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„Wir sollten handeln wie der Weinbergbesitzer …“

„Auf eine Kaffeelänge mit …“ Hubert Kahmann, Mitbegründer des Ketteler-Cardijn-Werks Olpe
Ein Kaffeebecher beim Gespräch zu unserer Kaffeelänge.© Erzbistum Paderborn
Unser Glaube
29. August 2022
Olpe

„Wir sollten handeln wie der Weinbergbesitzer …“

„Auf eine Kaffeelänge mit …“ Hubert Kahmann, Mitbegründer des Ketteler-Cardijn-Werks Olpe

Innerhalb unserer Reihe „Auf eine Kaffeelänge mit …“ treffen wir uns regelmäßig mit einer Person aus dem Erzbistum Paderborn, um die Vielfalt der engagierten Menschen abzubilden. Denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ehrenamtlich tätigen Menschen zählen zu den 1000 guten Gründen für den Glauben und die katholische Kirche. Indem wir von ihnen erzählen, bringen wir das Gute zur Sprache und machen sichtbar, wie lebenswert und vielfältig das katholische Glaubensleben ist. „1000 gute Gründe“ – lernen Sie auf eine Kaffeelänge die hauptberuflich und ehrenamtlich Engagierten im Erzbistum Paderborn näher kennen. Diesmal haben wir uns mit Hubert Kahmann getroffen und mit ihm über die Idee des Ketteler-Cardijn Werks und dessen Gestern und Heute gesprochen.

Hubert Kahmann führt gerne das Weinberggleichnis aus dem Matthäusevangelium an. Das von dem Weinbergbesitzer, der mehrmals am Tag und zu unterschiedlicher Stunde auszieht, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Am Abend bekommen alle den gleichen Lohn. Jene, die seit dem frühen Morgen gearbeitet haben ebenso wie jene, die nur eine Stunde dabei waren.

Christlicher Auftrag

„Das ist eine spannende Bibelstelle. Darin findet man höhere Gerechtigkeit. Unsere Gesellschaft muss dahin kommen, dass wir sagen, auch die, die weniger leisten, sollen dazugehören. Das gibt den Menschen erst ihre Wertschätzung. Es ist unser christlicher Auftrag, einen richtigen Blick zu entwickeln“, sagt Kahmann. „Auch Papst Franziskus betont das Menschenrecht auf eine würdige Arbeit. Es geht um Teilhabe.“

Ein Gespräch mit Hubert Kahmann ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Wenn er bei einer Tasse Bohnenkaffee von seinen Anliegen erzählt, muss er in den 1980er Jahren beginnen. 78 Jahre alt ist der gebürtige Niedersachse und studierte Sozialpädagoge. Vor mehr als vier Jahrzehnten kam er ins südliche Sauerland, wo er zunächst in der kirchlichen Jugendarbeit und bis zu seinem Ruhestand 2009 in der arbeitsweltbezogenen Pastoral tätig, in vielen Fachgruppen, Arbeitsgemeinschaften, Verbänden aktiv war. In diesem weiten Feld entwickelte er die Idee des Ketteler-Cardijn Werks (KCW), war Mitbegründer des Sozialwerks, das 1986 aus den Bezirksverbänden der Katholischen Arbeiterbewegung und Christlichen Arbeiterjugend Olpe/Siegen entstand, und ist über seinen Ruhestand hinaus bis heute dessen Geschäftsführer.

