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© Ralf Litera / Erzbistum Paderborn
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„Gelebte Bräuche sind Identitätsmarker“

Die Mendener Kreuztracht spendet Kraft und Halt. Woher stammen solche Bräuche? Dazu haben wir mit Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer gesprochen, Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn.

Eine ganze Stadt wird für zwei Tage zum Gebetsraum. 32mal zieht in Menden die Kreuztracht durch und um die Stadt. Jede Stunde trägt ein anonymer Christus-Darsteller das Passionskreuz in einer Prozession über die sieben Fußfälle des Kreuzwegs – vom Abend des Gründonnerstags bis zum Morgen des Karsamstags. Das Erleben sei zutiefst emotional, berichtet Jutta Törnig-Struck, gerade wenn man persönlich eine Krise durchlebe. In der Kreuztracht habe auch ihr eigener Glaube feste Wurzeln geschlagen. Sie sei für Törnig-Struck ein Zeichen, dass es immer einen Weg aus dem Dunkel zurück ins Licht gebe.

Traditionen und Bräuche wie die Mendener Kreuztracht schenken den Gläubigen Geborgenheit, Kraft und Halt – gerade in schwierigen Lebenssituationen. Doch woher stammt solches Brauchtum und was für eine Bedeutung hat es für unser Glaubensleben. Dazu haben wir mit Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer gesprochen. Er ist seit 2025 Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät in Paderborn.

Redaktion

Die Kreuztracht in Menden gibt es seit über drei Jahrhunderten. Sie ist das, was umgangssprachlich häufig als Tradition bezeichnet wird. Was sind Traditionen aus theologisch-wissenschaftlicher Sicht?

Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer

Wichtig ist, dass man zwischen der Tradition im Singular und den Traditionen im Plural unterscheidet. Die Tradition im Singular ist, in Abgrenzung zu den Protestanten, ein Schlüsselbegriff in der katholischen Theologie. Die Tradition ist neben der Heiligen Schrift ein theologischer Erkenntnisort, eine Quelle der Offenbarung, wie es lehramtlich auf dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert festgelegt wurde. Tradition ist das verbindlich Überlieferte, das die Kontinuität zwischen der alten Kirche über die 2000 Jahre der Kirchengeschichte bis heute schaffen soll. Traditionen im Plural sind das, womit wir uns in diesem Kontext beschäftigen: der Bereich der religiösen Volkskunde. Das sind zeit- und kulturbedingte kirchliche Ausformungen. Es sind Sitten, Bräuche, Spiritualitäten, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben. Diese Traditionen können verschiedenste Formen annehmen. Korrekter müsste man aber von religiösen Bräuchen sprechen.

Redaktion

Wir leben in einer Zeit der Umbrüche, in der manches weniger zu werden scheint. Was bedeutet es, wenn Brauchtum an manchen Orten verschwindet?

Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer

Das war in der zweitausendjährigen Kirchengeschichte schon immer so. Manche religiösen Bräuche überdauern Jahrhunderte, andere verschwinden einfach. Sie entstehen auch nicht einfach auf Knopfdruck, sondern weil Menschen sie als bedeutsam für ihr ganz persönliches Glaubensleben empfinden. Religiöse Bräuche sind immer an bestimmte Orte, an bestimmte Zeiten gebunden und meines Erachtens müssen solche Bräuche immer auch auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden.

Redaktion

Bräuche müssen sich also in der Gegenwart beweisen, um eine Zukunft zu haben. Wie kann dies gelingen?

Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer

Hier gilt der Spruch: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Es muss laufend überprüft werden, ob Bräuche noch zeitgemäß sind, ob sie genügend Menschen ansprechen. Traditionen dürfen nicht mit Traditionalismus verwechselt werden, der starr und verkrustet ist und sich gegen jegliche Neuerungen wendet. Das heißt, wenn man sie nur um der Tradition Willen verfolgt, geht es meines Erachtens in eine falsche Richtung. Traditionen müssen den Raum haben, dynamisch zu bleiben und sich weiterentwickeln zu können. Wenn, wie dies bei der Mendener Kreuztracht geschieht, die Texte aktualisiert werden oder es auch zeitgemäße Angebote für Jugendliche gibt, so scheint mir dieser alte Brauch auf einem guten Weg in die Zukunft zu sein.

Redaktion

Der Brauch der Mendener Kreuztracht stammt aus dem Barock. Eine Zeit, die von Kriegen um die Vorherrschaft in Europa und auch von Krankheiten geprägt war. Wieso haben sich in dieser Zeit viele solcher Traditionen entwickelt?

Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer

Gelebte Bräuche waren und sind immer auch Identitätsmarker. Sie stiften den Menschen und Gruppen Identität. Im Barock sind wir mittendrin im Zeitalter der Konfessionalisierung, das heißt die unterschiedlichen Konfessionen – katholisch, lutherisch und reformiert – entwickeln sich parallel. Um sich voneinander abzugrenzen, schärfte damals jede Konfession ihre eigenen Identitätsmarker. Daher sind auf katholischer Seite eben „typisch“ katholische Bräuche intensiv gepflegt oder gar „erfunden“ worden: der starke Fokus auf die Heiligenverehrung, die Sakramente, das Fronleichnamsfest oder die Reliquienverehrung. Heute geht es aber nicht mehr um Abgrenzung, sondern um die eigene Glaubenserfahrung sowie religiöse Selbstvergewisserung. Das trägt schließlich zur eigenen Identitätsbildung bei.

Redaktion

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Mendener Kreuztracht

© Ralf Litera / Erzbistum Paderborn
Ein Beitrag von:
© Besim Mazhiqi
Redaktionsvolontär

Moritz Kröner

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