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© Ralf Litera
© Ralf Litera

Mit Mut Kraft geben

„Sterbende sind die mutigsten Menschen, die es gibt“, sagt Trauerbegleiterin Hannah Franzen.

Den Mut hat Hannah Franzen von ihrer Mutter in die Wiege gelegt bekommen. Als hätte sie geahnt, dass ihre Tochter ihn noch brauchen würde. Heute, da sie als Trauerbegleiterin und Koordinatorin eines ambulanten Hospizdienstes Sterbenskranke und deren Angehörige stützt und auch Ehrenamtliche dazu ermutigt. Und auf ihrem Weg dorthin.

Als Hospizmitarbeiterin zeigte ihre Mutter ihr früh, dass der Tod zum Leben dazugehört. Schon als Sechsjährige nahm Hannah Abschied von der verstorbenen Nachbarin. Auch den ersten gravierenden Verlust, den Tod ihrer Oma, konnte sie gut verarbeiten. Damals studierte Hannah Soziale Arbeit und hatte sich in der Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleitung intensiv mit der Endlichkeit auseinandergesetzt. Das letzte Essen, ein selbst gemachter Pfannkuchen der Enkelin, der letzte Satz, ein Tod mit Ankündigung – traurig, aber in guter Erinnerung bleibt die Großmutter präsent. Auch dank der Sicherheit, die Hannah Franzens Mutter aus ihrem Beruf mitbrachte.

Die tiefe Erschütterung kam vier Jahre später. Es war ein Donnerstagmorgen, Hannah Franzen war gerade auf der Arbeit, als ihre Mutter anrief. Sie sagte nichts Genaues, aber die Tochter ahnte es. Am Nachmittag im Krankenhaus erfuhr sie von der palliativen Diagnose der Mutter. Hannahs erste Gefühle: Ohnmacht, freier Fall und absolute Fassungslosigkeit. „Wir wissen, dass Mama an der Erkrankung sterben wird. Unklar ist: Wie viel Zeit wir noch gemeinsam haben.“

Schritt für Schritt übernahm die damals 24-Jährige in den nächsten Monaten die Aufgaben im ambulanten Hospizdienst St. Elisabeth Lennestadt, den die Mutter gegründet hatte, und des Netzwerkes Hospizarbeit Plettenberg.

Vom Warum zum Wozu

Bis sie gefragt wurde, ob sie nicht die Koordinationsstelle selbst besetzen wolle. Nach kurzem Hadern sagte die junge Sozialarbeiterin zu.

Die Hospizarbeit blickt hier auf eine lange Geschichte zurück. Seit über drei Jahrzehnten begleitet der Trägerverein Hospiz zur Hl. Elisabeth e.V. mit seinen Angeboten schwer kranke und sterbende Menschen in der Region – getragen von der Überzeugung, dass jeder Mensch ein würdevolles, umsorgtes und möglichst selbstbestimmtes Lebensende verdient.

Seit April 2023 ist Hannah Franzen für die Ausbildung und Koordination von 76 ehrenamtlichen Sterbebegleitenden zuständig, die sie Tag für Tag ermutigt, auch in schwersten Momenten für Sterbende und ihre Angehörigen da zu sein. Eigentlich kein Thema, mit dem sich ihre Generation schon auseinandersetzt. Hannah Franzen aber ist angekommen: „Mama sagte irgendwann: ,Vielleicht fragen wir nicht nach dem Warum, sondern nach dem Wozu.‘ Mir hat das Schicksal die Tür in die Hospizarbeit geöffnet. Und es fühlt sich so an, als ob ich hier gut und richtig bin.“

Sie kann die Menschen erreichen, weil sie ihre Lage versteht. Auch wenn jede Situation individuell ist, sie ist immer absolut gravierend.

