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„Es wird jetzt erst allmählich deutlich, was passiert ist“

Bernadette Rupa, Vorständin des Caritasverbandes Hagen, über die Situation im Raum Hagen
Unser Glaube
21. Juli 2021
Hagen

„Es wird jetzt erst allmählich deutlich, was passiert ist“

Bernadette Rupa, Vorständin des Caritasverbandes Hagen, über die Situation im Raum Hagen

Bernadette Rupa, Vorständin des Caritasverbandes Hagen, über die Situation im Raum Hagen

Eins ist Bernadette Rupa, Vorständin des Caritasverbandes Hagen, sehr wichtig, bevor sie über die Folgen der Flutkatastrophe für den Raum Hagen spricht: „Wir sind noch glimpflich davon gekommen. Wenn man die Bilder aus Erftstadt oder aus dem Ahrtal sieht, ist klar, dass es andere viel schlimmer getroffen hat als uns. Eigentum kann man ersetzen. Menschenleben nicht.“ Im Interview spricht Bernadette Rupa über erste Hilfsaktionen und die große Hilfsbereitschaft der Menschen in Hagen und Umgebung.

Redaktion

Wie haben Sie persönlich die Flutkatastrophe erlebt?

Bernadette Rupa

Man kann sich nicht vorstellen, wie schnell sich die Situation verändert hat, wie schnell das Wasser war und was für eine Kraft es hatte. Ich lebe in Dortmund und bin abends um halb acht nach Hause gefahren. Mein Kollege ist eine Minute vor mir losgefahren. Er ist noch mit dem Auto über die B54 gekommen, ich nicht mehr – ich musste mir einen anderen Weg suchen.

Redaktion

Welche Schäden hat die Flut angerichtet?

Bernadette Rupa

In Hagen waren die Vororte besonders betroffen, Hohenlimburg und Dahl. Beide liegen im Tal. Zusätzlich zu dem Wasser floss das Geröll hinein, die Hänge rutschten runter und haben Hauswände eingedrückt. In der Innenstadt waren vor allem die Teile betroffen, die in der Nähe der Volme lagen, das Rathaus zum Beispiel.

Redaktion

Was waren unmittelbare Folgen, die Sie gespürt haben?

Bernadette Rupa

In Hohenlimburg musste ein Altenheim der Arbeiterwohlfahrt evakuiert werden – die Bewohner wurden auf andere Einrichtungen verteilt, auch auf unsere Einrichtungen. Es gab dann zunächst einmal keine Kleidung, wir hatten keine Informationen über die Medikamente, die die Menschen nehmen müssen. Es war auch ein Palliativ-Patient dabei, also ein Mensch, der im Sterben liegt. Da mussten wir zunächst einmal Kontakt zu einem Palliativ-Arzt aufnehmen – bei einer palliativen Versorgung sind Medikamente nötig, die wir in unseren Einrichtungen nicht vorrätig hatten.

“Wir sind noch glimpflich davon gekommen. Wenn man die Bilder aus Erftstadt oder aus dem Ahrtal sieht, ist klar, dass es andere viel schlimmer getroffen hat als uns. Eigentum kann man ersetzen. Menschenleben nicht.“

Bernadette Rupa, Vorständin Caritasverband Hagen

Redaktion

Waren auch Caritas-Einrichtungen betroffen?

Bernadette Rupa

Es gab Sachbeschädigungen. Eine Einrichtung in Eckesey, in der wir mit arbeitslosen Jugendlichen zusammenarbeiten, können wir nicht mehr nutzen. Ein Bully, der davor parkte, stand bis zu den Sitzen im Wasser. Ein Zentrallager der Werkstatt für Menschen mit Behinderung ist ebenfalls betroffen. Dort hatten wir ein Aktenlager, das jetzt ebenfalls weg ist. Darin waren Belege, die wir zwar auch digitalisiert haben, die wir aber für die Steuer eigentlich aufheben müssen. Aber wir können es nicht ändern.

