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© Microgen / Shutterstock.com
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„Die Stille ist unsere große Lehrmeisterin“ Pater Joachim Wrede und die christliche Meditation

Die Welt ist in Aufruhr – doch in einem alten Pfarrhaus im Sauerland herrscht: Ruhe. Hier begleitet Kapuzinerpater Joachim Wrede Menschen, die christliche Meditation lernen wollen

Die Welt ist in Aufruhr. Multiple Krisen erschüttern die Gesellschaft, viele Menschen wirken rastlos und nervös, auch die katholische Kirche fährt in unruhigen Gewässern. Im alten Pfarrhaus von Schliprüthen dagegen: ergreifende Ruhe. In dem abgelegenen Dörfchen im Sauerland lebt Kapuzinerpater Joachim Wrede als Eremit und lädt einmal in der Woche zu einer Meditationsrunde ein. Im kontemplativen Zugang zu Religion und Leben sieht er eine Antwort auf viele Probleme unserer Zeit. Und einen Weg, der Gläubigen eine intensive Erfahrung des Göttlichen schenkt.

Zur Ruhe kommen

Die Luft wirkt klar und doch gesättigt. Von Räucherstäbchenduft, dem leisen Prasseln der Regentropfen am Fenster, von einer Atmosphäre spürbarer Präsenz und Stille, die nicht Stillstand entspringt, sondern Tiefgang. Vorn flackert eine Bienenwachskerze neben einem getrockneten Hortensienzweig. Am Rand des Raums, der mit seinem Teppichboden und der spärlichen Einrichtung aller Modernität den Rücken kehrt, liegen große, beige Matten. Sechs Frauen haben sich an diesem Mittwochabend hier eingefunden. Sie sitzen auf Meditationskissen und Holzbänkchen mit dem Gesicht zur Wand, als ein durchdringender, weicher Klang den Raum erfüllt. „Wir kommen zur Ruhe.“

Einmal in der Woche leitet Kapuzinerpater Joachim Wrede die Meditationsgruppe an. Viele Mitglieder kommen regelmäßig. Nach Minuten der Stille erhebt er vorsichtig die Stimme, spricht von der Fragmentierung des menschlichen Bewusstseins in Tagesbewusstsein, Schlaf und Traum, zitiert Teresa von Ávila und den islamischen Mystiker Rumi, gibt Impulse, die nachklingen werden in den folgenden eineinhalb Stunden, mal leise, mal fordernd. Es kehrt wieder Ruhe ein. Eine Zeit des kontemplativen Sitzens beginnt.

Meditationsrunden mit P. Joachim Wrede


Altes Pfarrhaus in Finnentrop-Schliprüthen, jeden Mittwoch 19.00–20.30 Uhr


Krypta St. Petrus in Warstein, jeden 4. Montag im Monat 19.00–20:30 Uhr


Ehemaliges Kloster Dieburg, Hessen


Bei Fragen zum Thema kontemplatives Beten ist P. Joachim Wrede unter dieser Email-Adresse zu erreichen:

joachim.wrede@kapuziner.org

Sitzen und Gehen alles in meditativer Stille

Die konzentrierte Atmosphäre in dem kleinen Meditationszimmer lässt ahnen, dass der Regungslosigkeit im Außen bewegte Reisen im Innen entgegenstehen, die erst die Klangschale wieder unterbricht. Die Anwesenden erheben und verneigen sich. Ein stumpfes Klacken von Klanghölzern ertönt. Sie gehen behutsam, kreisen im Raum, bis die Hölzer sie zur zweiten Meditationsrunde auf die Polster zurückrufen. Stille – dann wieder der tiefe Klang der bronzenen Schale.

Wer mag, den lädt Pater Joachim in der dritten Runde zu einem Gespräch im Nebenzimmer ein, zu Themen, die die Einzelnen bewegen. Keine rationalen Antworten können die Ratsuchenden hier erwarten, eher kurze, mitunter paradoxe, auch provokante Anregungen, die die persönliche Auseinandersetzung auf eine neue Stufe hebt. Alle anderen sitzen auf ihren Plätzen – dann wieder Klang und Ruhe. Die Frauen rezitieren noch eine Sentenz des Mystikers Johannes Tauler und flüstern sich zum Abschied einen freundlichen Gruß zu, bevor sie in den Abend verschwinden.

Christliche Meditation: Das Höchste im Tiefgang erleben

„In der Kontemplation erleben wir einen Transformationsprozess, der zu sehr persönlichen Themen und Fragen führt“, weiß Pater Joachim, der sich vor 12 Jahren für ein Leben als Einsiedler entschloss. Er lächelt und fügt hinzu: „Sich auf die religiöse Innenerfahrung einzulassen, ist ein langer, spannender und ganzheitlicher Weg, der viel Geduld und Disziplin voraussetzt. Aber der zugleich ein gelassenes, erfüllteres Leben mit sich bringt – ungleich erfüllender als herkömmliche religiöse Angebote.“

In der Meditation Transzendenz erspüren

Dieser Zugang zu Religion ist in unserer gegenwärtigen kirchlichen Tradition, die mehr Wert auf die Auslegung von Worten als auf das intuitive Erfassen legt, nicht selbstverständlich: „Die Praxis des inneren Gebets ist im Westen durch die starke Betonung der Ratio vergessen worden.“ Dabei liege gerade im kontemplativen Weg eine Chance, die Schätze des christlichen Glaubens ganz neu, von innen heraus zu entdecken.

