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© Lukas Steinkemper / Erzbistum Paderborn
© Lukas Steinkemper / Erzbistum Paderborn

Was bleibt, wenn man geht

Dass sie nach dem Abi mal wegwollte, war Maria Knust seit der siebten Klasse klar: den Horizont aufbrechen, andere Teile der Welt sehen und alternative Lebensentwürfe kennenlernen, sich in einem sozialen Projekt engagieren.

Dass sie nun seit August in Guatemala lebt und arbeitet, kann sie selbst kaum fassen. Ihr Aufbruch aus dem deutschen Alltag einer 19-Jährigen – er war abzusehen und doch alles andere als selbstverständlich. „Dieser Schritt war nicht einfach, aber in jedem Fall bereichernd“, blickt Maria heute auf ihre Entscheidung zurück.

Aufbrechen bedeutet Abschied nehmen

Es ist Montag, 11 Uhr am Morgen. Maria kommt gerade aus dem Kunstunterricht. Sie lebt und arbeitet in einem Mädcheninternat in Petén, gemeinsam mit fünf Frauen des Instituts St. Bonifatius und ihrer Mitfreiwilligen Johanna, die inzwischen auch ihre Freundin ist. Die 13- bis 18-jährigen Schülerinnen, die aus den ärmsten Teilen der Bevölkerung hierherkommen, um im Internat Grundbildung und Verpflegung zu finden, unterrichtet Maria in Kunst, Musik und Englisch, nachmittags gibt sie Computer- und Handwerkskurse. Vor einem Jahr noch saß sie selbst auf der Schulbank. Jetzt steht sie in ihrem Gästezimmer zwischen Schreibtisch und Schrank, darauf ihr schwarzer Reisekoffer. Über dem Bett hängt eine Reihe Fotos von zu Hause – gleich am ersten Tag hier angebracht.

In den Wochen vor ihrem Aufbruch ans andere Ende der Welt überkamen Maria Zweifel: „Es war alles so schön mit meiner Familie und meinem Freund – da habe ich mich gefragt: Warum gehst du jetzt?“ Im Bauch eine tiefe Traurigkeit, die Hände tagelang klamm. Zugleich spürte sie das Bedürfnis, sich aufzumachen, um etwas zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln. Bestärkt von ihren Eltern hatte sich Maria um einen internationalen Freiwilligendienst im mundus Eine Welt e.V. beworben. „Eigentlich wollte ich ein Projekt in Namibia unterstützen. Dann habe ich bei einem Vorbereitungstreffen Johanna kennengelernt, die ein spanischsprachiges Land besuchen wollte.“ Als die mundus-Freiwilligen in einem Videomeeting aushandelten, wer sich in welchem Projekt engagiert, sagte Maria, der Johanna die gemeinsame Entscheidung überlassen hatte, mit klopfendem Herzen: „Wir gehen nach Guatemala.“

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Die Kunst des Ankommens

Am 14. August landete ihr Flieger in der Hauptstadt des zentralamerikanischen Landes. Die Frauen im Haupthaus der Glaubensgemeinschaft St. Bonifatius begrüßten sie herzlich: „Ich erinnere mich an viele kleine Frauen in guatemaltekischer Tracht, die uns umarmten. Wir haben gebetet und Tortillas wurden aufgetischt.“ Am Abend war Maria so erschöpft, dass sie früh schlief, um alle Eindrücke zu verarbeiten. In den folgenden Wochen wurde ihr immer bewusster: Was sie hier erwartete, hatte sie trotz Vorbereitung nicht erahnen können. „Ich fühlte mich mehrfach ins kalte Wasser geworfen.“ Vielleicht beginnt Aufbruch nicht mit dem Abflug, sondern mit der Irritation?

