Wenn Michael Bergermann zu einem Interplast-Einsatz aufbricht, weiß er nie genau, was ihn erwartet: ungewisse Bedingungen vor Ort, überfüllte Wartesäle, schwierige Infrastruktur, manchmal politische Spannungen. Sicher ist nur eines: dass Menschen auf ihn warten, die ohne Hilfe keine Chance hätten. Alles fing mit einer Einladung zu einem Vortrag beim Kolping in Rhynern an. Dr. Stephan Düchting aus Hamm wollte über seinen ersten Operations-Einsatz für die Hilfsorganisation Interplast Germany e.V. in Südindien berichten und dabei seinen Kollegen Dr. Dr. Michael Bergermann überzeugen, bei nächsten Einsatz mitzufahren. Ärztinnen und Ärzte von Interplast operieren Menschen, die an Lippen-, Kiefer-, und Gaumenspalten leiden. Werden diese Missbildungen im Säuglings- oder Kleinkindalter nicht operiert, droht den Menschen ihr ganzes Leben lang soziale Ausgrenzung und damit ein trauriges Lebensschicksal. Für Michael Bergermann steht noch während des Abends fest: „Da muss ich hin, da komme ich mit. Das waren dort die Ärmsten der Armen, die kein Geld und damit normalerweise keine Chance hatten, operiert zu werden.“ Und weiter: „Ich habe quasi das Elend gesehen. Und ich sollte etwas tun, was ich auch noch gerne mache.“ Es ist der Beginn eines langen Weges. Seitdem operiert er weltweit – getragen vom Glauben und dem Wunsch zu helfen.
Vom OP in Hamm in die Krisenregionen der Welt: „Da muss ich hin!“
Helfen aus christlicher Überzeugung
Fast 25 Jahre ist das her. Seine Frau Conny unterstützt die Entscheidung spontan. Die Kinder sind groß genug, warum also nicht einen Teil der Urlaubszeit einsetzen, um zu helfen? Für das Ehepaar ist es auch eine Frage des Glaubens: Wer selbst in einem Land mit selbstverständlicher medizinischer Versorgung lebt, trägt Verantwortung für jene, die sie nicht haben. Im Februar 2002 reist Bergermann erstmals nach Bangalore. „Es war so weit!“, erinnert er sich. „Ich habe alle Operationssachen von hier mitgenommen und war überwältigt von dem Ansturm der Patienten. Noch einer und noch einer, ich habe zwei Wochen ohne Pause operiert.“
Was für ihn ein routinierter Eingriff ist, bedeutet für die Betroffenen einen Neuanfang – medizinisch und sozial.
Man hatte immer das Gefühl: Du kannst noch mehr schaffen, du kannst noch mehr schaffen! Die Begeisterung der Eltern, die ja nichts hatten als ihre Dankbarkeit: Das war richtig beeindruckend.“
Interplast: Hilfe, die bleibt
Interplast Germany e.V. organisiert seit 1980 ehrenamtliche plastisch-chirurgische Einsätze in Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Teams bringen Material und Medikamente mit, operieren unter oft schwierigen Bedingungen und bleiben bewusst religiös und politisch neutral. Für Bergermann ist klar: Sein christlicher Antrieb schließt niemanden aus. Ob Christentum, Islam, Hinduismus oder Buddhismus – er hilft allen gleichermaßen.
Inzwischen hat er mehr als 40 Einsätze absolviert – von Indien über Tansania, Myanmar und Nepal bis nach Nigeria und Bolivien. Rund 1.500 meist junge Menschen hat er operiert. In diesem Jahr stehen die Einsätze Nummer 43 und 44 an. „Ich könnte das ganze Jahr über irgendwo hinfahren“, sagt er. Die Motivation bleibt dieselbe: mit seinem Können konkret Leid lindern.
Lernen, weitergeben, Zukunft sichern
Interplast versteht sich nicht nur als Einsatzorganisation, sondern als Partner vor Ort. „Hilfe zur Selbsthilfe“ lautet das Leitwort. Einheimische Ärztinnen und Ärzte werden ausgebildet, damit sie Operationen eigenständig durchführen können. Wie nachhaltig das wirkt, erlebt Bergermann in Nigeria. „Als ich im zweiten Jahr hinkam, zeigten sie mir stolz einige Patienten und Dutzende von Fotos von Patienten, die sie selber operiert hatten. Vorher und nachher. Ich war beeindruckt. Beim dritten Mal haben sie alles selbst wegoperiert.“ Solche Momente sind für ihn Aufbruchsgeschichten im besten Sinn: Menschen gewinnen nicht nur Gesundheit, sondern auch Kompetenz und Zukunft.Die Einsätze folgen einem festen Rhythmus – und sind doch jedes Mal anders. Ein achtköpfiges Team reist an: Chirurgen, Anästhesisten, Pflegekräfte. Am ersten Tag werden die Patienten gesichtet, Diagnosen gestellt, ein OP-Plan erstellt. „Der Andrang ist oft so groß, dass die Leute geduldig 5, 6 oder 7 Stunden warten.“ Bis spät in die Nacht werden Termine vergeben, Abläufe besprochen, Probleme ausgewertet. Dann folgen Tage im Operationssaal – konzentriert, dicht getaktet, oft bis an die Grenze des Machbaren. Am meisten berührt Michael Bergermann das Wiedersehen nach gelungenen Operationen, wenn Eltern ihre Kinder in die Arme schließen.
„Die Patienten warten oft mit der ganzen Familie vor der Tür des Krankenhauses und wollen sich bei uns mit Geschenken bedanken, obwohl sie selbst fast nichts haben.
Verantwortung weitergeben
Neben den Einsätzen selbst sieht Bergermann eine weitere Aufgabe: den Generationswechsel bei Interplast zu sichern. Viele jüngere Kolleginnen und Kollegen würden gern mitfahren, sagt er. Doch die Verantwortung für Organisation und Leitung eines Einsatzes schrecke manche ab. Dabei braucht es erfahrene Kräfte, die Wissen weitergeben und Teams führen. Seit Jahren leitet Bergermann eine der bundesweiten Interplast-Sektionen. Für ihn gehört es zum Auftrag dazu, andere zu ermutigen, selbst aufzubrechen, damit die Hilfe auch in Zukunft weitergeht.
Formell ist Michael Bergermann im Rentenalter – doch seine kieferchirurgische Praxis führt er vorerst weiter, bis eine Zukunftsregelung gefunden ist. Wenn sich der Alltag dort verändert, soll das für ihn kein Rückzug sein, sondern ein neuer Aufbruch: mehr Zeit für Interplast. Ob er künftig mehr Einsätze übernehmen will? „Ja klar.“ Sein Antrieb bleibt derselbe: helfen, wo sonst kaum Hilfe erreichbar ist. Oder, wie Interplast-Gründer Prof. Dr. Gottfried Lemperle es formulierte: die „Ungerechtigkeiten der Natur auszugleichen“. Für Bergermann ist das kein Programm, sondern Glaube in Aktion.