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ZeitSpende: Gekommen, um zu helfen

Glühbirne wechseln, Amtsgang oder Deutschnachhilfe: Die ZeitSpende Paderborn hilft Menschen schnell und unbürokratisch
Unser Glaube
08. September 2021
Paderborn

ZeitSpende: Gekommen, um zu helfen

Glühbirne wechseln, Amtsgang oder Deutschnachhilfe: Die ZeitSpende Paderborn hilft Menschen schnell und unbürokratisch

Hilfe – schnell und unbürokratisch

Gerhard Knust hatte gerade erst die Kontaktdaten der älteren Dame erhalten, da bekam er einen Anruf. Aus dem Krankenhaus. Es sei dringend, sagte man ihm am Telefon. Knust fuhr hin. Er müsse die bevorstehende Pfändung ihres Hausrats abwenden, sagte ihm die Dame vom Krankenbett aus. Der Gerichtsvollzieher stehe quasi schon vor der Tür.

Der Grund für die Aufregung: Die Dame war mit ihren Rundfunkgebühren im Verzug. „Wo liegen denn die Unterlagen“, fragte Knust. „Na zuhause.“ Wo er dort suchen solle? „Ach, hier haben Sie meinen Wohnungsschlüssel. Gehen Sie mal hin und schauen Sie nach.“ Das war wohlgemerkt das erste Treffen der beiden. Doch die ältere Dame vertraute Knust sofort. Vielleicht, weil sie in ihrer Not keine andere Möglichkeit sah. Vielleicht aber auch, weil Gerhard Knust Zeitspender ist. Gekommen, um zu helfen.

Vielfältige Hilfen

Seit 2008 gibt es die Initiative „ZeitSpende“ in Paderborn. Sie will unbürokratisch und schnell Hilfe leisten. Die „Zeitspender“ genannten Ehrenamtlichen werden vom fünfköpfigen Organisationsteam um Sabine Paus an hilfesuchende Menschen, die „Zeitnehmer“, vermittelt. Die geleistete Unterstützung ist so vielfältig wie die Menschen, die sie leisten bzw. brauchen. Von Kinderbetreuung bis zum Wechseln einer Glühbirne ist alles dabei. Im Großen und Ganzen gruppiert sie sich in die vier Bereiche Senioren, Sprache lernen, Projekt Oma/Opa und praktische Hilfe.

Zur Zeit der Gründung bestanden nur Angebote für Senioren. Das wurde aber erweitert, als 2015 Geflüchtete nach Paderborn kamen. Pensionierte Lehrer gaben den Familien über die ZeitSpende Nachhilfe. Heute gibt es auch Sprachpatenschaften etwa für ausländische Studierende, die ihr Deutsch verbessern wollen. Das „Oma/Opa-Projekt“ klingt erst einmal ganz nach Seniorenhilfe, hier sind es allerdings die Älteren, die die Jüngeren unterstützen. Sie entlasten etwa junge Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder. Und für Menschen, die Sozialleistungen erhalten, gibt es auch praktische Hilfe, etwa beim Packen für einen Umzug.

Ein kleiner Segen

Für viele der Notsituationen, die Zeitspender abdecken, gibt es eigentlich auch Abhilfe von institutioneller Seite oder durch Unternehmen. Doch ist das oftmals mit Wartezeiten oder Kosten verbunden, die für die Betroffenen nicht tragbar seien, sagt Sabine Paus. „Und in einer Woche kann so viel passieren.“ Wenn etwa eine Seniorin aus dem Krankenhaus komme und Hilfe beim Einkaufen und Wieder-Ankommen in ihrer Wohnung brauche, könne die ZeitSpende zum Teil direkt reagieren und jemanden vorbeischicken.

Gerade bei kleineren oder kurzfristigen Problemen im Alltag sind die Zeitspender ein kleiner Segen für die Hilfesuchenden. Doch das Projekt nimmt auch die Helfenden selbst in den Blick. Die ZeitSpende sei überhaupt erst ins Leben gerufen worden, um „Menschen im dritten Lebensabschnitt“ die Möglichkeit zu geben, sich ehrenamtlich zu engagieren, so Paus. Um Rentnerinnen und Rentnern so weiterhin gesellschaftliche Teilhabe möglich zu machen.

Eine Beschäftigung mit Sinn

Gerhard Knust wäre damit das, was man einen „klassischen“ Zeitspender nennen könnte. „Wenn man aus dem Berufsleben austritt, hat man erst einmal viel Zeit“, sagt der ehemalige Bankkaufmann. Diese gelte es auf sinnvolle Weise zu füllen. Die vielfältigen Aufgaben, die man bei der ZeitSpende übernehmen könne, hätten ihn überzeugt.

Doch eine Beschäftigung mit Sinn ist nur einer der Gründe, weswegen sich Menschen seit 13 Jahren bei der ZeitSpende engagieren. Andrea Vogt möchte zum Beispiel „etwas zurückgeben“: „Das Leben hat es immer gut mit mir gemeint, da wollte ich etwas Ehrenamtliches machen.“ Ihre Zeitspender-Kollegin Christiane Weiß-Hollerbach habe sich schon als Teenagerin ehrenamtlich engagiert: „Ich finde es einfach wichtig, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen“, sagt sie und betont, dass regelmäßiges Arbeiten und das Zahlen von Sozialabgaben dafür nicht reichten. Zur ZeitSpende sei sie gekommen, weil sie nach einem Umzug nach Paderborn zunächst Schwierigkeiten hatte, hier Anschluss zu finden. Das sei ihr mit der Initiative gelungen „und so bin ich dann dabeigeblieben“.

Engagement für drei Semester – oder jahrelang

Das Gros der gut 100 Zeitspender würden bis heute von Menschen im Rentenalter gestellt, sagt Sabine Paus. Doch etwa ein Drittel der Ehrenamtlichen seien junge Menschen. Sabine Paus und ihre Kolleginnen beobachten den Trend, „dass sich junge Leute, insbesondere Studenten, bei uns melden“. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie habe das sogar zugenommen. Jedoch wollen sich die jungen Erwachsenen nicht ihr Leben lang bei einem Projekt engagieren. „Das machen die dann zeitlich begrenzt, zum Beispiel für die Zeit ihres Studiums hier in Paderborn. Und danach endet das.“ Das, was man hier in Paderborn im Kleinen beobachten kann, steht für eine Entwicklung im Ehrenamt allgemein: Engagement wird stärker an den individuellen Lebenslauf angepasst und erfolgt, je nach Lebensphase, in Wellen. Das führt aber auch dazu, dass sich etwa ausländische Studierende für die Zeit ihres Aufenthalts in Paderborn engagieren und so das Angebot der ZeitSpende bereichern.

Dem gegenüber stehen „Langzeitprojekte“ wie das Engagement von Gerhard Knust. Der Dame mit den Rundfunkgebühren konnte er nicht nur den Hausrat bewahren – der von ihm kontaktierte Gerichtsvollzieher hatte noch lange nicht vor der Tür gestanden –, sondern etwas später auch eine Befreiung von den Beiträgen an sich erreichen. Knust erzählt noch von anderen Zeitnehmern, für die er Gänge zum Amt erledigt sowie den Kontakt mit der Krankenkasse und den Pflegediensten übernommen habe. Teils über Jahre hinweg. Eine Seniorin begleitete er „praktisch bis zum Tod“. Bei der ZeitSpende geben Menschen das wertvollste, was sie zu geben haben: ihre Lebenszeit. Einfach, weil ihnen an ihrem Gegenüber liegt. Aus christlicher Perspektive könnte man Nächstenliebe dazu sagen. Muss man aber nicht.

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