Da war die fremde Sprache: Bei ihrer Ankunft konnte Maria sich nicht verständigen. Niemand sprach Englisch, sie kaum Spanisch – viele Schülerinnen kannten nur ihre indigene Sprache. „Es war schwer, zu den Schwestern und Mädchen eine Verbindung aufzubauen.“ Anfangs konnte sie nur einfachste Arbeiten ausführen: kopieren, putzen, Hecken schneiden. Ein Intensivsprachkurs und die tägliche Praxis führten dazu, dass Maria heute Alltagsunterhaltungen gut folgen und auch auf Spanisch unterrichten kann. Was sie dabei besonders herausfordert: Sie begleitet die Mädchen im Internat als Lehrerin, ohne je pädagogisch ausgebildet worden zu sein. Ihr Wissen basiert auf dem, was sie aus ihrer Zeit am Gymnasium mitgenommen hat. „Manchmal fühlen wir uns mit der großen Verantwortung überfordert – am Ende freut es mich aber, dass wir den Mädchen etwas mitgeben können und dass uns dieses Vertrauen geschenkt wird. Und ich bin stolz, wie ich hier über mich hinauswachse.“

Wenn Glaube fremd wird

Ein wechselhafter Prozess war es, einen Umgang mit der Glaubenspraxis vor Ort zu finden: „Ich bin ein gläubiger Mensch und bete auch – auf meine Weise.“ Zu der ausgeprägten Frömmigkeit der Frauen im Institut, ihren Wertvorstellungen und dem überschwänglichen Glaubensleben der Guatemalteken musste Maria erst eine Haltung entwickeln. „Das war ein kleiner Kulturschock. Die Schwestern, die wir schätzen und mit denen wir viel lachen, sind sehr gläubige Frauen. Sie waren davon ausgegangen, dass wir Mitglieder ihrer Gemeinschaft sind.“ Um sich dankbar zu zeigen und zu integrieren, nahm Maria anfangs an allen Gebeten und Messen teil. Mittlerweile genießt sie den Freiraum, ihre Gottesbeziehung so zu leben, wie es ihr guttut. „Mein Glaube ist derselbe geblieben – aber mein Gefühl für Glauben und seine Vielfalt hat sich verändert. Ich sehe, welche Rolle Kirche hier im Alltag spielt und es ist schön zu erleben, wie viel Hoffnung und Begeisterung selbst junge Menschen daraus ziehen.“

Diese Bereicherung um das Andere entlohnt Maria für das, was sie für ein Jahr hinter sich ließ: „Ich habe ein anderes Empfinden für die Welt gewonnen und eine Basis für globale Verantwortung. Denn man kann nur Verantwortung tragen für Orte, von denen man wirklich weiß.“ Das betrifft auch ihren kritischen Blick auf das Gefälle zwischen westlichem Wohlstand und der Armut vieler Einheimischer, was in Maria regelmäßig Gefühle von Schuld und Scham wachruft und sich beim Besuch einer Schülerin schärfte: „Ihre Familie lebt mit fünf Kindern in einem Zelt aus Stöcken und Planen auf schlammigem Boden. Aus Gastfreundschaft haben sie für uns extra ein Huhn geschlachtet. Wie kann jemand, der so wenig hat, so viel geben?“, fragte sich Maria, als sie nach dem Besuch nächtelang unruhig schlief. So wird sie am Ende ihres Freiwilligendienstes in den schwarzen Reisekoffer wohl auch ein neues Bewusstsein für globale Gerechtigkeit einpacken, eine große Portion Dankbarkeit und die Frage, wie ein Glaube aussieht, der im Alltag trägt.

Freiwilligendienste auch eine Möglichkeit für dich?

  • Du bist auf der Suche nach einer Möglichkeit, dich zu engagieren? Du möchtest dich ausprobieren und neue Erfahrungen sammeln? Dann ist der Einsatz in einem Freiwilligendienst genau das Richtige für dich.
  • Innerhalb des Erzbistums Paderborn gibt es verschiedene Angebote: Wer lieber im Inland bleiben will, hat die Wahl zwischen einem Bundesfreiwilligendienst (BFD), einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) oder dem Christlichen Orientierungsjahr am neuen Leocampus.
  • Auslandseinsätze vermitteln der Internationale Freiwilligendienst mundus Eine Welt e.V., das Programm Mitleben auf Zeit (MaZ) oder das „Praktikum im Norden“, ein Angebot des Bonifatiuswerkes.

Für mehr Informationen: Hier klicken!

Ein Beitrag von:
Dr. Carina Middel, freie Autorin, schreibt Texte für Print und Online im Erzbistum Paderborn. © Carina Middel/Erzbistum Paderborn
Freie Autorin Dr. Carina Middel
Freie Autorin

Dr. Carina Middel

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