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Im Geist der Heiligen Hedwig: Einsatz für Vertriebene und ihre Anliegen

Hedwigswerke, die sich nach dem 2. Weltkrieg gründeten, halfen Vertriebenen, anzukommen. Das Erzbistumsarchiv erinnert an Vertriebenenseelsorger Pfarrer Wilhelm Trennert und lädt zum Publikumstag am 27. März 2026.

Übergeordnetes Thema des Tages ist „Alte Heimat – neue Heimat“. Damit greift das Erzbistumsarchiv in der Archivalie wie zum Publikumstag das Motto vom Tag der Archive 2026 auf, der am 7. und 8. März stattfand, in der Archivalie sowie am Publikumstag selbst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrscht in Deutschland ein gewaltiges Durcheinander. Die Alliierten schicken Millionen von Soldaten der besiegten Achsenmächte in Kriegsgefangenschaft. Zeitgleich befreien sie Millionen ausländische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Natürlich wollen die Befreiten möglichst rasch nach Hause. Kinder, die vor dem Bombenkrieg aus den Städten aufs Land evakuiert worden waren, ziehen nach Kriegsende auf eigene Faust los und suchen ihre Eltern. Schon in den letzten Kriegsmonaten waren die Trecks der Kriegsflüchtlinge im Westen angekommen und mit ihnen die Alten, die Frauen und Kinder, die vor den sowjetischen Truppen in den Westen geflohen waren. Ihnen folgen als zweite Welle die Heimatvertriebenen, also die Deutschen, die von tschechischen, polnischen, russischen, ungarischen, rumänischen und jugoslawischen Behörden aus ihren Dörfern und Städten vertrieben worden waren. Schätzungen zufolge sind in der ersten Nachkriegszeit zwischen 30 und 40 Millionen Menschen in Mitteleuropa unterwegs – und dies bei zerbombten Städten, zerstörten Eisenbahnlinien und einer schlechten Ernährungslage.

Aus dieser Zeit (um genau zu sein aus der Zeit kurz darauf) stammt die Archivalie, die das Erzbistumsarchiv anlässlich des Tags der Archive 2026 präsentiert. Initiiert wird der im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindende Aktionstag vom VdA, dem Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e. V., wobei jeder Tag der Archive unter einem besonderen Motto steht. Das diesjährige Thema „Alte Heimat – neue Heimat“ beleuchtet unterschiedliche Formen von Heimatverlust und Neubeginn: von Migration und Flucht bis zu Umsiedlungen durch Bergbau, Tagebau oder tiefgreifenden Strukturwandel.

Nachgezogener Publikumstag am 27. März 2026

„Für uns ist eigentlich fast jeder Tag ein Tag der Archive“, erklärt Michael Streit, Geschäftsleitung des Erzbistumsarchivs. „Immerhin haben wir täglich von Montag bis Donnerstag zu Bürozeiten geöffnet, alle unsere Services sind für die Interessierten kostenlos. Aber natürlich ist der Aktionstag auch wichtig für unsere Sichtbarkeit. Wir sprechen nicht nur eine kleine Fachöffentlichkeit an, vielmehr wollen wir ein großes Publikum geschichtsinteressierter Menschen mit unseren Dienstleistungen erreichen.“ Der bundesweite Aktionstag der Archive fand am 7. und 8. März 2026 statt. Das Erzbistumsarchiv beteiligt sich aber erst am Freitag, den 27. März, an der Aktion. Grund dafür sind Umbauarbeiten in den Archivräumen. Dafür wartet am Publikumstag ein interessantes Programm. Um 10 und 14 Uhr finden öffentliche Vorträge zur Geschichte und zu den Beständen des Erzbistumsarchivs statt. Parallel dazu hat von 9 bis 16 Uhr im Lesesaal eine Ausstellung von Archivalien zum Thema „Alte Heimat – neue Heimat“ geöffnet.

Archivalie: Wie Pfarrer Wilhelm Trennert an die Spitze des Hedwigswerkes kam

Aber jetzt endlich Butter bei die Fische! Welche Archivalie präsentiert das Erzbistumsarchiv im Kontext des Mottos „Alte Heimat – neue Heimat“?

