Pflicht zur Solidarität
In seinem Vortrag zu „Gesellschaftlichen Solidaritätsverhältnissen“ kritisierte der Sozialethiker Professor Dr. Hermann-Josef Große-Kracht vom Institut für Theologie und Sozialethik der TU Darmstadt die gegenwärtige emotional aufgeladene Debatte um die Solidarität. Solidarität werde von den einen als individuelle moralische Tugend, von anderen als soziales Gefühl, von dritten als zarte mitmenschliche Hilfsbereitschaft beschrieben. Solidarität sei aber kein Gefühl, sondern ein „stahlhartes Wort“ (Kurt Eisner). Solidarität spiegelt die faktisch zunehmenden gesellschaftlichen Abhängigkeiten der Menschen. Als solche ist Solidarität Voraussetzung von Freiheit und Gleichheit und es besteht – gerade zur Sicherung der Freiheit – eine Pflicht zur Solidarität. Im wirkmächtigen Liberalismus der Moderne sei diese Einsicht vergessen, erklärte der Wissenschaftler der TU Darmstadt. Und bis heute sei sie ein „Stiefkind der Moralphilosophie und Gesellschaftstheorie“ (Herwig Münkler). Professor Große-Kracht forderte von daher, Freiheit und Solidarität auf eine neue postliberale Weise zusammenzudenken.
Ein Modell dazu sei der jesuitisch geprägte Solidarismus, ein zentrales Element der katholischen Soziallehre des 20. Jahrhunderts. Er biete ein argumentativ und normativ plausibles Programm einer postliberalen Wohlfahrtsdemokratie, „ohne die ein gelingendes menschliches Zusammenleben in sozialer Freiheit und Gemeinschaft“ nicht möglich sei. Professor Große-Kracht verwies angesichts der aktuellen vielzitierten „liberalen Demokratie“ auf das deutsche Grundgesetz. Die Verfassung spricht nicht von einer liberalen Demokratie, sondern von einem demokratischen und sozialen Bundesstaat.
Aus der Peripherie kommt die Innovation
Der Soziologe Professor Dr. Berthold Vogel vom Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) der Georg-August-Universität Göttingen überraschte in seinem Vortrag die Teilnehmenden des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreis mit der Aussage: „Aus der Peripherie und nicht aus dem Zentrum kommen die eher innovativen Ideen.“ Professor Vogel, der seit vielen Jahren ein umfangreiches Projekt zum sozialen Zusammenhang leitet, stellte in seinem Vortrag das Konzept der „sozialen Orte“ vor. Diese Theorie fußt auf zahlreichen empirischen Untersuchungen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Untersuchungen zeigen einen anhaltenden und tiefgreifenden Verlust von Zuversicht und Zukunftsvertrauen. Dieser sei nicht nur „kein gutes Zeugnis“ für unsere Gesellschaft, sondern gefährde die Demokratie. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, müsse das Lokale, die kommunale Basis, gestärkt werden. Das Misstrauen und die Unzufriedenheit in der Gesellschaft korrespondiere mit der Lage der Kommunen. „Wir zahlen“, so Professor Vogel, „den Preis für die Vernachlässigung des Kommunalen, des Lokalen.“
Die empirischen Forschungen zeigen dabei, dass innovative Lösungen vor allem auf dem Land im Gegensatz zu den städtischen Zentren entstehen. Im Ländlichen fänden sich die Virtuosinnen und Virtuosen des Wandels, diagnostizierte Professor Vogel. Soziale Orte – etwa lokale Treffpunkte, kommunale Netzwerke, Jugendarbeit oder Projekt der Flüchtlingshilfe – seien insofern Orte der Zukunftsenergie. Sie schaffen Öffentlichkeit und finden gemeinsame Kompromisse in heterogenen Interessenlagen. Wichtig seien für den Erfolg, so die Beispiele des Gelingens, die Unterstützung durch eine risikofreudige Verwaltung, einer innovationsfähigen Zivilgesellschaft und investitionsbereiten lokalen Unternehmen und Betrieben. Wichtig sei dabei, so der Soziologe Professor Vogel, dass es nicht darum gehe, zu gemeinsam geteilten Ansichten, sondern zu „gemeinsame Aussichten“ (Simon Strauß) zu kommen.