Wohin die Meditation uns führen kann? Zu einem Tiefgang, in dem wir Transzendenz erspüren können, statt sie nur gedanklich für wahr zu halten. Es geht darum, die Ich-Aktivitäten zur Ruhe kommen zu lassen. „Als Kurzanweisung gilt: ‚Sich lassen – und spüren, dass ich getragen bin.‘ Ängste, Emotionen lösen sich, neue Einsichten entstehen“, erklärt der Eremit. Die göttliche Kraft in allem werde erfahrbar und der Mensch könne sich als Teil des göttlichen Ganzen erleben. Klingt vielversprechend, aber was genau passiert in diesem Prozess persönlicher Reifung?

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© GRJ Photo / Shutterstock.com
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Die Erfahrung von Einheit

Richard Rohr, Franziskaner und Meditationslehrer, dem sich Pater Joachim gern anschließt, spricht von vier Spaltungen, die in der Kontemplation überwunden werden: die Trennung von Ich und Du, indem wir die tiefe Verbundenheit mit anderen Lebewesen und der Natur erkennen, die Unterscheidung von Angenehm und Unangenehm – Leid und Schmerz als Teil des Lebens werden nicht ausgeblendet –, ebenso löst sich die Spaltung von Körper und Geist und die von Leben und Tod auf. Dualismen werden als Einheit erfahren.

Die kontemplative Praxis ist so alt wie Religion selbst und führt in religiöse Urerfahrung. Sprache stößt dabei an Grenzen, wenn sie mystische Innenerfahrung und Begleiterscheinungen in rationale Begriffe fassen will. Es sind zwei Paar Schuhe: In der Meditation geht es um ein Hineinwachsen in religiöse Innenerfahrung. Die Interpretation dieser Erfahrung kann dann, je nach kulturellem und religiösem Hintergrund, unterschiedlich sein. So hat Pater Joachim etwas von diesem Einstieg in Religion in der Lebensweise der Indigenen erlebt, die er bei seinem Einsatz als Missionar in Mexiko kennenlernen durfte.

„Jesus war der große Spürer“

Auch die Antike zur Zeit Jesu kannte diesen Weg. „Ich nehme an, dass die Meditation Jesu ständige Gebetsweise war und er empfahl sie dringend allen: ‚dass sie allezeit beten sollten‘ (Luk. 18,1). Es geht Jesus stets um gläubige Haltung, persönliche Erfahrung, um die lebendige, vertrauensvolle und kontinuierliche Beziehung zur transzendenten Wirklichkeit.“ Als das Christentum an Kraft verlor, zogen sich Männer und auch Frauen zurück in die Wüste und pflegten das Herzensgebet und andere Meditationsformen. Die Geschichte des Christentums kennt nicht wenige Lehrer dieses Weges. Meister Eckehart und Johannes vom Kreuz bestechen durch große Nüchternheit.

„Die momentane westliche Lebensart versucht verzweifelt, sich Wirklichkeit durch rationales Wissen zu erschließen“, so Pater Joachim. Gerade die Ergänzung durch Intuition aber wäre ein Weg aus der Sackgasse. Die Erkenntnisse der Psychologie der Gegenwart, sogar der Hirnforschung seien dabei durchaus hilfreich. Ebenso die asiatische Weisheit durch die Jahrhunderte, die es verstanden hat, den Weg einfach darzustellen: „Zen als Meditationspraxis ist dafür ein Beispiel – ein direkter Weg, ohne Schnörkel“, schwärmt der Kapuziner, der bei allem Rückzug aus der Welt eine auffällige Weltoffenheit versprüht. Diese Brücke zwischen Ost und West schlägt er gerne und oft. „Natürlich bin ich überzeugter Christ. Wie ich die kontemplative Erfahrung aber rational einordne, ob ich sie etwa christlich, hinduistisch oder buddhistisch interpretiere, ist zunächst nicht wichtig. Wichtiger ist die religiöse Grunderfahrung an sich.“

„Wenn wir in kontemplativer Haltung mehr Tiefe erleben, wird Transzendenz erfahrbar. Wir können entspannter und intensiver im Leben stehen.“

P. Joachim Wrede

Meditieren als Weg zum Wesentlichen

Auch in diesem Punkt will Pater Joachim den Spuren Jesu folgen, der Schemata aufgebrochen und Fundamentalismus keinen Raum gegeben hat. Ein Leben im Zeichen des Wesentlichen, eine Welt ohne Spaltung und eine Kirche mit Zukunft: Vielleicht liegt hier, versteckt zwischen den Sauerländer Bergen, eine Weisheit, die Christinnen und Christen in dieser lauten, nervösen Zeit einen leisen, aber vielversprechenden Weg weisen kann. Dem nachzuspüren, lohnt allemal.

Ein Beitrag von:
Dr. Carina Middel, freie Autorin, schreibt Texte für Print und Online im Erzbistum Paderborn. © Carina Middel/Erzbistum Paderborn
Freie Autorin Dr. Carina Middel
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Dr. Carina Middel

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