„Man wird nicht als Bischof geboren, sondern muss da erst reinwachsen. Ich bin dabei, meinen Weg zu finden.“
Weihbischof Josef Holtkotte
Herr Weihbischof Holtkotte, wie lief der Umzug von Köln nach Paderborn?
Mehr als reibungslos. Herausfordernder war die Zeit davor. Bis Mitte Oktober war ich ja noch Bundespräses des Kolpingwerkes. Das heißt, ich habe mich in Paderborn in neue Aufgaben eingearbeitet, während ich in Köln noch nicht mit den bisherigen Aufgaben abgeschlossen hatte. Regelmäßig bin ich zwischen Köln und Paderborn gependelt, Mitte Dezember dann umgezogen. Jetzt kann ich sagen: Ich lebe an einem Ort, den ich zu meiner Heimat machen möchte.
War Köln keine Heimat?
Ich habe gerne in Köln gewohnt. Aber als Bundespräses war ich in ganz Deutschland unterwegs, da war die Stadt mehr Standort als Lebensmittelpunkt. Und es war absehbar, dass die Zeit in Köln früher oder später vorbei sein würde. Der Bundespräses wird wie die anderen Mitglieder des Bundesvorstandes des Kolpingwerkes auf vier Jahre gewählt. Laut Satzung hätte ich noch einmal antreten können. Es war für mich jedoch klar, dass ich danach ins Erzbistum Paderborn zurückkehren würde. Dass ich es als Weihbischof tun würde, habe ich natürlich nicht ahnen können.
Was waren denn die ersten bischöflichen Aufgaben, die Sie nach Ihrer Weihe wahrgenommen haben?
Bald nach meiner Weihe standen die ersten Firmungen in meinem Kalender. Ich musste mir klarmachen: Das sind Aufgaben, die von nun an auf mich zukommen. Aufgaben, für die ich als Weihbischof jetzt da bin. Und die ich gut machen möchte. Man wird nicht als Bischof geboren, sondern muss da erst reinwachsen. Ich bin dabei, meinen Weg zu finden. Mir ist wichtig, eine Nähe zu den Menschen aufzubauen. Die Pandemie erschwert das natürlich. Aber ich versuche bei allen Terminen, den Menschen, um die es geht, wirklich zu begegnen.
Wie waren diese ersten Begegnungen?
Es waren gute Erfahrungen für mich. Die unterschiedlichen Firmkonzepte haben den Firmbewerberinnen und Firmbewerbern einen hilfreichen Weg bereitet. Ich hatte den Eindruck, dass es für die meisten von ihnen eine intensive und positive Zeit war. Die jungen Menschen waren da und wollten gefirmt werden. Das hat mich gefreut.
Wie ist es als Weihbischof nun in neue Zusammenhänge zu kommen?
In meinen 31 Jahren als Priester hatte ich durchaus unterschiedliche Aufgaben. Ich war Diözesanpräses des Kolpingwerkes, dann Pfarrer und Studierendenseelsorger in Bielefeld, schließlich Bundespräses des Kolpingwerkes. Da bin ich immer wieder in neue Zusammenhänge gekommen, musste mich immer wieder in neue Themen einfinden. Als Weihbischof in Paderborn spüre ich eine besondere Verantwortung. Ich muss Arbeitsweisen kennenlernen und betrete häufig Neuland. Aber ich habe den Eindruck, dass ich gut reingekommen bin.
Was hat Ihnen geholfen?
Hier im Büro bin ich direkt gut mit den anderen Weihbischöfen und den Mitarbeitenden in Kontakt gekommen. Ich erlebe es als entspannend, dass man Dinge auf kurzem Weg miteinander besprechen und klären kann. Ich bin hier neu. Mir ist es wichtig, dass wir Inhalte in einer gemeinsamen Bewegung voranbringen.
Als Weihbischof werden Sie in den Kommissionen der Bischofskonferenz Aufgaben übernehmen – können Sie dazu schon etwas sagen?
Bisher habe ich noch an keiner Vollversammlung der Bischofskonferenz teilgenommen. Ich bin für zwei Kommissionen vorgeschlagen. Das muss bei der Frühjahrsvollversammlung noch bestätigt werden. Ich komme aus der Verbandsarbeit, hatte viel mit dem Glauben zu tun, wie ihn die Menschen in ihrem ganz normalen Alltag leben und gestalten, wie Menschen ihr Christsein in unterschiedlichen Kontexten leben. Das soll bei meinen zukünftigen Aufgaben eine Bedeutung bekommen.
Sie werden in Zeiten Weihbischof, die für die Kirche nicht einfach sind. Was macht das mit Ihnen?
Es ist wichtig, notwendig und richtig, dass Missbrauch aufgedeckt wird und Konsequenzen gezogen werden. Der Widerspruch zwischen der befreienden Botschaft unseres Glaubens und einer Realität mit so viel Gewalt und Unheil ist erdrückend. Das betrifft uns alle. Als Priester frage ich mich: Wie kann ich in dieser Situation glaubhaft den Glauben verkünden? Von einer Kirche sprechen, die Menschen ernst nimmt? Wie kann ich die jungen Menschen, denen ich bei der Firmung begegne, ermutigen, sich in ihrer Gemeinde zu engagieren? In ihrem Alltag müssen sie sich vielleicht dafür rechtfertigen, in der Kirche zu sein. Werden mit Ungerechtigkeiten konfrontiert, die sie nicht auflösen können. Das alles treibt mich um. Trotz und gerade wegen dieser Krise möchte ich einladen, an einer Kirche mitzubauen, in der die Menschen in all ihrer Vielfalt Vertrauen und Hoffnung leben können, in der sie Gottes Liebe erfahren.
