Die Welt ist in Aufruhr. Multiple Krisen erschüttern die Gesellschaft, viele Menschen wirken rastlos und nervös, auch die katholische Kirche fährt in unruhigen Gewässern. Im alten Pfarrhaus von Schliprüthen dagegen: ergreifende Ruhe. In dem abgelegenen Dörfchen im Sauerland lebt Kapuzinerpater Joachim Wrede als Eremit und lädt einmal in der Woche zu einer Meditationsrunde ein. Im kontemplativen Zugang zu Religion und Leben sieht er eine Antwort auf viele Probleme unserer Zeit. Und einen Weg, der Gläubigen eine intensive Erfahrung des Göttlichen schenkt.
Zur Ruhe kommen
Die Luft wirkt klar und doch gesättigt. Von Räucherstäbchenduft, dem leisen Prasseln der Regentropfen am Fenster, von einer Atmosphäre spürbarer Präsenz und Stille, die nicht Stillstand entspringt, sondern Tiefgang. Vorn flackert eine Bienenwachskerze neben einem getrockneten Hortensienzweig. Am Rand des Raums, der mit seinem Teppichboden und der spärlichen Einrichtung aller Modernität den Rücken kehrt, liegen große, beige Matten. Sechs Frauen haben sich an diesem Mittwochabend hier eingefunden. Sie sitzen auf Meditationskissen und Holzbänkchen mit dem Gesicht zur Wand, als ein durchdringender, weicher Klang den Raum erfüllt. „Wir kommen zur Ruhe.“
Einmal in der Woche leitet Kapuzinerpater Joachim Wrede die Meditationsgruppe an. Viele Mitglieder kommen regelmäßig. Nach Minuten der Stille erhebt er vorsichtig die Stimme, spricht von der Fragmentierung des menschlichen Bewusstseins in Tagesbewusstsein, Schlaf und Traum, zitiert Teresa von Ávila und den islamischen Mystiker Rumi, gibt Impulse, die nachklingen werden in den folgenden eineinhalb Stunden, mal leise, mal fordernd. Es kehrt wieder Ruhe ein. Eine Zeit des kontemplativen Sitzens beginnt.