Den ersten Vortrag hielt Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer, Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn. In seinem kirchenhistorischen Beitrag „Nichts ist verloren mit dem Frieden. Aber alles kann verloren sein mit dem Krieg.‘ Pius XII. und der Zweite Weltkrieg im Licht der neu zugänglichen Vatikanischen Archive“ widmete sich Daufratshofer der Frage nach dem Handeln des Heiligen Stuhls während des Zweiten Weltkriegs. Er richtete den Fokus auf die zentralen Fragen zum Pontifikat Pius’ XII. (1939-1958): Was wussten Pius XII. und die Römische Kurie wann vom Holocaust, der millionenfachen Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden? Hat der Papst lediglich „geschwiegen“ oder gab es zugleich Hilfeleistungen im Verborgenen? Um diesen Fragen nachzugehen, nahm Daufratshofer die Teilnehmenden mit in die Archive des Vatikans und stellte ausgewählte Dokumente aus dem Pontifikat Pius’ XII., die seit der Öffnung der Bestände im Jahr 2020 zugänglich sind, in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Die anschließende intensive Diskussion zeigte nicht nur die anhaltende Aktualität des Themas, sondern auch, wie sehr die Forschung durch die Archivöffnung derzeit in Bewegung ist.
Nach einer kurzen Pause erhielten die Lehrerinnen und Lehrer von Celina Lüke und Anika Fischer, Mitarbeiterinnen der Diözesanstelle Berufungspastoral im Erzbistum Paderborn, Informationen zur Arbeit der Diözesanstelle und zum Christlichen Orientierungsjahr „Come“.
Sozialethische Perspektiven: Tragfähigkeit des „gerechten Friedens“
Im zweiten Vortrag sprach Prof. Dr. Jonas Hagedorn, Lehrstuhlinhaber für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät Paderborn, zum Thema „‚Wenn du den Frieden willst, bereite den … vor‘. Krieg und Frieden aus sozialethischer Perspektive“. Hagedorn behandelte aus christlich-sozialethischer Perspektive, wie sich Frieden angesichts aktueller Krisen und Kriege sichern lässt und ob das kirchliche Leitbild der Theorie vom „gerechten Frieden“ weiterhin trägt. Die Profilierung eines „gerechten Friedens“ in Abgrenzung von der Lehre vom „gerechten Krieg“, die die Kirchen vorgenommen hatten, betont u.a. eine internationale Rechtsordnung, die militärische Gewalt begrenzt und Kriegsverbrechen konsequent verfolgt. Im Mittelpunkt dieser Lehre, die im Ökumenischen Rat der Kirchen angebahnt wurde, stehen die Möglichkeiten ziviler Konfliktprävention durch zivilgesellschaftliche Akteure sowie durch faire wirtschaftliche Verflechtungen, wobei einseitige Abhängigkeiten und die Vorstellung eines automatischen „Wandels durch Handel“ kritisch geprüft werden. Dass gerechter Frieden weiterhin eine tragfähige Orientierung bieten kann, wenn – mit langem Atem – an der Durchsetzung internationalen Rechts festgehalten wird und wenn wechselseitige Abhängigkeiten gerecht und kooperativ gestaltet werden, sollte nicht zu schnell ad acta gelegt werden, so der Sozialethiker.