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© Gudrun Krebs/Shotshop.com
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Verleih uns Frieden

Helau im Sauerland. Eine Stadt ohne Rosenmontagszug und mit einer Geschichte, die nachhallt. Zwischen Konfetti und Krieg steht ein Narr und hält den Spiegel hin. Dirk Lankowski erzählt im WDR von Lachen mit Haltung und warum Frieden manchmal mit einem Witz beginnt.

Hier können Sie den Beitrag hören:

Ich glaube ja, wir brauchen solche Menschen: Narren. Ein Narr geht seinen Weg – mit Feder, Maske und klingelndem Schritt, wegen seiner Glöckchen an der Kleidung. Er tanzt. Er lacht. Er singt. – Und: Er stört die Gewohnheit. Denn manchmal stellt er genau die Fragen, die wir sonst wegschieben.

Guten Morgen, Helau und Alaaf an diesem Karnevalssonntag. Mein Name ist Dirk Lankowski. Ich lebe im Sauerland. In der Kreisstadt Meschede. Und – auch hier hat der Karneval eine lange Tradition. Hier verbindet sich nämlich kurkölnischer Frohsinn mit westfälischem. Und deswegen singen wir hier gerne: „Westfalenland, Westfalenland ist wieder außer Rand und Band.“

Kein Rosenmontagszug

Meschede hat karnevalistisch gesehen eine Besonderheit. Es gibt hier nämlich keinen Rosenmontagszug mehr. Den letzten gab es 1939. Und davor einen im Jahr 1914. Also nur zwei in den letzten 112 Jahren. Wieso? 1914 begann der erste Weltkrieg. Und durch den Krieg ist erstmal Schluss mit dem Rosenmontagszug. Es dauert 25 Jahre, bis es wieder einen Umzug am Rosenmontag gibt. Das war 1939 – bereits durchseucht von der braunen Ideologie und Propaganda der Nazis. Später haben dann Geschichtsschreiber aus Meschede festgehalten: Wenn in Meschede der Karneval mit Umzügen auf die Straße ging, folgten bald darauf große kriegerische Auseinandersetzungen auf der Weltbühne. Und seitdem hat es keinen Rosenmontagszug mehr gegeben. Aus Aberglauben? Aus Angst? Aus Scham? Genau weiß man es nicht. Vielleicht: Weil man weiß, wie schnell eine Stimmung umschlagen kann. Wie schnell aus fröhlicher Blasmusik militärische Marschmusik wird. Und wie schnell aus Konfetti Asche. Als würde die Geschichte sagen: Passt auf, Freude und Frohsinn sind kostbar. Und Frieden ist zerbrechlich.

Ich bin nicht abergläubisch. Und die meisten Menschen hier in Meschede sicher auch nicht. Aber fast jeder kennt die Geschichte rund um die beiden Rosenmontagszüge. Und so sind sie eine bleibende Mahnung. Dennoch feiern wir hier, singen Lieder, klopfen Sprüche und erzählen Witze und spotten der Obrigkeit. Aber wir vergessen auch nicht, was passieren kann, wenn aus Worten Waffen werden. Wenn aus Spott Verachtung wird. Wenn aus „Narrenfreiheit“ Hetze wird. Manchmal ist es nur ein schmaler Grat.

Denn Worte können wie Feuer sein. Sie können wärmen – oder sie können verbrennen.

Es kommt auf meine innere Einstellung und Haltung an. Ich muss eben wissen, was ich warum tue. Will ich aufbauen oder zerstören?

Genau da setzt ein biblischer Text an, der heute in den katholischen Gottesdiensten vorgetragen wird. Da geht es auch um die eigene Einstellung und Haltung, die tiefer liegt und hinter meiner äußeren Handlung steckt: Jesus sagt da nämlich:

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.

Mt 5,21f

Und dann etwas weiter dieser Satz, der so schlicht wie unbequem ist:

Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!

Mt 5,23f

Kläre also zunächst die eigene Haltung, was du selbst willst. Und wenn du es ehrlich meinst mit dem Opfern, dann versöhne dich zuerst.

Geht es denn anders?

Zurück zum Karneval nach Meschede. Hier gab es – so wird überliefert – schon früh Narren, die nicht erst an Karneval mitten in den Alltag hineinplatzten. Um 1800 zum Beispiel, trugen sie bereits ihre Narrenkappen weit vor dem Rosenmontag und feierten ausgelassen. So sehr, dass die Obrigkeit eingreifen musste, um die Albernheit zu bremsen. Es wurden Regeln erlassen. Erfolglos. Ich kann mir das so richtig vorstellen. Der Spaß der einen hat den anderen nicht gefallen.

