmen, zeigt drei Dinge, die es braucht, um einen großen Schritt zu gehen: die Fähigkeit, sich auf Chancen statt auf die Risiken zu fokussieren. Dankbar zu bleiben. Und ein starkes Umfeld, das einen unterstützt. Er will investieren, um ressourcensparender zu wirtschaften. Er überlegt, wie sich die Wärmeenergie der Milch, die von 40 °C auf 4 °C heruntergekühlt werden muss, mit einer Wärmepumpe kombinieren lässt. Oder ob er mehr investieren will, um eine befahrbare Siloanlage oder eine Anlage zum Trocknen von Heu zu bauen, statt wie bisher das Gras mit Kunststofffolie in Ballen zu wickeln. Das Gute für den jungen Bauern: Er kann effizienter arbeiten, ohne dabei unter riesigem Druck zu stehen. Er sagt: „Ich habe das riesige Glück, dass meine Eltern den Hof in 30 Jahren weiterentwickelt und ihn mir ohne Investitionsstau übergeben haben.“ Und: „Das ist ja eigentlich das Coolste, wenn man seine eigenen Ideen umsetzen kann.“