Die erreichen, die am Rande stehen

„Wir hatten in den 1980er Jahren erstmals das Problem der Jugendarbeitslosigkeit. Und dagegen wollten wir was tun. Den jungen Menschen helfen, die Schwierigkeiten haben im Übergang von Schule zu Beruf. Später kam dann die Erwachsenenarbeitslosigkeit dazu. Und bis heute gibt es das Problem. Was aber nicht wahrgenommen wird, weil so viele Fachkräfte gesucht werden“, so Kahmann und rechnet: „Wenn man allein die Langzeitarbeitslosen im Kreis Olpe – und da liegt der Anteil unter vier Prozent, das sind etwa 1600 Personen – auf das ganze Bundesgebiet überträgt, sind das mehr Menschen als in der Millionenstadt Köln leben.“

Das Ketteler-Cardijn Werk – der Name erinnert an Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler und Kardinal Joseph Cardijn aus der kirchlichen Sozialbewegung – war und ist Kahmanns Herzensangelegenheit. Auch „wenn es heute nicht mehr das ist, was es mal war“, so Kahmann und schaut zurück auf die „stabile Zeit des KCW mit großen Erfolgen“ bis in die 2000er Jahre, in der man 4000 langzeitarbeitslosen und weniger leistungsfähigen Menschen durch Qualifizierung und Beschäftigung eine neue Lebensperspektive gegeben habe. Eine Chance zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration im Rahmen verschiedener Projekte wie Holz-, Metall- und Textilwerkstätten, Ökologieprojekte für Umwelt- und Naturschutz oder Fair-Kauf-Läden.

„Wir haben uns immer bemüht, die zu erreichen, die rausfallen, sich in einer Grauzone bewegen und aus dem Blick geraten“, sagt Kahmann. Heute gibt es im Kreis Olpe noch drei KCW-Sozialkaufhäuser. Denn in den 2010er Jahren musste man alle anderen Maßnahmen runterfahren, fast alles einstellen. „Die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Und durch mein fortgeschrittenes Alter bin ich in meiner Aktivität eingeschränkt.“

Unser Anliegen ist immer noch da

Frage: Macht diese Entwicklung nicht traurig? „In das Werk habe ich sehr viel Energie gesteckt und damit auch sehr viel Herz verloren. Wenn ich kein gläubiger Mensch wäre, würde ich vielleicht verzweifeln. Es sind viele Tränen geflossen, auch bei den damals Beschäftigten“, betont Kahmann, sich indes als christlich handelnder Mensch, weniger als Manager zu sehen. „Wir haben ja nicht versagt. Und ist es nicht menschlich, mit seinen Zielen nicht zum Endpunkt zu kommen? Ideale sind ihrer höchsten Form nur selten zu erreichen.“

Die Tragik dahinter liege vielmehr in etwas anderem: „Unser Anliegen ist nicht erledigt. Es ist immer noch da. Alle Menschen sind gleich, aber wir als Gesellschaft handeln nicht danach, das ist unser wunder Punkt. Und für die, die ausgegrenzt werden, entwürdigend.“

Chance in der Kirchengemeinde

Das Ketteler-Cardijn Werk aufgeben, ist für Kahmann keine Option. Auch wenn es angesichts der „nur“ noch drei Sozialkaufhäuser im Kreis Olpe heute vergleichsweise klein sei, habe es ja die gleiche Wirkung, trage weiterhin die Idee. „In unseren Sozialkaufhäusern finden Menschen mit psychischen und gesellschaftlichen Problemen eine sinnvolle Tätigkeit und ein soziales Netzwerk. Und sie sind auch Anlaufstelle für alle Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen.“

Das KCW soll weitergehen. „Wir brauchen eine Institution, die aus kirchlicher Verantwortung diese Arbeit macht. Wie auch immer die aussehen kann“. Das Werk als integrales Projekt in den neuen pastoralen Räumen fortzuführen, wäre eine Vorstellung Kahmanns‘: „Es wäre interessant zu sagen, wir nehmen die Ansätze, um christliche Sozialethik in Praxis vor Ort als Kirchengemeinde mitzutragen. Als pastorale Chance, um die Menschen, die am Rande stehen, zu erreichen und mit ihnen in Kontakt zu kommen. Denn darum geht es doch.“

© Erzbistum Paderborn

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Ein Beitrag von:
Freie Journalistin

Birgit Engel

 
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