„Wir begegnen uns als Menschen in dieser Kirche“
Herr Harnisch, was bedeutet Ihnen die Aufgabe als Sprecher der Betroffenenvertretung?
Es gibt viele betroffene Menschen, die über ihr Leid nicht reden können oder wollen oder traumatisiert sind. Das hat mich motiviert, mich zu engagieren. Als die Betroffenen mich zu ihrem Sprecher gewählt haben, hat mich das bestätigt, diese Aufgabe zu übernehmen.
Herr Erzbischof, welche Erfahrungen haben Ihr Verständnis für die Perspektive der Betroffenen gestärkt?
Den ersten Kontakt mit dem Thema sexualisierte Gewalt in der Kirche hatte ich in der seelsorglichen Begleitung von Betroffenen. Das hat mich sehr berührt. Später gehörte es als Regens zu meinen Aufgaben, Prävention in die Priesterausbildung zu implementieren.
Als ich 2017 Generalvikar in Mainz wurde, war ich dann zum ersten Mal mit der Mainzer Situation konfrontiert. Ich habe zum ersten Mal die Akten zu sehen bekommen, habe eine Interventionsstelle und einen Expertenrat aufgebaut, die Arbeit der Personalkonferenz verändert und vor allem viele Gespräche mit Betroffenen geführt. Von Beginn an haben mich Gespräche mit Betroffenen am meisten geprägt. Nach der MHG-Studie initiierten der Bischof und ich unter anderem die Mainzer Studie.
Schon bei meiner Vorstellung als neuer Erzbischof im Dezember 2023 habe ich in meinen ersten Worten betont, dass ich mich auch hier dieser Seite der kirchlichen Wirklichkeit stellen und alle Fragen um das Thema sexualisierte Gewalt in der Kirche zu den obersten Prioritäten meiner Aufgaben als Erzbischof machen werde – dazu stehe ich.
Was bedeutet Aufarbeitung im kirchlichen Kontext?
Grundsätzlich haben wir gemäß der Interventionsordnung fest etablierte Verfahrenswege. Zudem berücksichtigen wir neben der Perspektive der Betroffenen und der Beschuldigten auch eine objektive Fachexpertise. Für Betroffene ist es wichtig, dass die Verantwortlichen im System sie hören. Gleichzeitig steht man als Verantwortlicher aber für das System – das bleibt für Betroffene oft problematisch. Diese Spannung lässt sich nicht auflösen. Aber ich erlebe eine zunehmende Sensibilität für die Begegnung. Es ist mir ein Anliegen, diejenigen zu ermutigen, die noch nicht den Mut hatten, über den von ihnen erlittenen Missbrauch zu sprechen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit geschieht auf mehreren Ebenen: durch die wissenschaftliche Studie, durch die diözesane Aufarbeitungskommission und kontinuierlich durch die Arbeit der Interventionsstelle – alles in Zusammenarbeit mit der Betroffenenvertretung.
Herr Harnisch, wie kann das Vertrauen zwischen Betroffenen und Kirche wachsen?
Es ist zwischen Verantwortung und Schuld zu unterscheiden: dass wir den heute Verantwortlichen keine Schuld zuweisen, dass aber auch uns als Betroffenen keine Schuld zugewiesen wird – was lange genug passiert ist.
Betroffene müssen Rückhalt in der Institution Kirche finden: dass wir dazu gehören und dass unsere Geschichte zur Geschichte der Kirche gehört. Wir müssen im gegenseitigen Verständnis Normalität erreichen.
Gerade ältere Betroffene fragen sich: Erlebe ich noch ein Ergebnis, mit dem ich meinen Frieden finde? Das sind Herausforderungen auch für unsere gemeinsame Arbeit mit dem Erzbistum.
Auf dem komplexen Weg von der Enttabuisierung zur Normalität im Umgang mit dem Thema spielen viele Emotionen mit. Klare Kommunikationswege, Transparenz und ein regelmäßiger Austausch sind wesentliche Schritte zur Vertrauensbildung. Irgendwann müssen wir gemeinsam sagen können: Das Geschehene ist ein Teil unserer Realität als Kirche. Es ist nicht die ganze Realität, aber es ist ein Teil, der nicht wegdiskutiert werden kann. Dieses Bewusstsein entfaltet eine präventive Wirkung.
