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© Kathrin Harms / Misereor
© Kathrin Harms / Misereor

Neues Leben aus alten Teilen

Am Anfang war eine Idee, es brauchte eine Chance: Die Geschichte von zwei Brüdern aus Kamerun zeigt, wie ein ganzes Wohnviertel davon profitiert, wenn so eine Chance gewährt wird. Wie das Bischöfliche Hilfswerk Misereor e.V. dabei ins Spiel kam.

In der Elektrowerkstatt eines Visionärs in Douala könnte so der erste KI-Roboter Kameruns entstehen, weil der Idee des jungen Mannes Gehör und Unterstützung fand.

Es blinkt, qualmt, surrt. Azubi Silas Teyim schraubt an einer Platine herum. Neben ihm steht ein uraltes Radiogerät, Marke Philips aus den 1950er-Jahren. Ein eleganter brauner Kasten aus lackiertem Holz mit großen Metalldrehknöpfen und weißen Tasten. Würde es funktionieren, dann könnte man seinem kratzigen Sound lauschen, vielleicht gedämpften Trompeten und Klarinetten, in diesem einzigartigen vollen Klang, wie nur alte Radios und Plattenspieler ihn zustande bringen. Doch dafür muss das Teil erst repariert werden. Stattdessen übertönen die wummernden Bässe des Reggaeton aus dem Friseursalon nebenan den Straßenlärm.

Priorität hat ohnehin eine andere Reparatur: Azubi Ulrich Gansop, der große Bruder von Silas, nimmt einen Ventilator entgegen, den ein Nachbar vorbeibringt. Es ist heiß und die Angelegenheit daher dringend. Ulrich untersucht ihn vorsichtig, als handele es sich um ein lebendiges Wesen. Dann schraubt er das Gerät auseinander, um dem Defekt im Inneren nachzugehen. Elektrotechnik hat ihn schon als kleines Kind begeistert. „Ich wollte jedes technische Gerät öffnen und hineinschauen“, sagt der 21-Jährige.

Vom Marktstand in die Werkstatt

Ulrich hat Pläne. „Ich habe eine Vision: Ich möchte den ersten KI-Roboter Kameruns bauen. Aus alten Teilen. Er soll selbstständig Felder bewässern können und mit Sprachsteuerung und Solarenergie laufen.“ Noch steht ihm ein weiter Weg dorthin bevor. Erst vor wenigen Monaten hat er seine Ausbildung in der Elektrowerkstatt von Bertrand Njomko begonnen. Es werden noch ein paar Jahre vergehen, in denen er als Azubi lernt, ausprobiert, schraubt, lötet, scheitert, mehr lernt, etwas kaputt macht, etwas Neues entdeckt. Aber immerhin ist er nun auf diesem Weg.

„Mit zehn Jahren war meine Kindheit zu Ende. Damals hat mein Vater die Familie verlassen, meine Mutter war plötzlich alleinerziehend mit drei Kindern. Ich bin morgens in die Schule gegangen bis 15 Uhr, direkt danach haben mein kleiner Bruder Silas und ich auf dem Markt gearbeitet und Erdnüsse und andere Kleinigkeiten verkauft. Ich war erst um 22 Uhr zu Hause. Andere Kinder haben in ihrer Freizeit Fußball mit ihren Freunden gespielt.“

Für einen Moment presst er die Lippen aufeinander, sein Blick fixiert etwas, das nur er sehen kann. „Wir haben aufgehört zu träumen.“

So wie Ulrich und Silas geht es vielen jungen Menschen in Douala. Ihre Familien sind arm. Die größte Stadt in Kamerun mit rund fünf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern wirkt wie ein Magnet für junge Leute aus dem ganzen Land. Sie kommen in der Hoffnung, dort einen Job zu finden. Doch sind sie nur unzureichend ausgebildet, denn in Kamerun kostet die berufliche Bildung Geld. Deshalb ist in der Küstenstadt die Arbeitslosigkeit hoch: Von der im Durchschnitt sehr jungen Bevölkerung sind weit über 80 Prozent im informellen Sektor oder gar nicht beschäftigt. Das heißt, dass sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen müssen und in Armut leben. Nicht selten bedeutet dies eine Existenz am Rande von Kriminalität, Sexarbeit und Drogensucht.

