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© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

„Es passiert was hinter den sieben Bergen“

Bürgerdialog mit Erzbischof Bentz im Rahmen des Amtssitzwechsels in der Stadthalle in Meschede

Die Zeit zurückdrehen? „Nein, es wird nicht wie früher“, sagt Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz. „Das müssen wir akzeptieren.“ Es sind klare Worte, die an diesem Dienstagabend im Foyer der Stadthalle Meschede fallen. Nicht nur aus dem Mund des Erzbischofs. Auch die zum neuen Bürgerdialog eingeladenen Bürgerinnen und Bürger sowie die zahlreichen ehrenamtlich Engagierten reden nicht um den heißen Brei herum. „Sie sind der Hirt und wir die Lämmer. Und jetzt werden die Lämmer gefragt, wie sie sich die Zukunft vorstellen“, formuliert es ein langjährig in kirchlichen Gremien Aktiver aus Ostwig unverblümt. Für eine Woche hat der Erzbischof seinen Bischofssitz von Paderborn ins Sauerland verlegt und nun kann er sich so etwas anhören. Aber genau das ist das erwünschte Ziel, mit dem der Erzbischof in den nächsten Jahren regelmäßig die vielen Regionen der Erzdiözese besuchen und die dort lebenden Menschen kennenlernen möchte. Denn er ist fest überzeugt, dass die Kirche den Weg in die Zukunft nur gemeinsam mit den Menschen vor Ort suchen und finden kann.

Der Mut, „Ich glaube“ zu sagen

Der Dialog-Abend begann mit einer Eucharistiefeier in der Mescheder Pfarrkirche. Michael Schmitt, Leiter des Pastoralen Raums Meschede, freute sich, den Erzbischof in St. Walburga begrüßen zu dürfen; die Mescheder Stiftsmusik sorgte für die musikalische Begleitung des Gottesdienstes. In seiner Predigt sprach der Erzbischof die kirchlichen und gesellschaftlichen Veränderungen an. „Der Wertekonsens bröckelt.“ Krisen bestimmten den Alltag. Er spüre bei vielen Menschen eine „Müdigkeit“ und „Traurigkeit“. Nicht wenigen sei „der Faden verloren gegangen“. Aus seiner Sicht sei für eine Sendungskraft nach außen aber „innere Sammlung“ in der Liturgie Voraussetzung. Das falle den meisten immer schwerer. „Wir müssen den inneren Pfad zu Gott wieder aufbauen.“ Dazu bemüht er das Wort des Augustinus: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“ Die Gläubigen sind in diesen schwierigen Zeiten besonders gefordert. Er appelliert, den Mut zu haben, „Ich glaube“ zu sagen.

Als Moderator des Dialogs begrüßt Dr. Maximilian Schultes anschließend im Foyer der Stadthalle Meschede über hundert Männer und Frauen, die allesamt ehrenamtlich im kirchlichen Dienst aktiv sind – oder es lange waren – sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger. Einleitend geht der Erzbischof auf den Bistumsprozess mit seinen Transformationssträngen ein. Es stehe ein „riesiges Umdenken“ an, sagt er. Die wichtigste Frage für ihn sei: „Wie können wir trotz des Prozesses die Zukunft aktiv gestalten?” Die Herausforderung bestehe darin, in 25 großen Seelsorgeräumen die Nähe zu den Menschen zu erhalten. Die Kirche könne nicht mehr wie früher in 600 Pfarreien „Vollsortimenter“ sein, die alles an Angeboten und Seelsorge überall und immer anbieten.

Verlässlich vor Ort Kirche erlebbar machen

Es müsse „verlässliche Orte geben, an denen Kirche erlebbar wird“. Als „Keimzellen des Glaubens“ könnten dabei auch Kitas oder Caritas-Einrichtungen dienen. Mit Vielfalt und klarem Profil muss die katholische Kirche auch in Zukunft die Gesellschaft mitgestalten. Ein solches „klares Profil“ hat er zuvor an der Diskussion um das Klinikum in Lippstadt sowie am Einsatz für den Schutz des ungeborenen Lebens festgemacht. Man müsse Frauen helfen, sie begleiten, ihr Dilemma sehen und verstehen. Wichtig sei es, Position zu beziehen, ohne zu polarisieren oder sich von bestimmten politischen, extremen Strömungen instrumentalisieren zu lassen. Dabei müsse man zu seinem Profil aus dem Glauben heraus stehen: „Wir müssen uns zum Anwalt des ungeborenen Lebens machen.“

Zwischen Ermutigung und Ernüchterung: Stimmen aus der Basis

Nach nur kurzem Zögern sprudelt es aus den Besuchern nur so heraus. Abwechselnd treten sie an zwei Saal-Mikrofone heran und legen beim engagierten Reden schnell die Nervosität ab. In einem Dorf gebe es eine musikalische Gottesdienstreihe, die von Ehrenamtlichen getragen wird. „Wir haben eine kleine Kirche, aber sie ist immer voll“, berichtet eine Aktive und hebt hervor: „Verlässlichkeit ist wichtig.“ Doch auch persönliche Enttäuschung muss der Erzbischof hören. „Ich spüre für mich nichts mehr in meiner Gemeinde“, sagt ein Mann, der einst in der Jugendarbeit sehr aktiv war und vieles mit aufbaute. „Ich sehe nichts mehr und kann im Moment keine Werbung machen.“ Er wünscht sich Motivation. Vielleicht „einen jungen Pastor“. Der Erzbischof kann das nachvollziehen. „Ich bin Priester geworden, um Seelsorge zu betreiben“, sagt er und erzählt von seiner Zeit als Jugendkaplan. Damals war er an der Basis in der Heimat zwischen Zeltlager, Freizeiten, Gottesdiensten und Religionsunterricht tagtäglich gefordert. Der Erzbischof lenkt den Blick darauf, warum es das nicht mehr in dieser Fülle gibt und wie neue, passende Angebote von jungen Menschen initiiert und begleitet werden könnten.

