logocontainer-upper
logocontainer-lower
© Birgit Engel
© Birgit Engel

Vor 80 Jahren: Mit dem Schulleben kommt die Hoffnung zurück

Am 1. Oktober 1945 startete offiziell die Wiederaufnahme des Unterrichts an den Schulen in ganz Deutschland. Eine Zeit voller Licht nach dunkler Nacht. In der St.-Franziskus-Schule Olpe etwa war am 29. Juli 1941 das Ewige Licht in der Hauskapelle erloschen.

In der St.-Franziskus-Schule Olpe, im Flur neben dem Sekretariat, hängt eine Statue des Heiligen Josef. In dessen Armen wohlgeborgen das Schulgebäude. Die Franziskanerinnen der ewigen Anbetung zu Olpe gaben die Figur 1948 bei der Kölner Bildhauerwerkstatt Rautzenberg in Auftrag: Als Dank dafür, dass ihr Schulgebäude relativ unbeschadet geblieben war und sie den Unterricht wieder aufnehmen konnten. Als Dank für das Ende der Nazi-Diktatur.

Heute ist die St.-Franziskus-Schule das Zuhause von über 1000 Schülerinnen und Schülern. Christoph Scheppe, Lehrer für Deutsch und katholische Religion, ist auch für die Schulentwicklung verantwortlich. Ein neuer Schwerpunkt der Arbeit soll die Demokratiebildung sein. „Dass 1945 konfessionelle Schulen als erste wieder aufmachen durften, kann als Leuchtturm verstanden werden. Als Zeichen der Hoffnung, aber auch der Mahnung“, sagt er und lenkt den Blick auf den Gotteszusatz in der Präambel des Grundgesetzes als eine bewusste Entscheidung und die Verankerung der Menschenrechte als unverletzliche Grundlage der Verfassung.

Neubeginn im Klassenzimmer

1945 war Deutschland in einem katastrophalen Zustand. Nicht nur die Städte lagen in Trümmern, sondern auch das Bildungssystem. Unmittelbar nach Kriegsende schlossen die Alliierten die Schulen, um die Kontrolle zu übernehmen und die Entnazifizierung umzusetzen. Offizielles Datum für die Wiederaufnahme war dann der 1. Oktober 1945. Gleichwohl war das vielerorts gar nicht möglich. Schulgebäude waren zerstört, es gab schlicht nicht genug Räume, wo Unterricht hätte stattfinden können, und ebenso wenig genug Lehrpersonal und Unterrichtsmaterial.

Im „Olper Kreisblatt“, dem amtliche Mitteilungsblatt für den Kreis Olpe, findet sich in der Ausgabe vom 13. Oktober 1945 folgende Meldung: „Die St. Franziskus-Schule in Olpe – Oberschule für Mädchen – beginnt mit dem Unterricht am kommenden Dienstag, dem 16. Oktober 1945 (…).“ Nur ein paar wenige Zeilen am Rand des Satzspiegels, über privaten Annoncen und Inseraten, fast schon unscheinbar. Und dabei mit so viel Aussagekraft, war der Schulbeginn nach der dunklen Zeit doch Symbol für Neuanfang, Zuversicht und Hoffnung.

Wertevermittlung statt Ideologie

Die St.-Franziskus-Schule in Olpe hat eine lange Geschichte: Die Franziskanerinnen gründeten sie 1870 als höhere Mädchenschule, 1910 erhielt sie die staatliche Anerkennung und wurde in den 1920er Jahren zur Vollanstalt, die das Abitur ermöglichte. Verbunden damit war ein Schulneubau.

Mit der Kirchenverfolgung der Nationalsozialisten war die Franziskus-Schule 1941 aufgelöst worden. Mit dem letzten Schulgottesdienst am 29. Juli 1941 erlosch in der Hauskapelle das ewige Licht. Schon im Juli 1945 begann das Mutterhaus der Olper Franziskanerinnen mit dem Bemühen, die Schule wieder öffnen zu dürfen und richtete einen entsprechenden Antrag „zur Rückgabe der durch den Nationalsozialismus den Schwestern genommenen Oberschule für Mädchen“ an die Militärregierung.

„Die Franziskanerinnen waren im Kreis Olpe wohl auch die ersten, die den Unterricht wieder aufnehmen durften“, weiß Rainer Ludwig, Lehrer für Geschichte und katholische Religion an der Franziskus-Schule und auch deren Archivar. Zwischen den Aktendeckeln finden sich noch ein paar Dokumente, Urkunden und Schriftstücke, die von der Zeit berichten. Darunter der Erlass des Oberpräsidenten der Provinz Westfalen in Münster, Abteilung für höheres Schulwesen, vom 27. September 1945 zur Genehmigung der Wiedereröffnung.

In dem früheren Schulband „Vom frohen Werk“ ist zu lesen: „Die Kunde von der Wiedereröffnung der St.-Franziskus-Schule verbreitete sich rasch in Olpe und der Umgebung, und zahlreiche Anmeldungen lagen bald vor. Nun rief die Ehrwürdige Mutter der Genossenschaft die Lehrschwestern von ihren Filialen zurück, in denen sie vier bis fünf Jahre die verschiedensten Aufgaben erfüllten. Bald gab es ein frohes Wiedersehen im Mutterhaus.“

Beim Neuaufbau des Schulsystems fragten sich die Alliierten, wem sie vertrauen konnten. Man wusste, wie die Nationalsozialisten mit der Kirche umgegangen waren, daher galten die konfessionellen Schulen als erste und verlässliche Partner.

