Als die Herz-Jesu-Kirche im Jahr 1904 fertiggestellt wurde, war die dominante Kunstrichtung der Jugendstil. Mit seinen floralen Ornamenten und den typischen Jugendstilgestalten, oft leicht bekleidet und mit wallendem Haar, ist er eher weltlich orientiert. Dennoch gibt es in Deutschland eine größere Anzahl an Jugendstilkirchen, in denen Zeitstil und Sakralarchitektur eine gelungene Symbiose eingingen. Meist ging man im Kirchenbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber einen anderen Weg und lehnte sich im Baustil an frühere Stilepochen an. Besonders häufig wurde die Gotik des hohen Mittelalters zitiert. Das trifft auch auf Herz Jesu in Lünen-Mitte zu. „Die Neugotik stand für die restaurativen Kräfte in der Kirche, häufig auch für die Neuscholastik, die sich gegen modernistische Strömungen in der Kirche richtete“, erklärt Dr. Thomas Roddey, Pfarrer und Leiter des Pastoralen Raums Lünen. „Herz Jesu war demnach am Anfang ein klares Votum für die Tradition!“
Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil war das umgekehrt, nun war Herz Jesu ein klares Votum für die Erneuerung. Davon zeugen ebenfalls viele Bauspuren im Kirchenraum. In einer enthusiastischen Aufbruchstimmung wurde die neugotische Einrichtung der Kirche entfernt und die traditionelle Ausmalung weiß übertüncht.
Zwei Jahrzehnte später, in den 1980er- und 1990er-Jahren, war man besonnener: Bei der damaligen Umgestaltung der Kirche knüpfte man an deren ursprüngliche Ausstattung an, hatte also eine neue Wertschätzung für den neugotischen Kunststil entwickelt. Doch nun wurden historistische und moderne Elemente miteinander verknüpft und in Beziehung gesetzt. Teile der alten Hochaltäre stehen jetzt auf modernen Steinstelen und sind durch Stahlkonstruktionen miteinander verbunden. Oder, wie Pfarrer Dr. Roddey sich ausdrückt: „Tradition und Erneuerung sind seither ästhetisch miteinander verschmolzen und haben sich damit versöhnt.“