Die Angst des Existenziellen

Was Hannah Franzen in der Hospizarbeit nur zu gut kennt: die große Hemmschwelle. Jede Konfrontation mit dem Tod macht auch etwas mit einem selbst. Vor dem Erstkontakt wissen die Sterbebegleitenden nie, was sie erwartet. Besonders herausfordernd: wenn junge Menschen, die noch mitten im Leben stehen, unheilbar erkranken. „Solche Ereignisse bringen krasse Sinnfragen mit, viele zweifeln dann an Gott.“

Auch Hannah Franzen muss sich kurz sammeln, wenn sie solche Geschichten hört. Viele Menschen scheuen die Konfrontation mit Sterben und Tod, nicht jeder kann im Hospiz arbeiten. Zugleich kann die Begleitung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase tief erfüllen. In ihren Letzte-Hilfe-Kursen möchte Hannah Franzen darum die Angst nehmen, etwas falsch zu machen: „Sterbebegleitung braucht keinen großen Anspruch. Wichtig ist, ein Stück des letzten Weges mitzugehen, mit aufrichtigem Herzen für den anderen da zu sein.“

Wagen, weil es irgendwann zu spät ist

Eingeholt wird Hannah Franzen dabei immer wieder von ihrer eigenen Geschichte. Eine tiefe Traurigkeit, Wut und die große Frage, warum das Schicksal ihr diese Last in jungen Jahren zumutet, machen sich dann breit.

Ein Schlüsselerlebnis war es, als sie in ihrer Ausbildung zur Trauerbegleitung von vorweggenommener Trauer erfuhr. „Plötzlich verstand ich, was mit mir los ist.“ Und dann wagte sie den vielleicht mutigsten Schritt ihres Lebens: In ihrer Abschlussarbeit reflektierte sie den persönlichen Trauerprozess, lange bevor sie sich von ihrer geliebten Mutter verabschieden muss. „Das war die schwierigste und zugleich schönste Arbeit, die ich je geschrieben habe.“ Heute, nach dieser intensiven Auseinandersetzung, macht sie Gesprächsangebote für Menschen, die in vergleichbaren Situationen stecken.

Was bedeutet Ihnen Mut, Frau Franzen? „Aus der eigenen Komfortzone rauszutreten, etwas zu wagen, von dem man nicht weiß, wie es ausgehen wird, etwas mit dem ganzen Herzen wollen.“ So traut sich Hannah Franzen heute Dinge zu, die sie vor Jahren nicht gewagt hätte, wie die Alpenüberquerung vor zwei Jahren.

Sie weiß: Es kann passieren, dass der Zeitpunkt kommt, an dem es plötzlich nicht mehr geht. Tief berühren sie Menschen, die gegen alle Zweifel den Mut aufbringen, ihren schwer kranken Angehörigen einen letzten Wunsch zu erfüllen, ein Wochenende im Wellnesshotel oder einen Ausflug in die Berge etwa.

„Glaube sollte praktisch sein“

Gespeist wird Hannah Franzens Kraft, wieder aufzustehen, wenn sie gestresst oder traurig ist, aus einem tiefen Gottvertrauen. Nach der Diagnose ihrer Mutter flatterte ihr eine Predigt in die Hände, die sich an einen Menschen richtet, dem Schlimmes passiert ist – und die ihr ein Leitmotiv geschenkt hat: „Darin heißt es: ,Gott ist nicht jemand, der dir ein Leben schenkt, in dem einfach alles super ist. Gott ist ein Steinmetz, der Charaktere meißelt.‘ Er würde dir nicht so viel auflasten, wenn er nicht wüsste, dass du es tragen kannst.“

Und so wundert es nicht, dass vor allem Sterbende Hannah Franzen inspirieren: „Was bringen die für einen Mut auf! Was für eine Stärke, permanent konfrontiert zu sein und trotzdem jeden Morgen aufzustehen. Wie mutig auch, sich zu entscheiden: Ab heute kämpfe ich nicht mehr. Sterbende sind die mutigsten Menschen, die es gibt.“

Ein Beitrag von:
Dr. Carina Middel, freie Autorin, schreibt Texte für Print und Online im Erzbistum Paderborn. © Carina Middel/Erzbistum Paderborn
Freie Autorin Dr. Carina Middel
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Dr. Carina Middel

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