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© Dekanat Siegen
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Unterwegs für die Würde des Menschen: Die Hungertuchwallfahrt ist gestartet

Insgesamt 40 Pilgerinnen und Pilger aus dem Erzbistum sind am heutigen Veilchendienstag zur 31. Hungertuchwallfahrt gestartet. Warum es sich lohnt, aufzubrechen. Gerade an Karneval. Und gerade bei Schnee und Regen.

„Hungertuchwallfahrt“, das klingt eher nach Mittelalter als nach Gegenwart. Ein Wort wie aus einer anderen Zeit – dabei ist die Idee alles andere als von gestern: Sie verbindet spirituelle Impulse mit sozialem Engagement und eröffnet neue Perspektiven auf die Welt. Denn: Die Pilger wandern jedes Jahr zum Ort, wo die Misereor-Fastenaktion eröffnet wird. In diesem Jahr geht es ins Bistum Limburg.

Spannung zwischen Alltag und Aufbruch

Wendelin Heinemann aus Attendorn kennt die Spannung zwischen Alltag und Aufbruch nur zu gut. Seine Heimatstadt ist die Karnevalshochburg in Südwestfalen, der Veilchendienstagszug absoluter Höhepunkt – und genau an diesem Tag startet traditionell die Hungertuchwallfahrt. „Trotzdem entscheide ich mich immer wieder für die Wallfahrt. Die wertvolle Stimmung hat mich einfach gepackt“, sagt Heinemann. Was er damit meint: Das gemeinsame Gehen, die körperliche Anstrengung und die Gespräche entlang des Weges schaffen Raum für persönliche Entwicklung und gemeinsames Wachsen.

Losgehen ins Unbekannte

Seit mehr als 30 Jahren gibt es die Hungertuchwallfahrt. Rund 40 Pilgerinnen und Pilger aus dem Erzbistum Paderborn machen sich Jahr für Jahr auf zum Eröffnungsgottesdienst der Misereor-Fastenaktion. In diesem Jahr geht die Route vom siegerländischen Burbach nach Hofheim im Bistum Limburg.

Fünf Tage und über 100 Kilometer sind die Frauen und Männer unterwegs. Schritt für Schritt über Felder und Wiesen, durch Dörfer und Städte, bei Regen, Schnee oder Sonnenschein, Kälte und Dunkelheit. Geschlafen wird in Gemeindehäusern und Bürgerzentren auf Luftmatratzen und Isomatten, eine abendliche Dusche ist nicht selbstverständlich.

Die Hungertuchwallfahrt ist eine Wegstrecke voller Anspruch, der Verzicht auf Komfort gehört dazu. Ein Begleitteam des Malteser-Hilfsdienstes übernimmt Gepäcktransport und Unterstützung unterwegs. Mitgetragen wird das aktuelle Misereor-Hungertuch „Gemeinsam träumen – Liebe sei Tat“, das auf globale Krisen wie Klimawandel, Kriege und Ungleichheit aufmerksam macht.

Hinter den Kulissen

Es gibt Wartelisten – mehr Menschen, die teilnehmen möchten, als logistisch möglich ist. Für viele ist die Hungertuchwallfahrt eine zeitgemäße Form kirchlichen Lebens und passender Zugang zu Sinn- und Glaubensfragen.

Jochen Voß aus Olpe versteht sie als Ausdruck einer „Kirche in Bewegung“ – im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils. „Das Bild vom Volk Gottes unterwegs ist ein ganz anderes als das der sitzenden Kirche, wie es sie heute noch an vielen Orten gibt. Hier findet die Hungertuchwallfahrt ihren Ansatz.“ Voß war 1996 Mitinitiator der Wallfahrt, organisiert sie gemeinsam mit seiner Frau Jutta bis heute, und im Miteinander mit dem Dekanatsbüro Siegen.

Die Hungertuchwallfahrt auf den Weg zu bringen, ist eine Aufgabe voller Details und Entscheidungen. Strecken müssen geplant, Unterkünfte organisiert, Sicherheit bedacht werden. Eines steht im Vordergrund: Einen Rahmen zu schaffen, in dem Menschen sich ganz auf die Reise einlassen können – körperlich, geistlich und emotional. „Es ist ein großes Puzzle. Wir bereiten viel vor, müssen aber auch improvisieren. Gerade das gehört zu diesem anderen Erleben von Kirche.“

Menschen zwischen 40 bis über 80 Jahren, aus unterschiedlichen Regionen, Berufen und Lebenshaltungen lassen für einige Tage ihren gewohnten Alltag hinter sich. Die Reduktion auf das Wesentliche schafft Nähe, macht Unterschiede sichtbar und stärkt zugleich das Gemeinschaftsgefühl.