Wo sehen Sie Aufbrüche in der Kirche?
Die aufwühlende Situation in der Kirche erleben wir alle. Vielleicht ist das Wort Aufbruch da zu groß. Aber wenn Kirche in gutem Diskurs Raum bietet, für Fragen und Herausforderungen; wenn sie wirklich für die Sorgen und Nöte der Menschen da ist; wenn sie nicht Ort des Unheils, sondern des Heils ist, dann sehe ich Hoffnungsschimmer. Und Kirche, das sind immer die Menschen, die sie aus ihrem Glauben heraus gestalten. Es ist doch nicht so, dass Glaube kein wertvolles Lebensfundament mehr ist. Wenn ich auf Christus blicke, sehe ich ein Ernstnehmen meiner Person, meiner Entwicklung und auch meiner Zweifel. Er nimmt mich an, wie ich bin. Wo solche Koordinaten stimmen, kann es Hoffnung und vielleicht sogar Aufbruch geben. In der Kirche brauchen wir Veränderung. Diese Haltung nehme ich auch in unserem Erzbistum wahr: Wenn ein Veränderungsprozess anfangen soll, muss er irgendwann auch beginnen.
Ende Dezember ist Ihr Buch „Die Feier der Eucharistie als Kraftquelle für unser Leben“ erschienen. Wie kam es dazu?
Es ist zwar erst Weihnachten erschienen, entstanden ist es aber noch in Köln. Gottesdienste via Livestream haben in den Monaten des Lockdowns vielen Menschen Kraft gegeben und sie werden wohl eine wertvolle Kraftquelle bleiben. Doch mir ist auch deutlich geworden, was fehlt. Die Teilnahme am Gottesdienst ist dialogisch, Menschen müssen anwesend sein. Mit dem Blick eines Priesters in der Pandemie habe ich frühere Predigten und Texte neu gelesen. Ich habe mich gefragt, was mir am Gottesdienst wichtig ist. Wie ich Gott im Gottesdienst begegne.
Was ist für Sie wichtig an der Eucharistie?
Gott ereignet sich, wenn wir Gottesdienst feiern. Es sollte geschehen, dass wir mehr sehen, tiefer sehen, ihn erkennen in unserem Leben – ganz wie es das Bibelwort ausdrückt, das ich zu meiner Bischofsweihe als Wahlspruch gewählt habe: „Da wurden ihre Augen aufgetan“ (Lk 24,31). Das ist ein Anspruch an jeden Gottesdienst und verdichtet sich in der Feier der Eucharistie: Christus ist real präsent. Das Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein geistlicher Zugang. Weil ich den wichtig finde, gerade in unserer Zeit.
Ihr Buch heißt im Untertitel „Eine Einladung“ – an wen richten Sie die?
Das Buch richtet sich einerseits an die, die ihren Glauben praktizieren und vertiefende Gedanken zur heiligen Messe entdecken möchten. Ihnen möchte ich Inhalte noch einmal näherbringen, ihren Blick auf sie schärfen. Zur Vertiefung ihres eigenen geistlichen Lebens. Ich habe versucht, im Buch so zu formulieren, dass niemand Theologie studiert haben muss, um die Inhalte zu verstehen.
Und wer ist die andere Zielgruppe?
Andererseits geht es mir um Menschen, die das Zusammengehen von Leben und Glauben erst noch entdecken. Vielleicht spüren sie, dass da etwas ist, das sie anrührt. Aber sie können nichts mehr mit der Form anfangen. Oder die aktuelle Situation unserer Kirche schreckt sie ab. Möglicherweise kann das Buch ihnen Zugang verschaffen. Und Zugang zur Eucharistie bedeutet immer Zugang zu Christus. Ich bin überzeugt, dass der Glaube nach wie vor Halt und Orientierung gibt. Im Glauben können Menschen in einer großen Weite Vertrauen, Freude und Hoffnung erfahren. Alle Menschen können sich in ihm wiederfinden, in ihrem jeweils eigenen So-Sein und Da-Sein.
Die heilige Messe ist ein kostbarer Schatz, zu dem dieses Buch neue spirituelle Zugänge eröffnen möchte. Wie können wir heute lebendig und bewusst das Fest des Glaubens feiern? Weihbischof Josef Holtkotte lädt ein, in der Eucharistiefeier die Nähe Gottes (neu) zu entdecken und sich für seine Gegenwart zu öffnen. Gebete, liturgische Texte, Bibelstellen, Stichwort-Erläuterungen und Weisheitsgeschichten, aber auch persönliche Impulse, vertiefen die Feier der Eucharistie. Einladend gestaltet mit meditativen Bildern der Künstlerin Bärbel Mücher.
(Quelle: www.vivat.de)
St. Benno Verlag, 104 Seiten, ISBN 9783746258850, 19,95 Euro.
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