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© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Verstorben im 40ten Jahr seines vergnügten Ehestandes

Im Todesfall die richtigen Worte finden, war zu keiner Zeit einfach. Eine Todesanzeige aus dem Jahr 1800 zeigt, wie sich die Kapuziner in Brakel dieser Aufgabe annahmen.

Wie finde ich im Todesfall die richtigen Worte? Das Internet ist voll mit gutgemeinten Ratschlägen und Textvorlagen. Neuerdings mischt sogar die generative Künstliche Intelligenz mit. Und stößt sogleich an ihre Grenzen. Gemini von Google rät beispielsweise von der Verwendung floskelhafter Wendungen ab, um drei Zeilen weiter Sätze wie „In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied von …“ oder „Wir lassen nur die Hand los, nicht aber den Menschen“ vorzuschlagen.

Nein, Kondolieren ist nichts, was wir Menschen den Maschinen überlassen dürfen. Wir müssen uns schon selbst die Mühe machen. Perfekt wird das Ergebnis nie werden, aber darauf kommt es nicht an. Im Grunde genommen gibt es nur zwei einfach Regeln. Sage etwas, das aus deinem Innersten kommt. Und sage etwas, das der oder dem Verstorbenen gerecht wird.

Exakt das gelang den Kapuzinern zu Brakel mit ihrer Todesanzeige zu Ehren ihres Förderers, des am 11. September 1800 verstorbenen Hochedelgebohrnen Herrn Konduktor Johannes Franciscus Sarrazin. Bei der Anzeige aus dem Bestand des Erzbistumsarchivs in Paderborn, der Archivalie des Monats Januar 2026, handelt es sich um ein frühes Exemplar aus der Gattung Todesanzeige. Die ersten als Zeitungsannonce veröffentlichten Todesanzeigen stammen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, sind also gerade einmal 50 Jahre älter als das vorgestellte Archivstück.

Sterben als öffentlicher Vorgang

Dass es so lange gedauert hat, bis die Todesanzeige aufkam, ist aus heutiger Sicht verwunderlich. Periodisch erscheinende Zeitungen gab es im deutschsprachigen Raum bereits seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Angezeigt wurde darin alles Mögliche, nur nicht der Tod. Dabei war das Sterben zu dieser Zeit ein öffentlicher Vorgang. Je bekannter und angesehener die im Sterben liegende Person war und je höher ihr Rang in der Hierarchie der Ständegesellschaft, desto mehr Besuch kam ans Sterbebett. Majestäten beispielsweise waren bis zum letzten Atemzug umgeben vom gesamten Hofstaat.

Die Archivalie des Monats Januar 2026: Todesanzeige der Kapuziner in Brakel zu Ehren des verstorbenen Johannes Franciscus Sarrazin, Konduktor (Gutspächter) und als Mitglied der Gebetsgemeinschaft der Kapuziner in Brakel ein Förderer der Ordensgemeinschaft

Jesus, Maria Franciscus.

Im Jahr nach der gnadenreichen Geburt unsers Erlösers und Seligmachers 1800., den 11ten September Nachts zwischen 1 und 2 Uhr entschlief sanft und ruhig zu Amelunxen im Hochstifte Corvey an den Folgen einer langwierigen Brustkrankheit und eines darauf folgenden Schlagflußes mit den H. H. Sterbesakramenten frühzeitig versehen, in dem 80ten Jahres seines ruhm- und beyspielvollen Alters und im 40ten seines vergnügten Ehestandes:

Weiland der Hochedelgebohrne Herr Konduktor Johannes Franciscus Sarrazin.

Seine ungeheuchelte Frömmigkeit, seine thätige Nächstenliebe, die jedem Nothleidenden willig unter die Arme griff, seine rastlose Thätigkeit in Erfüllung seiner Standespflichten, seine ausharrende Geduld in Ertragung der Gebrechen seines hohen und schwächlichen Alters lassen uns nicht zweifeln, daß die Seele des Verstorbenen schon die Freuden eines besseren Lebens genieße. Sollten indessen wider Vermuthen menschliche Schwachheiten selbe in der Anschauung Gottes noch zurückhalten; so empfehlen Endesbenennten, deren Orden er einverleibt war, sie dem H. H. Meßopfer Ehrwürdiger Priester und den Gebethen der Christgläubigen; damit sie desto eher

Ruhe in Frieden.

Väter Capuziner in Brakel.

(Transkription durch das Erzbistumsarchiv Paderborn)

Sprachlich korrekte Bandwurmsätze

Diese Anzeige der Kapuziner in Brakel galt einem ihrer Wohltäter, der sich in die Gebetsgemeinschaft hatte aufnehmen lassen und in deren Auftrag sie verfasst wurde. Die Anzeige beschreibt in anschaulichen Worten das Sterben und das Leben des Verstorbenen, das ihn des ewigen Lebens würdig erscheinen ließ. Der Verstorbene war Konduktor (Pächter) eines größeren Gutes in Amelunxen, Kreis Höxter.

Die Todesanzeige der Kapuziner ist in mehrerlei Hinsicht zeittypisch. Da sind zum einen die Bandwurmsätze, die, nebenbei bemerkt, trotz ihrer für heutige Verhältnisse überbordenden Komplexität grammatikalisch absolut korrekt sind. Zum anderen machen die Väter Capuziner in Brakel als Autoren kein Geheimnis aus dem Krankheitsverlauf, den Gebrechen und den Todesumständen und erlauben sich weiterhin, mit dem Hinweis auf den „vergnügten Ehestand“ des Verstorbenen höchst Privates auszuplaudern. In dieser Beziehung ist die Todesanzeige als Muster für heutige Annoncen nur bedingt geeignet.

In anderer Beziehung allerdings ist die Todesanzeige auch für heutige Verhältnisse vorbildlich. Der Text würdigt den Verstorbenen als Person, als Individuum. Zudem hält der Inhalt höchst sensibel die Waage zwischen sachlicher Information, der ausgedrückten Trauer und der Hoffnung darauf, „dass die Seele des Verstorbenen schon die Freuden eines besseren Lebens genieße“. Es gibt jedenfalls nur wenig Schöneres als diesen Schlusssatz, in dem zum Messopfer und zum Gebet aufgerufen wird, sollten „wider Vermuthen“ nicht näher benannte „menschliche Schwachheiten“ die Seele des Verstorbenen von der Anschauung Gottes abhalten. Möge der Hochedelgebohrne Herr Konduktor Johannes Franciscus Sarrazin ruhen in Frieden.

Foto Erzbistumsarchiv Paderborn
Signatur Erzbistumsarchiv Paderborn, B 3.1 (Acta generalia bis 1821), Band 261
Entstehungsdatum 11. September 1800
Provenienz Archiv der Fürstabtei Corvey
Autor

Hans Pöllmann, freier Autor

Die Archivalie des Monats

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Geöffnet Montag-Donnerstag, 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr

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Ein Beitrag von:
© Jürgen Hinterleithner
freier Autor

Hans Pöllmann

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