Annette Rieger sieht die Caritas-Konferenzen im Erzbistum Paderborn in einer Doppelfunktion:
“Es gilt, gesellschaftliche Wunden zu verpflastern und den Finger in die Wunde sozialer Missstände zu legen.”
Foto: Diözesancaritasverband Paderborn e. V.
In ihrer Funktion als Geschäftsführerin ist Annette Rieger eine der wenigen hauptamtlich Beschäftigten. Sie hat Sozialpädagogik studiert. Die Themen Armut und Armutsbekämpfung begleiten sie durch ihr gesamtes Berufsleben.
Sind die Caritas-Konferenzen ein gesellschaftlicher Reparaturbetrieb?
Unsere Aufgaben sind vielschichtig. Die vielleicht wichtigste ist, Menschen in Not überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Danach kommen die weiteren Schritte: konkrete Hilfeleistung, Hilfe zur Selbsthilfe, andere zum Helfen anzuregen. All das kann man als Reparaturbetrieb an der Gesellschaft bezeichnen. Ich spreche lieber davon, die Wunden in unserer Gesellschaft zu verpflastern. Das ist aber nur der eine Teil unserer Aufgabe. Der andere Teil besteht daraus, Missstände und ihre sozialen Ursachen öffentlich zu machen. Um im Bild zu bleiben: Hier legen wir den Finger in die Wunde. Wir brauchen beides, um die Lage der Menschen kurz- und langfristig zu verbessern. Darum geht es: um Veränderung zum Besseren.
Wie verträgt sich politischer Aktivismus mit der Caritas?
Zugegeben, das ist ein Spagat. Zum Glück sind wir ein großes Netzwerk, in dem alle unsere Freiwilligen die Aufgaben finden, die zu ihnen passen. Die einen fühlen sich in der Basisarbeit am wohlsten, andere in der Organisation. Die wenigsten unserer Ehrenamtlichen würden sich übrigens als Aktivistinnen und Aktivistin bezeichnen. Nicht einmal in dem Moment, in dem sie genau in dieser Rolle sind.
Annette Rieger sieht die Caritas-Konferenzen im Erzbistum Paderborn in einer Doppelfunktion:
“Es gilt, gesellschaftliche Wunden zu verpflastern und den Finger in die Wunde sozialer Missstände zu legen.”
Foto: Diözesancaritasverband Paderborn e. V.
Nennen Sie mir ein Beispiel?
Eine ehrenamtlich Engagierte ist dann Aktivistin, wenn sie zusammen mit einer politischen Mandatsträgerin oder einem Mandatsträger in der Essensausgabe steht und ihrem Gegenüber erklärt, dass Hartz-IV-Empfänger keinen Anspruch auf eine neue Waschmaschine haben, wenn die alte kaputt ist. Dass Menschen, die von Hartz-IV leben, von ihrem wenigen Geld Rücklagen bilden müssen, ist mitunter selbst Sozialpolitikern nicht klar.
Welche Effekte hat Ihre sozialpolitische Arbeit?
Ich denke schon, dass wir mit unserer Überzeugungsarbeit Erfolg haben. Unser Aktivismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft, das macht ihn so glaubwürdig. Wenn ehrenamtlich engagierte Frauen einer Caritas-Konferenz, meist im Alter von 60 und darüber, draußen in der Winterskälte vor dem Paderborner Rathaus auf Feldbetten liegen, um gegen die Wohnungsnot zu protestieren, hat das Durchschlagskraft, auch medial. Oder wenn eine über 80-jährige Frau, die sich für Flüchtlinge engagiert, im Büro eines Sozialdezernenten, um es mal deutlich zu sagen, Rabatz macht, weil die Kinder in einer Flüchtlingsunterkunft keinen Spielplatz haben, verfehlt das seine Wirkung nicht. Durchschlagskraft erlangt unser Protest auch dadurch, dass wir nicht nur Forderungen stellen, sondern nach unseren Überzeugungen handeln. Wir betreiben auch intern Öffentlichkeitsarbeit, indem wir unsere Freiwilligen auf Gespräche mit Menschen aus der Politik vorbereiten. Und es gibt unsere Wahlprüfsteine mit Fragen an politische Kandidatinnen und Kandidaten. Eine lautet zum Beispiel: Wann haben Sie zuletzt mit einem wohnungslosen Menschen gesprochen?
Jetzt fühle ich mich ertappt, weil das auch bei mir schon viel zu lange zurückliegt.
Sie können das heute noch ändern.
In den Caritas-Konferenzen im Erzbistum Paderborn engagieren sich über 16.000 Ehrenamtliche. Sie leisten Besuchsdienste, unterstützen in Kleiderkammern, Warenkörben und Tafeln bedürftige Menschen, sie sind in der Seniorenarbeit, der Flüchtlingsarbeit, der Kinder- und Jugendarbeit tätig, engagieren sich in der Sterbebegleitung, stehen anderen in ihrer Trauer bei und übernehmen viele weitere Dienste an der Gesellschaft.
Getragen werden die Caritas-Konferenzen von ehrenamtlich Engagierten. Auch der Vorstand, der die Leitlinien vorgibt, setzt sich aus Ehrenamtlichen zusammen. Zum verbandlichen Selbstverständnis gehören die Markenkerne „Freiheit und Unabhängigkeit“ und „partizipative Selbstvertretung“.