Rainer Ludwig, Lehrer an der St.-Franziskus-Schule in Olpe

Unterricht unter schwierigen Bedingungen

Wie die Olper Franziskanerinnen hatten auch die Ursulinen im benachbarten Attendorn bereits im Sommer 1945 – genau am 13. August – einen entsprechenden Antrag zur Neuaufnahme des Unterrichts gestellt und durften Anfang November den Betrieb aufnehmen. „Beim Neuaufbau des Schulsystems fragten sich die Alliierten, wem sie vertrauen konnten. Man wusste, wie die Nationalsozialisten mit der Kirche umgegangen waren, daher galten die konfessionellen Schulen als erste und verlässliche Partner“, so Rainer Ludwig.

Da das eigene Schulgebäude der Franziskanerinnen noch beschlagnahmt war und als Lazarett diente, musste der Unterricht für die 248 Schülerinnen zunächst in der städtischen Oberschule für Jungen stattfinden. Knapp ein Jahr später, im September 1946, erfolgte die endgültige Freigabe des franziskanischen Schulgebäudes. Zwei ehemalige Schülerinnen erzählen in dem Buch „Erinnerungen an die Franziskanerinnen in Olpe“ (2013) von dem Umzug aus der städtischen Jungenschule in ‚ihre‘ Schule: „Es gab kaum Autos, Benzin war knapp. Also mussten viele Dinge per Hand transportiert werden. Wir Schülerinnen trugen ausgestopfte Vögel aus der Biologieklasse, Gerätschaften aus Physik und Chemieräumen unermüdlich zur St.-Franziskus-Schule – zum Gaudi vieler Olper.“

Für uns als konfessionelle Schule ist es wichtig, Werte hochzuhalten, sie zu leben, es geht um Menschenwürde, Offenheit und Engagement. Demokratie lebt vom Mittuen, vom Einbringen in die Gemeinschaft und auch vom Nein sagen, wenn was nicht gefällt.

Christoph Scheppe, Lehrer an der St.-Franziskus-Schule in Olpe

Jüdische Mitschülerinnen fehlten

Die Dokumente im Schularchiv geben auch Auskunft über die Lehrkräfte im November 1945 sowie deren Schulerlaubnis, war doch die sogenannte Entnazifizierung der Lehrenden ein zentraler Schritt der Alliierten, um das deutsche Schulwesen neu aufzubauen. Unter den insgesamt 14 Lehrkräften sind fünf Schwestern aufgeführt. Rainer Ludwig: „Die Olper Franziskanerinnen sind kein ausgesprochener Schulorden, waren also nicht in der Lage, ein Gymnasium ausschließlich mit eigenen Leuten zu führen wie beispielsweise die Ursulinen.“

Bereits 1946 konnte der erste Jahrgang an der Franziskus-Schule in einem speziellen Förderlehrgang – wegen des erheblichen Unterrichtsausfalls – sein Abitur ablegen. Doch die Freude darüber war nicht ungetrübt. Auf der Rückseite der noch vorhandenen Fotos ist handschriftlich vermerkt, dass die ehemaligen jüdischen Mitschülerinnen Hannah Lenneberg und Ilse Emmanuel fehlen. Die Familie Lenneberg emigrierte 1939 in die USA, der Familie Emmanuel gelang 1940 die Ausreise nach Argentinien.

Glaube als Kompass

Christoph Scheppe betont mit Blick auf Erlebnisse und Niederschriften wie diese, was die Schule stets im Blick hat und voran stellt: „Für uns als konfessionelle Schule ist es wichtig, Werte hochzuhalten, sie zu leben. Es geht um Menschenwürde, Offenheit und Engagement, Demokratie lebt vom Mittun, vom Einbringen in die Gemeinschaft und auch vom Nein sagen, wenn was nicht gefällt. Glaube kann da ein guter Kompass sein. Wir als Schule sind ein bunter Haufen. Alle mitzunehmen, ist unsere Aufgabe. Bestärkt und gestärkt durch die Hoffnung.“

Ein Beitrag von:
Freie Journalistin

Birgit Engel

Weitere Einträge

© Jasmin Lobert / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube Jung. Engagiert. Unverzichtbar. Helfen beim Katholikentag

Rund 100 junge Menschen aus dem Südsauerland sind beim 104. Deutschen Katholikentag als Helferinnen und Helfer im Einsatz. Dort erleben sie Kirche als Ort der Gemeinschaft und der Begegnung.
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube Alte Pfarrkirche, stolze Bürgerkirche, lebendige Marktkirche und jetzt auch Wallfahrtskirche

Maria ist weitergezogen: St. Aegidius in Wiedenbrück hat im Jahr 2024 von der Franziskanerkirche St. Marien die Marienwallfahrt übernommen
© LuckyNova / Shutterstock.com

Unser Glaube Trost wie finde ich ihn? Wie hilft Glaube?

Neue Themenseite „Trost - Umgang mit Trauer und Tod“: Wirken Sie mit und teilen Sie Ihre Erfahrungen.
Kontakt
| |
generalvikariat@erzbistum-paderborn.de
+49 (0)5251 125-0