Es handelt sich um ein schlichtes und kurzes maschinengeschriebenes Schreiben vom 12. Februar 1948. Darin ernennt Erzbischof Lorenz Jaeger Pfarrer Wilhelm Trennert zum ersten Diözesanpräses des St. Hedwigswerks in der Erzdiözese Paderborn.
Sein Amt wird gestützt durch die Gründungssatzung des St. Hedwigswerks. Deren Veröffentlichung war kurz zuvor erfolgt, am 22. Januar 1948 im Kirchlichen Amtsblatt für die Erzdiözese Paderborn, 91. Jahrgang. Geregelt ist in der Satzung allerlei, insbesondere natürlich die Aufgaben des St. Hedwigswerks.

Diese definieren sich wie folgt:

  • die Verehrung der hl. Hedwig als Vorbild eines einfachen, christfrohen Lebens,
  • die Veranstaltung einer monatlichen Andacht mit heimatlichen Liedern und religiösem Brauchtum der Ostvertriebenen,
  • die Veranstaltung eines monatlichen Heimatabends unter Berücksichtigung des Kulturgutes der Ostvertriebenen, um so
    a) Schaffung einer geistigen Heimat,
    b) Pflege der angestammten Art und des heimatlichen Brauchtums,
    c) Erschließung der Kulturwerke der neuen Heimat zu erreichen,
  • die Herausgabe von Schriftgut im Geiste des St. Hedwigswerkes

Es geht also ums Ankommen, ums Fußfassen in einer neuen Heimat, ohne jedoch die alte Heimat abstreifen oder verraten zu müssen. Besser gesagt: In der Satzung geht es um die Hilfestellung der Kirche bei der Integration.

Unermüdlicher Einsatz für die Anliegen der Vertriebenen

Einen besseren ersten Präses als Pfarrer Wilhelm Trennert hätte das St. Hedwigswerk kaum haben können. Geboren 1909 in Posen, wurde er im Jahr 1935 in Breslau zum Priester geweiht. Wie viele andere Schlesier wurde er im Januar 1945 vertrieben. Im Erzbistum Paderborn als seiner neuen Heimat engagierte er sich intensiv in der Vertriebenenseelsorge. Beschrieben wird er als tätig, beharrlich und energisch – und als unermüdlicher Reisender, der überall im Erzbistum neue Hedwigskreise ins Leben rief. 1969 wurde Wilhelm Trennert Päpstlicher Ehrenprälat, er starb 1972 in Lippstadt.

Unter seiner Leitung und unter der Obhut der heiligen Hedwig als der Schutzfrau des Deutschens Ostens kam die Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus den früheren deutschen Ostgebieten im Erzbistum Paderborn rasch voran. Zwar gab es von manchen Alteingesessenen zunächst Vorbehalte gegenüber den  Neuankömmlingen und Vorwürfe, sie würden bevorzugt behandelt. Aber viele der Gläubigen im Erzbistum Paderborn kümmerten sich liebevoll um die Menschen, die ihr Hab und Gut und noch etwas viel Größeres, nämlich ihre Heimat, verloren hatten.

Zugleich leisteten die Geflüchteten ihren Beitrag zur Integration. Sobald sich die Gelegenheit dazu bot, errichteten sie in Wohnungsbauvereinen ihre typischen Siedlungshäuschen. Gleich nach der Ankunft feierten sie wieder ihre Gottesdienste, in Kapellen und Notkirchen, die Kirchenbänke oft nichts anderes als über Ölfässer gelegte Bretter. In vormals rein protestantischen Gegenden entstanden katholische Gemeinden. Und die Flüchtlinge gingen auf Wallfahrt. Nachdem ihre eigenen Wallfahrtsorte unerreichbar waren, wurde Werl zum Ziel einer großen Schlesierwallfahrt. Dass Migration eine gesellschaftliche Bereicherung sein kann? Hier ist der Beweis!

