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Unvollendet wie der diesseitige Mensch

Die Pfarrkirche St. Marien in Schwerte wurde nie ganz fertig – und ist damit Sinnbild für eine lebendige und wandelbare

Die Pfarrkirche St. Marien in Schwerte wurde nie ganz fertig – und ist damit Sinnbild für eine lebendige und wandelbare Kirche

Einer der wichtigen Arbeitsplätze von Pfarrer Hans-Peter Iwan ist die Pfarrkirche St. Marien in Schwerte. Er liebt seine Arbeit und seine Kirche. Trotzdem handelt er die Baugeschichte mit nur wenigen Worten ab: Die Kirche wurde 1904 nach einem Entwurf des Paderborner Architekten Franz Mündelein im neo-romanischen Stil errichtet – und wurde nie ganz fertig. Eigentlich sollten die beiden Chortürme von einem Turm an der Westseite überragt werden. Der Bau des großen Glockenturms aber wurde, wie schon bei vielen mittelalterlichen Kirchen, nie in Angriff genommen. Es fehlte das Geld. Deshalb stimmen die Proportionen der Kirche nicht ganz. Für Hans-Peter Iwan ist das aber kein Makel, sondern es gereicht St. Marien sogar zum Vorteil: „Die Kirche ist unvollendet, wie auch der diesseitige Mensch unvollendet ist. Mir gefällt der Gedanke.“

Vorgeschichte der Kirche

Wichtiger ist Pfarrer Iwan die Vorgeschichte der Kirche, die viel mit der Sozialgeschichte des Ruhrgebiets zu tun hat. Und noch bedeutsamer ist ihm, welche Rolle die Kirche heute noch spielt.

Der Weg zur heutigen Marienkirche

Im Mittelalter war Schwerte eine Hansestadt. Schon damals gab es Metallverarbeitung in der Stadt. Mit vorindustriellen Produktionsmethoden wurden Unmengen an Eisenkleinteilen gefertigt, wodurch Schwerte zu bescheidenem Wohlstand kam. Die Reformation verlief in Schwerte vergleichsweise sanft, dennoch kehrten die meisten Bürgerinnen und Bürger der katholischen Kirche den Rücken. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts feierten die katholischen Christen ihre Gottesdienste in Kapellen und einem Privathaus, das teilweise in eine Notkirche umgewandelt wurde. Dies änderte sich erst mit der einsetzenden Industrialisierung. Anders als im benachbarten Dortmund hatte es in Schwerte niemals Steinkohlebergbau gegeben. Doch die nunmehr industrielle Metallverarbeitung in Schwerte zog Mitte des 19. Jahrhunderts viele Menschen an, die in der Stadt Arbeit und ein bisschen Lebensglück suchten. Für die Katholiken unter ihnen wurde 1862 an der Hüsingstraße eine erste Marienkirche gebaut. Deren Bausubstanz war derart schlecht, dass 1904 auf einem Acker vor den Toren der Stadt ein Neubau errichtet werden musste – die heutige Marienkirche.

Kirchliches Leben an verschiedenen Orten

Die katholische Kirchengemeinde St. Marien deckt die gesamte Stadt Schwerte und überdies einige Randgebiete Dortmunds ab und war in der Folgezeit mit bis zu 14.000 Seelen die mitgliederstärkste Kirchengemeinde des Erzbistums Paderborn. Erst mit der Bildung Pastoraler Räume entstanden in jüngster Vergangenheit noch größere Einheiten. „Wir waren aber auch immer schon eine gegliederte Kirchengemeinde mit mehreren Kirchtürmen“, erklärt Pfarrer Iwan. „So haben wir in Schwerte einige Erfahrung damit, wie kirchliches Leben an verschiedenen Orten in einer Gemeinde organisiert werden kann.“

Kirchliches Leben im Wandel

Dabei ist Einiges im Wandel. Während viele Gläubige mit ihrer Kirche in ihrem Ortsteil verwurzelt sind, nehmen vor allem die Jüngeren weitere Wege auf sich, um die Dinge zu erleben, die ihrem Sehnen nach Gott am ehesten entsprechen. Viel Zulauf hat etwa die Familienkirche in Villigst. Dort gibt es keine feste Bestuhlung, dafür aber Spielecken und ein Bibelzelt. Zur Gemeinde gehört auch ein Reiterhof, wo Familien – eingebunden in pastorales Wirken – z. B. Reiterferien machen können. Von „Angeboten“ möchte Pfarrer Iwan trotzdem nicht sprechen: „Das ist mir zu marktwirtschaftlich gedacht. Die Kirche macht keine Angebote, aber sie unterbreitet Vorschläge.“ Ein neuer Vorschlag der Schwerter Kirchen ist die Fahrradkirche in der am Rande des RuhrtalRadwegs gelegenen Kirche St. Antonius. „Größere kirchliche Einrichtungen ermöglichen mehr Vielfalt – und Vielfalt ist auch im Glauben wichtig“, zeigt sich Pfarrer Hans-Peter Iwan überzeugt. Dabei verweist er auf die Ordensvielfalt in den mittelalterlichen Städten: Wer damals mit der Kirche soziale Ideen verband, hörte den Franziskanern zu. Wer Glauben als intellektuelle Herausforderung verstand, sprach mit Dominikanern. Und wer sein Kind taufen ließ, ging zum Gemeindepfarrer. Pfarrer Iwan: „Heute ist es so, dass junge Familien in die Familienkirche gehen und Sportbegeisterte an der Fahrradkirche absteigen. Die Hauptsache ist, dass wir für möglichst viele Menschen da sind.“

St. Marien, Schwerte (Foto: Besim Mazhiqi / Erzbistum)

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