Und so wundert es mich auch nicht, dass es nachweislich im Jahre 1861 zwei Karnevalsgesellschaften gab, die offenbar gegeneinander auftraten. Das war so. Die eine alteingesessene hieß: „Et gäit nit anders.“ – Also: Es geht nicht anders. Und eine zweite neuere trug den Namen: „Et mot anders goen.“ Es muss anders gehen.  Da hört man schon den Trotz und die Rebellion der Jungen gegen die Alten heraus. Dabei höre ich in den Namen aber auch zwei Sätze, die wie Bekenntnisse klingen. Es geht nicht anders, als froh und freudig zu bleiben. Es geht nicht anders, als menschlich zu bleiben. Es geht nicht anders, als dem anderen seine Würde zu lassen. Auch im Streit. Auch im Witz. Auch im Karneval.

Und dann der Ruf nach Veränderung, der nicht zwingend gegen die alteingesessene Gesellschaft auftritt: Es muss anders gehen: Liebe statt Hass, Friede statt Krieg, Witz statt Hohn. So gesehen würden beide Gesellschaften nicht gegeneinander arbeiten, sondern dieselben Ziele verfolgen: macht doch die Welt etwas besser. Und was könnte schöner sein als daran zu arbeiten – nicht nur zur Karnevalszeit.

Kladderadatsch!

In alten Berichten aus Meschede taucht übrigens noch eine Karnevalsfigur auf: der „Kladderadatsch“. Bei dem Namen höre ich schon lautmalerisch das Krachen und Klirren, wenn etwas zu Boden fällt. Kladderadatsch steht ja für Chaos und ein heilloses Durcheinander. Und so habe ich direkt wieder ein Bild von einem Narren vor Augen, der andere durchrüttelt und -schüttelt. Dabei ist überliefert: der Kladderadatsch ist ein Verbindungsmensch zwischen den Wagen und den Menschen am Straßenrand beim Rosenmontagszug in Meschede. Er war – so könnte man sagen – also ein Vermittler im Durcheinander.

Und ich denke mir: Vielleicht brauchen wir ja heutzutage genau solche Leute wieder mehr: Menschen, die vermitteln und Menschen zusammenbringen. Die statt Öl ins Feuer zu gießen, um Gegensätze zu verfestigen, Feuer löschen. Die im Lärm sagen: Stopp. Wir gehören doch zusammen. Wir haben mehr, was uns verbindet als was uns trennt.

Karneval kann, wenn er gut ist, genau das tun. Er kann Beziehung stiften und stärken. Mir ist dabei ein Rezept sehr wichtig: Papst Johannes XXIII. hat es auf den Punkt gesagt, als er von sich selbst sagte: „Johannes, nimm dich nicht so wichtig.“ Für den Karneval übersetzt: Ich muss mich nicht aufblasen, sondern ich kann über mich lachen. Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt, aber ich bin mitten in der Welt. Ich kann den Kopf oben halten und muss nicht nach unten treten. Warum? Weil es da einen Gott gibt, der zu mir steht.

Karneval eine Art Friedensarbeit

Gut, dass wir einen friedvollen Karneval mit Humor feiern, der entlarvt, ohne zu entwürdigen. Mit Lachen, das befreit, nicht verletzt. Für mich ist das sogar eine Art Friedensarbeit – ganz praktisch. Weil Karneval, wenn er so ist, ein Raum eröffnet, in dem wir Spannung aushalten lernen, ohne sie zu eskalieren. Karneval kann das, was so oft fehlt: Ein Ventil sein, das Druck ablässt – ohne Gewalt. Ein Spiegel sein, der wahr ist – ohne Menschen zu zerbrechen. Karneval will das Leben erleichtern, weil er letztlich vom Wohlwollen dem anderen gegenüber getragen ist.

1939 gab es den letzten Karnevalszug in meiner Heimatstadt Meschede. Es war die Zeit der Nationalsozialisten. Die Nazis konnten mit dem echten Karneval nichts anfangen. Sie hatten wahrscheinlich Angst vor dem Lachen. Vor der echten Ehrlichkeit des Karnevals. Vor allem, was ihre Macht entzaubert. Also versuchten sie den Karneval zu kontrollieren – und ihn für Propaganda zu benutzen. Es gibt Filmaufnahmen von einem Rosenmontagszug aus Köln aus dieser Zeit, die einen antisemitischen Mottowagen zeigen. Hier wurde die Idee des Karnevals pervertiert: Menschen wurden bewusst ausgegrenzt, herabgesetzt und verhöhnt – bis hinein in Lieder und Büttenreden.

Das ist die dunkle Seite der „Narrenfreiheit“: Wenn sie sich mit Menschenverachtung verbindet. Wenn Humor vergiftet wird. Wenn ein Fest, das eigentlich Luft zum Atmen geben soll, zur Bühne für Hass wird. Wenn eine Menge jubelt, weil andere gedemütigt werden. Ich will es einmal andersherum formulieren: Freude braucht Anstand. Lachen braucht Respekt. Und das sollte beim Karneval nie vergessen werden.

 

Lachen braucht Respekt

Vielleicht macht das ja gerade den Karneval so wichtig.