Redaktion

Welche Hilfsmaßnahmen haben Sie in die Wege geleitet?

Bernadette Rupa

Bei uns sind einige Hilferufe eingegangen, von Menschen, die nicht mehr in ihre Wohnung konnten. Da hatte die Stadt Hagen dann aber schnell eine Notunterkunft eingerichtet, wo alle untergebracht werden konnten. Wir haben uns dann zuerst einmal um Mitarbeitende und Klienten gekümmert, die Hilfe brauchten. Es gab zum Beispiel eine Mitarbeiterin, die zu Hause ihre Eltern pflegt und deren Wohnung betroffen war. Hier haben wir dafür gesorgt, dass ihre Eltern in eine Einrichtung kamen und sie bei einer Freundin unterkommen konnte. Oder eine Tagesmutter, deren Zwillings-Kinderwagen durch die Überflutung des Kellers unbrauchbar wurde – da haben wir auch schnelle Hilfe geleistet, damit sie wieder arbeiten konnte. Ein Klient hat sich gemeldet und gesagt, dass die Lebensmittelvorräte für den Rest des Monats weg sind, was für ihn ein großer Schaden war – hier konnten wir auch schnell helfen.

Redaktion

Wie haben Sie die Hilfsbereitschaft in Hagen erlebt?

Bernadette Rupa

Die Hilfsbereitschaft war riesengroß. In der evangelischen Kirche türmten sich zum Beispiel die Lebensmittelspenden, die haben wir jetzt an die Caritaskonferenzen verteilt, vor allem an die in Hohenlimburg. Ein Teil ging auch an die Tafeln. Wir greifen also auf die Netzwerke zurück, die wir sowieso schon haben. Kolleginnen und Kollegen aus anderen Caritasverbänden haben angefragt, ob sie helfen können. Viele Menschen sind mit Schaufel und Schubkarren zu den Unglücksorten gekommen und haben gefragt, wo sie helfen können. Ein Pizzabäcker hat die Helfenden mit Pizza versorgt, die Pfadfinder haben Erbsensuppe für sie gekocht. Ein Sportverein hat Geldspenden in Höhe von 200.000,- € eingesammelt. Dies sind nur einige Beispiele.

Die Hinterlassenschaft der Überschwemmung: Schlamm hat auf einem Spielplatz in Hagen-Eckesey eine harte Schicht gebildet.

Foto: Tobias Schulte

Redaktion

Wie ist die ganze Hilfe koordiniert worden?

Bernadette Rupa

In Hagen betreiben die Wohlfahrtsverbände Caritas, Diakonie und Arbeiterwohlfahrt eine gemeinsame Freiwilligenzentrale, darüber wird das ganze Engagement koordiniert. Dort weiß man auch, wo Wohnungen frei sind und was man an Hilfe anbieten kann.

Auch mit Unterstützung der Kommune werden hier Hilfsangebote und Bedarfe zusammengeführt.

Redaktion

Wie ist die Lage in Hagen jetzt?

Bernadette Rupa

Auf der Agenda stand zunächst einmal, die Straßen frei zu bekommen. Dazu war in Hohenlimburg die Bundeswehr mit schwerem Gerät im Einsatz. Die Anwohner können jetzt also auch in die Stadtteile zurück und können schauen, wie die Lage ist. Diese Tage, die jetzt kommen, werden erst deutlich machen, was alles passiert ist und welche Hilfe notwendig ist.

Redaktion

Welche Folge werden die Überflutungen für Hagen haben?

Bernadette Rupa

Hagen gehört jetzt nicht zu den reichen Städten – und es ist viel Infrastruktur kaputt gegangen. Es ist aber noch schwer abzuschätzen, welche Folgen das hat. Für manches ist die Kommune zuständig, für manche das Land, für manches der Bund. Alle Beteiligten müssen sich jetzt erst einmal sortieren und die Schäden erfassen.

 
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