Wuchtige Türme, roter Backstein, schwarzer Schiefer auf den Dächern, klare Kanten, ein mächtiges Geläut: Von außen präsentiert sich St. Marien in Witten als trutzige Gottesburg. Das war zum Zeitpunkt der Erbauung Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus so beabsichtigt. Von der Reformation bis zur Industrialisierung war Witten eine protestantische Stadt. In der neoromanischen Kirche mit ihren 500 Sitzplätzen sollten sich der Stolz und das Selbstbewusstsein einer wachsenden katholischen Gemeinde widerspiegeln.
Ganz anders zeigt sich der Innenraum der Kirche. Alles Kantige verschwindet beim Betreten. Auch wenn der Fußboden wie die Dächer draußen aus lichtschluckendem schwarzem Schiefergestein besteht und die räumlichen Dimensionen beeindrucken, wirkt St. Marien auf einmal freundlich und warm. Die nach Entwürfen des westfälischen Glaskünstlers Wilhelm Buschulte gefertigten Fenster mit Szenen aus dem Leben Mariens erhellen sanft den Raum. Das Kuppelgemälde mit Jesus und den zwölf Aposteln (übrigens das Titelbild des Erzbistumskalenders 2024) zieht die Blicke unweigerlich nach oben. Von der Zentralkuppel an scheint das Licht auf dem Weg bis in den Altarraum Schritt für Schritt zuzunehmen.
Dort ist Küster Volker Stein gerade damit beschäftigt, die Kreuzverhüllung am Passionssonntag vorzubereiten. „Mit violettem Tuch werden nicht nur die Kreuze, Jesusbilder und -figuren bedeckt, sondern auch alles andere, was golden glänzt und prunkt“, erklärt der Küster. Die Karwoche ist auch eine Fastenzeit fürs Auge. Zuerst befestigt der Küster das Tuch über dem Relief links vom Tabernakel. Es zeigt Abraham und Melchisedek. Die alttestamentarische Darreichung von Wein und Brot verweist natürlich auf das letzte Abendmahl, das auf der rechten Tafel dargestellt ist. Auch hier braucht Küster Stein nicht lange, bis das violette Tuch angebracht ist. „Eine Kirche mit 500 Sitzplätzen macht viel Arbeit, und ich bin für vieles verantwortlich“, sagt Volker Stein. „Zum Glück unterstützt mich ein großes Team ehrenamtlich Engagierter.“