Der Anfang vor der Kirchentür
Dass „Come and see“ überhaupt entstand, hat auch mit Wolfgang Burk zu tun. Der pensionierte Lehrer für Religion und Englisch engagiert sich seit vielen Jahren in der Gemeinde und in der Eine-Welt-Arbeit von St. Michael.
„Come and see“ haben sie sich genannt, zu Deutsch „Kommt und seht!“ frei nach Johannes 1,39“. 150 Menschen aus 26 Nationen gehören der Gruppe an, die am Samstag, 20. Juni, 18 Uhr, zu ihrem nächsten internationalen Diner ins Pfarrheim von St. Michael Siegen einlädt. Es ist das Event des Jahres für die Gruppe. Jede und jeder ist willkommen!
Wer da so genau einlädt? Zum Beispiel Maria Cardenas. Als die junge Frau vor einigen Jahren aus der Millionenstadt Lima ins südwestfälische Siegen kommt, beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Sie ist 19 Jahre alt und möchte Informatik studieren. Vieles ist unbekannt: Sprache, Alltag, das soziale Leben.
Was ihr fehlt, ist ein geistlicher Anschluss. Sie sucht Gemeinschaft in etwas, das sie aus ihrer südamerikanischen Heimat kennt und stößt schnell auf ihren Glauben. In ihrer Heimat ist er tief in der Identität und Kultur verankert. Das Christsein wird in Peru nicht nur individuell, sondern gemeinsam gelebt und ist wichtiger gesellschaftlicher Halt.
Der Glaube ist für mich ein Geschenk, ein Teil meines Lebens, der mich jeden Tag begleitet
Maria klappert die Siegener Kirchen ab, sucht nach Gleichgesinnten, nach Menschen, mit denen sie ihren Glauben teilen und feiern kann. Irgendwann hört sie von einer Gruppe in der Pfarrgemeinde St. Michael. Jemand sagt zu ihr: „Komm doch einfach vorbei!“ Damals treffen sich dort nur zwei Handvoll junger Menschen. Gespräche nach den Gottesdiensten, vorsichtige Annäherung. Aus den Treffen werden regelmäßige Begegnungen, aus Bekanntschaften Freundschaften, gemeinsame Aktivitäten und Unternehmungen. Schritt für Schritt wächst eine Gruppe, die sich später „Come and see“ nennt, und für viele ein fester Bezugspunkt im Leben ist.
„Come and see“ ist bunt und international. Mit Menschen aus verschiedenen Ländern Amerikas, Asiens, Europas. Und auch Deutsche sind darunter, die in traditionellen Gemeindestrukturen keine Anknüpfungspunkte finden. Menschen jeden Alters und jeder Herkunft sind willkommen und auch Interessierte anderer Religionen.
„Die Gruppe hat unsere Vorstellung von Gemeinde ein Stück weit auf den Kopf gestellt. Hier entstand zuerst die Gemeinschaft. Und daraus erst die Frage: Wie wollen wir gemeinsam unseren Glauben leben“, sagt Gemeindereferentin Alexandra Podstawa. Für sie ist „Come and see“ eine Antwort auf das, was viele Gemeinden beschäftigt: Wie kann Kirche Menschen heute erreichen? Es geht nicht um ausgeklügelte Konzepte, immer wieder neue Programme und Arbeitskreise. Sondern einfach um Begegnung und was daraus wachsen kann.
„In unseren klassischen Gemeindestrukturen wird häufig zunächst ein Angebot entwickelt und anschließend versucht, Menschen dafür zu gewinnen. Hier ist es umgekehrt. Menschen treffen sich, bauen Beziehungen auf und gestalten aus der Gemeinschaft heraus gemeinsam den Glauben“, sagt Podstawa und begreift dabei ihre eigene Rolle neu. „Wir sind oft Versorger. Manchmal ist es besser Hebamme zu sein.“ Was sie damit meint: Eine Haltung, die nicht steuert, sondern begleitet. Eine Kirche, die Raum gibt, eigene Ideen zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen.
„Man muss darüber reden, dass es diese Bedürfnisse gibt, dafür braucht es passende Zugänge. Manche Dinge entwickeln sich von unten einfach besser“, sagt Wolfgang Burk, der vor gut zwei Jahren als erstes mit der Gruppe ins Gespräch kam.
Vielleicht liegt genau darin die Botschaft von „Come and see“ – das sich Dinge aus der Gemeinschaft heraus entwickeln können. Die Gruppe gilt inzwischen als Jungbrunnen in der gesamten Gemeinde.
Mehr dazu, wie alles entstanden ist, begleitet von schönen bunten Fotos finden Sie in unserer nachfolgenden Diashow mit Text zum Durchscrollen.
Die Wirkung reicht weit über die Gruppe hinaus. Neue Impulse entstehen im liturgischen Bereich und auch im sozialen Leben der Gemeinde. Man gestaltet Gottesdienste aktiv mit, beteiligt sich an Gemeindeveranstaltungen und entwickelt eigene Formate. Es gibt einen Chor, eine Sportgruppe, Ausflüge, Exkursionen, Bibelgespräche … Man hilft sich bei Behördengängen, Wohnungssuche oder im Studium. Glaube und Alltag sind nicht getrennt, sondern selbstverständlich miteinander verbunden.
Das „International Dinner“ mit Spezialitäten aus aller Welt, zu dem die Gruppe am Samstag, 20. Juni, gehört inzwischen zu den Höhepunkten. Auch traditionelle Formen des Glaubens und vergessene Orte werden neu entdeckt: So gibt es zum Beispiel Rosenkranzgebete in sechs verschiedenen Sprachen. Und die Marienstatue im Garten von St. Michael, die kaum mehr Beachtung fand, ist wieder ein Ort der Begegnung und des Gebets.
Anfangs begegneten manche Gemeindemitglieder der neuen Dynamik mit Skepsis. Doch die Offenheit und das Engagement überzeugten. Heute ist „Come and see“ für viele eine Bereicherung. Die Gemeinde gewinnt spürbar an Lebendigkeit. „Die Gruppe schafft es, Inseln zu verbinden, weil sie Brücken schlägt“, sagt Gemeindereferentin Alexandra Podstawa.
„Wir haben in Deutschland im pfarrlichen Kontext oft die Zitronenscheibe im Mund. Von der Lebensfreude und Lockerheit aus den Kulturkreisen der Mitglieder profitieren wir alle“, ergänzt die Gemeindereferentin. Dabei denkt sie an die Pfingstgeschichte: „Dort gibt es einen wunderbaren Satz: Junge Menschen werden Visionen haben und alte Menschen prophetische Träume.“
Für sie beschreibt dieser Satz genau das, was in St. Michael geschieht. Die Jüngeren bringen Ideen, Begeisterung und Aufbruch mit, die Älteren ihre Erfahrung und ihren Wunsch nach einer lebendigen Kirche. Gemeinsam entsteht daraus etwas Neues. Für viele ist „Come and see“ heute Heimat fern der Heimat. Für andere ein Zeichen dafür, dass Aufbruch auch in schwierigen Zeiten möglich ist. Und für Maria?
Für mich ist die Gruppe ein Zuhause in meinem Zuhause.