Welche Bedeutung hat der Aufbau von unabhängigen Strukturen wie zum Beispiel der Aufarbeitungskommission (UAK), dem Expertenrat oder der Aufarbeitung durch wissenschaftliche Studien?
Meine eigene Aufarbeitung begann mit der Studie. Die Universität war für mich eine unabhängige Instanz, an die ich mich wenden konnte und die mich bestärkt hat, den Weg zum Erzbistum zu gehen. In der UAK, in der ich Mitglied bin, habe ich wertvolle Entwicklungsprozesse erlebt. Trotz meiner juristischen Vorbildung habe ich hinzugelernt: Wie beurteilt man einen Sachverhalt juristisch? Wie funktioniert die Plausibilitätsprüfung? Auch die Mitglieder aus dem rein juristischen Bereich haben in der gemeinsamen Auseinandersetzung gelernt. Empathie und Einfühlungsvermögen sind gewachsen.
Betroffene und die Bistumsleitung bringen in ihren unterschiedlichen Rollen unterschiedliche Perspektiven in die Aufarbeitung ein. Eine externe, unabhängige Expertise ist wertvoll, um alle Beteiligten zusammenzuhalten. Weder wird durch Fachexpertise Verantwortung abgeschoben, noch kann diese Expertise instrumentalisiert werden. Vielmehr trägt eine dritte Stimme die jeweilige Meinungsbildung mit. Diese Fachobjektivierung mit Blick von außen, die früher gefehlt hat, ist ein wesentlicher Systemwechsel. Eine komplette Auslagerung der Aufarbeitung ist aber nicht möglich – weil es die Kompetenz der Innensicht von Kirche und die Kompetenz der Betroffenen braucht.
Wie können Prävention und Intervention weiterentwickelt werden, damit sie auch künftig wirksam bleiben?
Sexualisierte Gewalt muss ein gesamtgesellschaftliches Dauerthema bleiben. Wer neue Taten verhindern will, muss hinschauen. Früher fehlte bei Tätern dieses Bewusstsein: Man hat ein Auge auf mich. Was ich tue, hat Folgen.
Betroffene sollten sich mit allem, was sie als Bürde mit sich tragen, angenommen fühlen. Als ich meine Aufgabe antrat, sagte in einer ersten öffentlichen Diskussion eine Frau: „Ich möchte meine Kirche wieder haben“. Dieser Satz hat mich nie losgelassen. Meine Enkelkinder sind begeisterte Fans des Paderborn Doms. Man kann bei Kindern früh Sicherheit vermitteln. Für jemanden wie mich, der diese Sicherheit verloren hat, ist das herausfordernd. Aber es ist unbedingt notwendig, Sicherheit zu verankern. Und gleichzeitig zu sagen: Es gibt schwarze Flecken. Aber wir tun gemeinsam alles, damit das nicht wieder passiert. Wir begegnen uns als Menschen und nicht als Betroffene und Kleriker, sondern als Menschen in dieser Kirche.
Da stimme ich absolut zu! Und als Institution darf Kirche sich nie auf dem Erreichtem ausruhen. Wir müssen eine lernende Institution bleiben. Jedes neue Gespräch mit einer betroffenen Person bringt mir einen veränderten Blick und die Fähigkeit, Dinge weiterzuentwickeln. Mit dieser Haltung entsteht Wirksamkeit auf allen Ebenen.
Wie bewerten Sie das geplante Denk- und Mahnmal im Paderborner Dom?
Das Mahnmal setzt ein Zeichen: Betroffene erhalten das Gefühl, zur Kirche zu gehören. Als Betroffene möchten wir uns in die kirchliche Gemeinschaft einbringen. Gleichzeitig schlägt das Mahnmal eine Brücke in die Gesellschaft, die in der Missbrauchsaufarbeitung noch viel Nachholbedarf hat. Wir sind dem Paderborner Metropolitankapitel dankbar für die gute Kooperation, die zeigt, dass wir gemeinsam viel erreichen können.
Eine Bischofskirche ist als Ort repräsentativ für die Leitung einer Amtskirche. Das Mahnmal erinnert daran, dass Leitung Fehler gemacht hat und sich einer neuen Wirklichkeit stellt.
