Es ist 1973. Gerhard Giese, frischgebackener Referendar im Schuldienst, fährt durch strömenden Regen zu seiner offiziellen Bestellung nach Siegen. „Es hat geschüttet wie aus Kübeln, und trotzdem habe ich gleich ein Gefühl der Beheimatung gespürt“, erzählt der aus Neheim-Hüsten (heute Arnsberg) gebürtige Sauerländer. „Landschaftlich liegen das Siegerland und das Sauerland nicht weit auseinander. Und ich bin halt kein Großstädter.“
Ähnlich erging es ihm, als er erstmals nach Wilnsdorf kam, um sich eine Wohnung anzusehen, sein späteres Zuhause. Auch hier hatte er sofort den Eindruck, angekommen zu sein. „Mein erster Blick galt dem Kirchturm von St. Martinus, den ich von da an die nächsten Jahre und Jahrzehnte eigentlich nur eingerüstet kenne“, erinnert sich Gerhard Giese. „Kurzzeitig war das Gerüst weg und der Turm weiß getüncht, aber bald darauf stand das Baugerüst wieder da.“ Und noch eine Erinnerung hat Gerhard Giese aus dieser Zeit behalten: die dringlichen Bitten des Pfarrers an die Gemeinde, die aus der alten Kirche mitgenommenen Figuren und Buntglasfenster doch zurückzubringen.
Diese alte Kirche war ein neoromanischer Bau aus dem Jahr 1891 und damit noch gar nicht so alt. In der Zeit davor musste sich die katholische Gemeinde in der Siegerländer Diaspora mit einer Notkirche begnügen, noch weiter in der Vergangenheit wurden zwei umliegende Kirchen von der evangelischen Mehrheit und der katholischen Minderheit als Simultankirchen genutzt. St. Martinus war sicherlich der Stolz der Gemeinde. Und doch war dem Bauwerk nur eine kurze Lebensdauer beschert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche mit dem Zuzug katholischer Familien aus den deutschen Ostgebieten zu klein. Eine Erweiterung ließ sich aber wegen des maroden und durchfeuchteten Mauerwerks nicht realisieren. Das Kirchengebäude wurde abgerissen und durch einen 1972 geweihten Neubau im Stil einer Zeltkirche ersetzt. Einzig der ebenfalls durchfeuchtete 36 Meter hohe Turm des Vorläuferbaus schien erhaltenswert. „Das war ein langwieriges Unterfangen“, berichtet Gerhard Giese. „Erst 1996 war die Turmsanierung abgeschlossen.“