Ein anderer Mann sieht „ein Riesending, das wir anschieben müssen“. Er ist jedoch hoffnungsvoll: „Es passiert was hinter den sieben Bergen, wo wir keine Priester mehr haben.“ Auch der Blick auf die „Befähigung einiger Hauptamtlicher“ wird dem Erzbischof ans Herz gelegt. „Nicht aus jedem Gottesdienst kann ich etwas mitnehmen“, sagt eine Frau. Konkret wünscht sich jemand anderes, dass ein Pastor, der ja nur noch gelegentlich „eingeflogen“ wird, wenigstens zehn Minuten nach dem Gottesdienst vor Ort bleibt und sich den Gottesdienstbesuchern widmet. Eine „Anweisung“ wäre sogar noch besser. „Ich bin ja auch nur eingeflogen“, sagt Erzbischof Bentz und bezieht das Gesagte auch auf sich. Er berichtet von eigenen Erfahrungen. In Lateinamerika komme ein Priester in entlegenen Gebieten oft nur zwei- oder dreimal im Jahr. „Dann ist die Eucharistie ein richtiges Fest.“ Der Priester müsse den ganzen Tag taufen. Vielleicht zeigen solche Beispiele aus der Weltkirche auch, dass es unter schwierigen Bedingungen möglich ist. Denn: „In zehn Jahren wird es im Erzbistum nur noch 100 Priester unter 70 Jahren geben. Bei den anderen Berufen sieht es nicht anders aus. Und wir wissen, wie schnell die Zeit vergeht.“

Im Fokus: Jugend, Ehrenamt, Gleichberechtigung und ökumenisches Miteinander

Eine 22-Jährige hebt hervor, dass es noch eine ganze Menge Engagement gibt, und sieht eine Chance darin, Aktive aus der Jugendpastoral mehrerer Gemeinden mit ihren Interessen zu bündeln. Ein junger Kirchenvorstand hat diesbezüglich Erfahrungen gemacht und berichtet von Angeboten, die nicht genutzt wurden. Eine Besucherin hätte gern im Vorfeld eher und genauer von dem „Dialog“ erfahren, den die Beteiligten sichtlich nutzen, um Sorgen, Nöte, aber auch Kritik abzuladen. „Wir hätten noch einige Frauen mitbringen können”, sagt sie.

Ein Mescheder berichtet, dass die ökumenische Zusammenarbeit Ressourcen heben könne und man vor Ort positive Gottesdienst-Erfahrungen sammele. Eine ehrenamtlich Aktive spricht schließlich die Gleichberechtigung von Frauen an, an der die Kirche arbeiten müsse. Auch wenn viele Frauen von aktuellen Aussagen des Papstes enttäuscht sind, sieht der Erzbischof Schritte in diese Richtung.

Mehrfach wird der Wunsch geäußert, den Ehrenamtlichen mehr Bedeutung beizumessen. Sie dürften nicht länger als „Lückenbüßer“ betrachtet werden. Eine Besucherin lobt einen jüngst von der Kommunikationsabteilung produzierten Podcast. „Aber warum nicht auch mal einen Podcast mit uns Ehrenamtlichen, mit unserer Einschätzung?“, fragt sie und erhält spontan die Zusage, dass dies realisiert wird. Dirk Lankowski, Redaktionsleiter der Kommunikationsabteilung des Erzbistums, spricht eine direkte Einladung aus und schildert die Bemühungen, auf vielen Ebenen Informationen über das kirchliche Leben zu verbreiten und Mut zu machen. Traditionelle Medien seien hier leider weggebrochen. Man sei intensiv dabei, Ersatz für neue Informationskanäle zu schaffen und nutze beispielsweise nun auch TikTok. Gerade für junge Leute dürfe dieser Kanal nicht den Extremen überlassen werden. Erzbischof Bentz ist inzwischen auch auf Instagram aktiv und berichtet von guten Erfahrungen. So hätten 24.000 Menschen seine Pilgerwanderung zu Beginn der Woche über den Instagram-Kanal verfolgt. In nur einem Jahr habe er knapp 11.000 Follower gewonnen.

Über die vielen Wortmeldungen freut sich der Erzbischof sichtlich. „Das Fahrwasser ist bewegt und tief, aber ich möchte Ihnen Mut machen“, sagt er und stellt fest, dass das Augustinus-Wort vom Brennen bei vielen immer noch zutrifft. Sein Wunsch: „Der Abend möge weiter wirken.“ Und er bekennt: „Bei mir auf alle Fälle. Ich empfinde den Abend als Ermutigung.“ Zurück in Paderborn werde er in den dortigen Leitungsgremien eine Menge zu erzählen haben.

Ein Beitrag von:
freier Autor

Reinhold Großelohmann

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