Im Dom hat jede Epoche ihre Spuren hinterlassen. Unsere Epoche ist gekennzeichnet von dieser Wirklichkeit von Kirche. Wir hinterlassen mit dem Mahnmal eine Spur unserer Zeit, die aber nicht die ganze Wirklichkeit ist. Das wird in einer Kathedrale sehr anschaulich: Viele unterschiedliche Eindrücke ergeben ein Gesamt-Bild. Das Mahnmal kann aus dieser Wirklichkeit nicht mehr herausgenommen werden. Natürlich bleibt aber für jede und jeden die Freiheit, sich auf persönliche Weise dazu zu verhalten.
Viele Menschen benennen den Umgang mit sexualisierter Gewalt als Grund für ihren Kirchenaustritt. Wie sieht eine Kirche aus, die glaubwürdig aus ihren Fehlern gelernt hat?
Für mich gibt es viele Ideale von Kirche: eine Kirche, die offen auf die Menschen zugeht. Die versucht, Menschen vom Glauben und ihrer gesellschaftlichen Notwendigkeit zu überzeugen. Eine Kirche, die Kindern Schutz gibt. Das war mein eigenes erstes Erleben, bis dieses zusammenbrach. Ich hatte dort als Kind lange meine schönsten Erlebnisse. Wenn Kinder erleben, dass sie gefördert werden, lohnt das alle Anstrengung. Ob der persönliche Glaube außerhalb oder innerhalb der Kirche gelebt wird, entscheidet sich daran, wie attraktiv Kirche als Raum ist. Ein Heimatgefühl zu schaffen, ist eine Herausforderung. Viele tradierte Beziehungen brechen heute auseinander. Hier kann Kirche ein Leuchtturm sein.
Dass wir glaubwürdig als Kirche dazu gelernt haben, sieht man an vielen Entwicklungen. Wir übergeben keinen Menschen mehr Verantwortung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die nicht dauerhaft sensibilisiert sind im Blick auf Kinderschutz oder Prävention. Keine Institution fordert so umfassende Präventionsmaßnahmen ein wie die katholische Kirche. Wir arbeiten offen mit allen staatlichen Stellen zusammen. Wir nutzen externe unabhängige Expertise, haben aber auch unsere internen Strukturen so umgestellt, dass Prozesse transparent sind. Seit 2021 haben wir eine Regelkommunikation institutionalisiert, die über die anlassbezogene Kommunikation hinausgeht.
Eine Kirche, die von ihren Fehlern gelernt hat, stellt für mich immer wieder die Frage nach ihrem systemischen Zusammenhängen. Unser Ziel muss es sein, weniger aus der Defensive zu reagieren, sondern immer mehr Souveränität zu gewinnen. Und so in der Gesellschaft mit gutem Selbstbewusstsein zu zeigen, was wir gelernt haben – und dazu zu stehen, dass wir mit diesem Lernen nicht am Ende sind.
Welche Impulse können in die Gesellschaft ausstrahlen, wenn es um sexualisierte Gewalt in anderen gesellschaftlichen Bereichen geht?
In vielen Gesprächen mit anderen Bistümern erlebe ich, dass wir in Paderborn einen vorbildhaften Weg gehen. Kirche kann ein Vorreiter sein – das wünsche ich mir als Signal in die Gesellschaft.
Die meisten Missbrauchsfälle finden innerhalb des Bekannten- und Verwandtenkreises statt. Der Schaden ist nicht geringer, wenn ein Kind außerhalb der Kirche sexuelle Gewalt erlebt. Insofern ist das für mich kein qualitativer Unterschied.
Es geht darum, Kinder und Menschen zu schützen. Die Starken müssen die Schwachen schützen und die Kirche kann an dieser Stelle stark sein.
Wir zeigen als Kirche, dass wir angefangen haben, das Thema sexualisierte Gewalt ganz an uns heranzulassen. Dadurch können wir mit dem von uns gegangenen Weg auch andere ermutigen, sich ihrer eigenen Wirklichkeit zu stellen. Das war für uns kein leichter Weg und es bleibt ein Weg, der herausfordert. Aber wir sind bereit, im Gespräch zu sein mit allen gesellschaftlichen Kräften: Wie können wir es als gemeinsame Aufgabe sehen, um Kinder vor sexualisierter Gewalt dieser Gesellschaft noch besser zu schützen?