Die Heilige Hedwig

  • Hedwig, geboren um das Jahr 1173/74 auf Burg Andechs, war Tochter von Berthold IV., Graf von Tirol, und dessen zweiter Frau Agnes von Rochlitz, Herzogin von Meranien.
  • Die Andechs-Meranier waren im 12. Jahrhundert eines der mächtigsten Adelsgeschlechter. Hedwigs Schwester Agnes wurde mit dem französischen König Philipp II. verheiratet, ihre Schwester Gertrud mit dem ungarischen König Andreas. Als Kind aus dieser Ehe ging die heilige Elisabeth von Thüringen hervor.
  • Auch Hedwig wurde aus dynastischen Gründen früh verheiratet. 1188 ehelichte sie Herzog Heinrich I. von Schlesien aus der Dynastie der Piasten. In seine Herrschaft fällt die letzte Phase der hochmittelalterlichen Ostsiedlung durch Deutsche.
  • Auch Hedwig war migrationspolitisch engagiert. Als Herzogin förderte sie außerdem die Verbreitung des christlichen Gedankengutes, diente Armen und Kranken, gründete Frauenklöster und unterstützte verschiedene Orden bei der Ansiedlung.
  • Sie trat nach dem Todes ihres Mannes als einfache Nonne im Jahr 1283 in ein Kloster ein. Bereits im Jahr 1209 hatte sie nach gemeinsam mit ihrem Mann nach 22 Ehejahren und sieben Kindern, die aus der Verbindung hervorgingen, vor dem Breslauer Bischof das Gelübde ehelicher Enthaltsamkeit abgelegt. Die Hl. Hedwig verstarb am 14. Oktober 1243 und wurde mit ihrem Mann in der Klosterkirche bestattet.
  • Namenstag der Heiligen Hedwig von Schlesien ist der 16. Oktober.

 

Begleitung durch die gesamte Nachkriegszeit bis ins Jahr 2023

Das St. Hedwigswerk begleitete die aus den deutschen Ostgebieten geflohenen Menschen durch die ganze Nachkriegszeit. Die Geschichte des kirchlichen Integrationsvereins wurde von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen dokumentiert und aufgezeichnet. Interessant ist, dass bereits die Gründungssatzung Bestimmungen über die Auflösung des St. Hedwigswerks enthält. Integration ist eine langfristige Aufgabe, aber eben auch immer eine Aufgabe auf Zeit. Die Satzung regelt, dass nur der Erzbischof befugt ist, einzelne Hedwigskreise oder das gesamte Werk aufzulösen.

Im Jahr 2023 war es dann so weit. 78 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Aufgaben des St. Hedwigswerks getan. Dessen letzte große Pflicht war die Veranstaltung der Schlesierwallfahrt nach Werl. Wobei die Wallfahrt weitergeht. Die Organisation ging lediglich vom Vorstand des aufgelösten St. Hedwigswerks in die Hände des Werler Wallfahrtsteams über. Die Teilnehmenden der Schlesierwallfahrt sind damit zufrieden. So wie die heilige Hedwig, wenn sie darauf blickt, was aus ihren Schlesierinnen und Schlesiern im Erzbistum Paderborn geworden ist.

 

Foto Erzbistumsarchiv Paderborn
Signatur EBAP A1.2 Acta_Generalia1945-1969 St._Hedwigswerk_1948-1968
Entstehungsdatum 12. Februar 1948
Autoren

Hans Pöllmann, freier Autor

Michael Streit, Geschäftsleitung Erzbistumsarchiv

Die Archivalie des Monats

Das Erzbistumsarchiv ist das Gedächtnis unserer Erzdiözese. Es sichert und erschließt die schriftliche Überlieferung und macht Geschichte allgemein zugänglich. Und das sogar kostenlos. Selbst die wertvollsten Archivstücke können Sie sich werktäglich zu den Öffnungszeiten des Erzbistumsarchivs ansehen. Darunter sind selbstverständlich auch die Stücke, die wir Ihnen in unserer Reihe „Die Archivalie des Monats“ vorstellen.

Besucheradresse:

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Domplatz 15 (Konrad-Martin-Haus)
33098 Paderborn
Tel.: (0 52 51) 1 25-12 52
E-Mail: archiv@erzbistum-paderborn.de
Geöffnet Montag-Donnerstag, 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr

Ein Hinweis für alle genealogisch Interessierten: Die digitalisierten Kirchenbücher des Erzbistums Paderborn finden Sie auf

Matricula

Ein Beitrag von:
© Jürgen Hinterleithner
freier Autor

Hans Pöllmann

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