Dechant Karl Hans Köhle, verantwortlich für die spirituelle Begleitung, beschreibt die Erfahrung als ganzheitlich prägend: „Körper, Geist und Seele werden angesprochen. Die gemeinsamen Impulse und Zeiten der Stille weiten den Blick über die eigene Lebenswelt hinaus.“ So wird die Reise also zu einem geistlichen Ort der inneren Klärung und der Auseinandersetzung mit globaler Verantwortung. Körperliche Erfahrung verbindet sich mit sozialer Realität. Wer an seine eigenen Grenzen stößt, Müdigkeit und Zweifel spürt, erfährt zugleich, was es heißt, solidarisch zu denken. „Dabei wird Gott erlebt als der helfende und auch als der appellierende, die Welt ein Stück besser zu machen. Er ist auf den Pilgerwegen unseres Lebens mit uns unterwegs. Dafür stehen wir beispielhaft.“

„Wir kehren verändert zurück – bewegter, gelöster oder entschlossener im Denken und Handeln.“

Jutta Voß

Unterwegs mit den Pilgernden

Zurück zu Wendelin Heinemann. Mit seiner Gitarre begleitet der 79-Jährige die Gruppe: Lieder wie „Kennst du das alte Lied“, das von Gewalt und Hoffnung auf Frieden erzählt, „Gut wieder hier zu sein“ über Freundschaft und Geborgenheit oder der „Sonnengesang“ von Franz von Assisi verbinden.

„Die Wallfahrt führt ins Unbestimmte, wir betreten jedes Mal Neuland. Das verlangt Einsatz, Aufmerksamkeit und Offenheit“, sagt Heinemann, der seit 29 Jahren mitläuft. Vom Siegerland nach Hofheim geht es durch den hohen Westerwald, über Pfade, die kaum jemand von der Gruppe zuvor betreten hat. Jeder Schritt bringt sie in Kontakt mit sich selbst und der Welt. „Dass wir uns hinter der Misereor-Aktion versammeln, ist für mich ein Beweggrund, dabei zu sein“, sagt Heinemann. Die diesjährige Fastenaktion richtet den Blick auf Jugendliche in Kamerun, die unter schwierigen Bedingungen leben und kaum Chancen auf Ausbildung und Arbeit haben. „Da denke ich dann ganz besonders an alle jungen Menschen und die Sorgen, die sie in dieser Welt und in der Kirche erwarten.“

Erst zum zweiten Mal dabei ist Zita Sondermann aus Olpe. Gleichwohl ist die 58-Jährige eine gestandene Pilgerin, seit ihrer Jugend als solche unterwegs. Für sie liegt die Besonderheit der Hungertuchwallfahrt in der Ungewissheit des Weges und der thematischen Tiefe. „Es ist Winter, es ist immer eine andere Strecke. Man weiß nie, was einen erwartet. Und es geht nicht nur um das eigene Päckchen, sondern um das Ganze.“

Der Sinn wozu das Ganze

Wozu fünf Tage gehen, frieren, verzichten, sich auf Ungewissheit und anstrengende Fragen einlassen? Die Hungertuchwallfahrt gibt darauf keine einfachen Antworten – und genau darin liegt ihre Stärke. Sie schafft einen Raum, in dem Menschen sich selbst, einander und der Welt neu begegnen.

Der Weg wird zum Spiegel. Wer sich reduziert, spürt schneller, was trägt, und erfährt, wie sehr er auf andere angewiesen ist. Und wer sich mit globalen Krisen, mit Armut, Krieg oder Perspektivlosigkeit auseinandersetzt, kann die eigene Komfortzone nicht einfach unberührt lassen. Vielleicht ist der tiefere Sinn der Hungertuchwallfahrt genau dies: für eine begrenzte Zeit anders zu leben – einfacher, gemeinschaftlicher, wacher. Nicht, um die Welt in fünf Tagen zu verändern, sondern um mit einem geschärften Blick in den Alltag zurückzukehren. Was bleibt, ist eine leise, nachhaltige Bewegung: die Erfahrung, dass Würde, Gerechtigkeit und Solidarität Schritt für Schritt gelebt werden.

Ein Beitrag von:
Freie Journalistin

Birgit Engel

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