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© Rita Maurer
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„Unser Glaube findet nicht nur im stillen Kämmerlein statt.“

Die Hallenberger Osternacht vertreibt das Dunkel der Passion. Woher stammen solche Bräuche? Dazu haben wir mit Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer gesprochen, Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn.

Die Hallenberger Osternacht ist ein Brauch, der seit der Zeit des Barocks annähernd unverändert geblieben ist. Mit Lärm und Licht wird das schmerzvolle Dunkel der Passion Christi vertrieben. Es ist eine Tradition, die aus ursprünglich heidnischem Brauchtum hervorging. Für die Hallenberger Heribert Knecht und Georg Glade ist klar: Wenn sie mit der Osternacht durch ihre Stadt ziehen, dann wird die Freude der Auferstehung, die Freude des Osterfestes für sie gegenwärtig. Das Fest ohne diesen Lichterzug zu feiern, ist für sie unvorstellbar.

Die Hallenberger Osternacht ist laut, mag auch skurril wirken und lockt daher jedes Jahr viele Schaulustige an. Für viele Bewohner in Hallenberg ist sie vor allem eines: Ausdruck ihres Glaubens. Doch woher stammt solches Brauchtum und was für eine Bedeutung hat es für unser Glaubensleben. Dazu haben wir mit Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer gesprochen. Er ist seit 2025 Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät in Paderborn.

Redaktion

Der Brauch der Hallenberger Osternacht fußt vermutlich auf vorchristlichen, heidnischen Traditionen. Welche Bedeutung haben solche christianisierten Bräuche?

Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer

Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt: Es ist gar nicht unüblich, dass heidnische Bräuche in die christliche Tradition übernommen, ja sogar christlich umgedeutet wurden. Ein spannendes Beispiel ist das Aufstellen eines grünen Tannenbaums zu Weihnachten. Bereits in der römischen Antike stellten die Anhänger des Mithraskultes einen geschmückten, immergrünen Baum zur Wintersonnenwende auf. Der ohrenbetäubende Krach der Hallenberger Osternacht ist ein weiteres Beispiel. Gerade in der Karwoche spielen Klänge eine besondere Rolle. In vielen Gegenden in Deutschland gibt es den Brauch, dass vom Gloria des Gründonnerstags bis zum Gloria der Osternacht die Kirchenglocken schweigen. Stattdessen machen die Messdienerinnen und Messdiener mit ihren Ratschen oder Klappern Krach. Ostern findet immer am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond statt – so erinnert das Krachmachen durchaus an vorchristliche Frühlingsrituale, mithilfe derer die Winterdämonen vertrieben werden sollten. Wir sehen: Im religiösen Brauchtum werden heidnische Bräuche in die Liturgie aufgenommen und mit Passion und Auferstehung Christi in Verbindung gebracht.

Redaktion

Es gibt zahlreiche Bräuche in verschiedensten Ausprägungen. Welche Bedeutung hat dieses religiöse Brauchtum für die Kirche und ihre Gläubigen?

Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer

Auf der einen Seite sind Bräuche keine dogmatischen Wahrheiten. Sie sind nicht der Kern des Glaubens. Das heißt, die Kirche verliert ihre Identität nicht, wenn diese Brauchtümer oder Traditionen untergehen. Auf der anderen Seite können sie aber auch eine entscheidende Bedeutung im Glaubensleben der Menschen haben – als sinnstiftende Formen des Glaubens, die oft über Generationen hinweg weitergegeben werden. Sie können den Gläubigen helfen, sich auf den Kern der christlichen Botschaft zu fokussieren. Bei der Christusfrömmigkeit der Hallenberger Osternacht ist es die Botschaft von Tod und Auferstehung und damit einhergehend Jesu Erlösungstat an den Menschen.

Redaktion

Viele Menschen spüren eine starke Verbindung zu religiösem Brauchtum. Es gibt Halt, Kraft und Heimat, so auch die Hallenberger Osternacht. Woher kommt diese Bindung?

Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer

Religiöse Bräuche und Erfahrungen sind verlässlich, wiederkehrend und stiften Gemeinschaft. Gerade in Zeiten, in denen Menschen den Eindruck haben, dass die Welt ins Wanken gerät, finden viele Halt in Traditionellem, in vermeintlich fest Existierendem. Das gibt ein Gefühl von Sicherheit, sollte aber nicht unreflektiert bleiben. Hinzu kommt: Die Liturgie der Karwoche, von Palmsonntag bis Ostern, hat im Kirchenjahr eine herausgehobene und singuläre Stellung. So findet auch die Hallenberger Osternacht nur einmal im Jahr statt. Dadurch werden die Mitfeiernden viel schneller in das religiöse Erleben hineingezogen, als es im übrigen Kirchenjahr passieren kann. Und es bleibt etwas Besonderes. Außerdem sind Traditionen und Bräuche gelebte Erinnerung. Die Gemeinschaft der Glaubenden umfasst schließlich nicht nur die Lebenden, sondern auch die Verstorbenen. So sind jedes Jahr auch die verstorbenen Vorfahren bei der Hallenberger Osternacht präsent.

Redaktion

Die Hallenberger Osternacht ist sehr öffentlichkeitswirksam: Sie ist laut, umrundet die gesamte Stadt. Jeder soll es mitbekommen. Zudem zieht sie aufgrund ihrer Einzigartigkeit viele Zuschauende an, erregt auch mediales Aufsehen. Was bedeutet das für einen solchen Brauch?

Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer

Die Hallenberger Osternacht hat aufgrund ihrer Anziehungskraft durchaus Event-Charakter. Die eigentliche Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu geht dadurch aber nicht verloren. Im Gegenteil: Die Mitfeiernden dürften sie sogar intensiver erleben. Die Schatztruhe katholischer Traditionen enthält aber keineswegs nur solch öffentlichkeitswirksame Bräuche – ein prominentes Beispiel ist auch die Fronleichnamsprozession –, sondern auch die, die nur in der Sakristei stattfinden, die nur der Küster kennt. Oder denken wir an die vielen christlichen Bräuche in den Familien: das Kreuzzeichen, das Tischgebet oder das Abendgebet. Wir sehen: Einen Eventcharakter haben christliche Bräuche eigentlich nicht nötig, aber er kann ein ungeheures Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Das hält die Tradition lebendig und begeistert die Menschen. Denken wir etwa an die Stadionatmosphäre bei den Weltjugendtagen. Unser Glaube findet, und hierfür ist die Hallenberger Osternacht ein exzellentes Beispiel, eben nicht nur im stillen Kämmerlein statt, sondern auch bei solchen Events.

Redaktion

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Hallenberger Osternacht

© Rita Maurer
Ein Beitrag von:
© Besim Mazhiqi
Redaktionsvolontär

Moritz Kröner

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In Hallenberg wird jedes Jahr in der Osternacht mit Krach die Passionszeit vertrieben – ein Jahrhunderte alter Brauch, der auch in diesem Jahr wieder hunderte Menschen zu später Stunde in die kleinste Stadt Nordrhein-Westfalens locken wird.
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