Heute steht unsere Welt wieder unter Spannung. Heute sind wieder Kriege, Hassparolen und damit verbunden Angst und Sorgen näher gerückt. Umso wichtiger ist es, dass wir Räume behalten, in denen man sagen darf, was ist. Gerade mit Humor. Auch mit Satire.

Autoritäre Mächte fürchten das – damals wie heute. Man sieht es daran, dass der Karnevalswagenbauer Jacques Tilly juristisch unter Druck geraten ist – wegen seiner satirischen Wagen. Weil er Wladimir Putin einen Spiegel vorgehalten hat, läuft gerade gegen ihn in Russland ein Prozess. Anstatt zu lachen, fühlt sich Putin bedroht. Was dahinter steht, das hat Ministerpräsident Hendrik Wüst so auf den Punkt gebracht: Kunst und Karneval sind ein Ausdruck demokratischer Meinungsfreiheit. Und wer die nicht zulässt, der kann auch mit Karneval nichts anfangen.

Ich denke: Genau so kann Karneval dem Frieden dienen. Nicht weil er Probleme wegschunkelt. Sondern weil er sie sichtbar macht – ohne Gewalt. Weil er den Spiegel vorhält. Und weil er zeigt: Wir können streiten, ohne uns zu vernichten. Das würde sicher auch Jesus gefallen. Denn er weiß: Es kommt auf die innere Haltung an. So sagt er einmal:

Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor. Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund.

LK 6,45

Und wie wäre es, gerade jetzt an Karneval solche bösen Gedanken gar nicht erst aufkommen zu lassen? Wie wäre es, den Menschen um sich herum mit Wohlwollen und Freude zu begegnen? Wie wäre es, den Gedanken vom Frieden nicht nur im Herzen zu hegen, sondern ihn auch tatsächlich umzusetzen?

Ich komme noch einmal zurück zu meiner Heimatstadt Meschede. Die Erfahrungen von 1914 und 1939 wirken nach: es gibt keinen Rosenmontagszug mehr in meiner Stadt. Ist das nun eine bleibende Mahnung zur Wachsamkeit gegen alle boshaften Verführungen zu Krieg und Verfolgung? Gibt es vielleicht auch ein positives Zeichen?

Hier in Meschede gibt es für mich so ein Zeichen. Hoch über der Stadt erhebt sich die Benediktinerabtei Königsmünster. Die Abteikirche trägt den Titel „Christus, König des Friedens“. Wir hier nennen sie kurz: Friedenskirche. Und dieser Titel ist nicht zufällig, dahinter steckt eine Idee: Denn am 1. September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Und genau 25 Jahre später wurde diese Kirche geweiht, nämlich auf den Titel „Christus, König des Friedens“. Für mich ist dieser Weihetermin der Kirche eine Antwort auf die Gewalt. Mehr noch: Er ist ein Auftrag für die Zukunft.

Ein klares Statement: Wir wollen hoffen

Und so passierte Folgendes: Im vergangenen Sommer fand im Rahmen eines Jugendfestivals in der Friedenskirche eine Begegnung statt zwischen Kinder- und Jugendchören aus dem Erzbistum Paderborn und einem Jugendchor aus Polen. Es war ein „besonderes Zeichen der Versöhnung“ – so nannte es jedenfalls der Abt von Königsmünster. Es ging mir richtig unter die Haut. Ich saß da nämlich nicht nur als Zuhörer, sondern meine beiden Kinder haben mitgesungen. Ich habe ihnen dabei zugesehen und gemerkt: Frieden ist etwas, das man übt. Mit Stimme. Mit Haltung. Mit Respekt. Und dann kam diese Bitte, die mir bis heute im Ohr geblieben ist: „Verleih uns Frieden“. Gesungen von hunderten jungen Stimmen – aus Deutschland und Polen – nicht als fromme Floskel, sondern als ein klares Statement: Wir wollen hoffen. Wir wollen Frieden. Jugendliche, deren Urgroßeltern noch aufeinander geschossen haben, sind im Frieden beieinander und erhoffen diesen Frieden für die ganze Welt.

Ein Frieden, der im Kleinen anfängt: durch Beziehung, durch Wahrheit, durch Versöhnung.

Wie waren noch die beiden Titel der Karnevalsgesellschaften von 1861, die auf den ersten Blick wie Kontrahenten erschienen: „Et gäit nit anders.“ Und: „Et mot anders goen.“ „Es geht nicht anders“ als froh und freudig zu bleiben. Es geht nicht anders, als menschlich zu bleiben. Es geht nicht anders, als dem anderen seine Würde zu lassen. Und „Es muss anders gehen.“ Es muss anders gehen: Liebe statt Hass, Friede statt Krieg, Witz statt Hohn. Und wenn, dann ist der Karneval die beste Zeit, genau das einzuüben und zu erfahren.

Aus Meschede im Sauerland grüßt Sie mit einem herzlichen Helau Dirk Lankowski.

Ein Beitrag von:
© Besim Mazhiqi
Redaktionsleiter in der Abteilung Kommunikation

Dirk Lankowski

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