„Wenn bei uns zu Hause der Strom nicht lief, hat meine Mutter mich gerufen. Einen Handwerker konnten wir uns nicht leisten. So habe ich schon als Grundschulkind die Steckdose aufgeschraubt und nach dem Fehler gesucht. Manchmal habe ich mir Fotos oder Tutorials angeschaut, gebastelt, geschaut, gebastelt. Bis es wieder ging“, erklärt der 18-jährige Silas

Ein Flyer ändert alles

Das wird Ulrich und Silas erspart bleiben. Der Grund dafür ist ein Flyer, den ihre Mutter Mariette Kamguep aus der Kirche mitbrachte. Dass dieses Stück Papier über das Schicksal der ganzen Familie mitentscheiden würde, wussten sie damals alle noch nicht. Den Flyer hatte Mariette Kamguep von Laurely Nguenang. Sie ist die Ehefrau von Bertrand Njomko, bei dem die Jungs jetzt lernen. „Ich habe diese Frau gesehen, die jeden Tag um drei Uhr morgens aufsteht und bis nachts auf dem Markt arbeitet, damit sie am Ende des Tages mit drei Euro nach Hause geht, um damit ihre drei Kinder durchzubringen“, sagt Laurely Nguenang. „Sie ist krank vom Rauch des Frittierfetts, in dem sie den ganzen Tag steht. Ich habe gesehen, wie die Kinder nach der Schule arbeiten, wie fleißig und entschlossen sie sind. Es hat mir das Herz gebrochen. Da dachte ich: Das sind genau die Richtigen für das Programm von CODAS.“

Der Flyer führte die beiden Brüder zur Misereor-Partnerorganisation CODAS Caritas Douala, die nun ihre Ausbildung fördert. Das heißt, dass die beiden Azubis finanzielle Unterstützung von CODAS erhalten, danach verfügen sie über praktische Fähigkeiten, die dringend gebraucht werden. CODAS begleitet die jungen Leute mit Know-how, zum Beispiel durch praxisorientierte Workshops. Und tut damit etwas gegen die Jugendarbeitslosigkeit in der Stadt.

Keine leichte Aufgabe: „Das Regime regiert an der Bevölkerung und besonders an den vielen jungen Menschen vorbei“, sagt Léon Yanda, der Direktor von CODAS. Präsident Paul Biya ist seit 1982 an der Macht, das Land wird diktatorisch von alten Männern regiert. „Die Korruption ist überall, deshalb sind die wichtigsten Stellen nicht mit kompetenten Personen besetzt, sondern mit denen, die bereit sind, ein Eintrittsgeld für ihre Arbeitsstelle zu bezahlen.“

Peter Nyuybe, der Leiter des Bereichs Berufsausbildung bei CODAS, begleitet die beiden Azubis. Er hat sich für ihre Übernahme eingesetzt. „Jeder Mensch hat ein Talent, man muss es nur fördern“, sagt er. „Ihr Potential habe ich schnell erkannt, diese absolute Entschlossenheit.“ Die beiden haben schon als Kinder Dinge repariert, einfach weil sie mussten. Der 18-jährige Silas erklärt das so: „Ich habe bereits in der Grundschule bei uns zu Hause die Steckdosen aufgeschraubt und wieder zum Laufen gebracht. Wir konnten es uns nicht leisten, dass ein Techniker kommt.“ Ulrich Gansop sagt: „Ich habe schon immer gerne die Computer meiner Kumpels von Viren befreit und repariert. Ich selbst hatte keinen.“

Reparieren statt Wegwerfen

Auch ihr Ausbilder Bertrand Njomko freut sich über die jungen Talente: „Meine beiden Azubis sind besonders: Sie sind neugierig und sehr ehrgeizig. Sie haben gute Ideen und wollen an allem herumexperimentieren. Da geht auch mal was kaputt. Deshalb entwerfe ich Übungsgeräte für sie und lasse sie auch Sachen selbst bauen.“ Die Brüder schauen zu Bertrand Njomko auf, denn er ist nicht nur ein guter Lehrmeister, sondern ein Visionär. „Ich habe ein Konzept der Kreislaufwirtschaft hier im Viertel entwickelt. Wenn ich ein Gerät öffne, das mal teuer war, dann will ich, dass es wieder funktioniert. Deshalb konstruiere ich selbst Apparate, die Fehler finden können. Wir verwenden hier alles nochmal, das Wenigste landet auf dem Müll. Das sind ja alles Wertstoffe. Das französische Wort für Müll ist ‚Ordure‘: ‚Or‘ gleich Gold und ‚dure‘ gleich hart. Hartes Gold.“ Er lacht verschmitzt. „Dieses System der Kreislaufwirtschaft wäre ein Jugendarbeitslosigkeitswegradierer. Mit der Idee habe ich mal einen Erfinderwettbewerb gewonnen.“ Er zeigt seinen Azubis, wie man Geräte mit kleinen Tricks günstig reparieren kann.

„In Kamerun schmeißen die Menschen so viel weg“, sagt Ulrich. „Ich habe es früher auch so gemacht, wenn etwas kaputt war. Heute repariere ich alles. Hier auf der Straße liegen Reichtümer, während die Menschen in Armut leben. Allein schon die ganzen Plastikflaschen sind wertvolle Rohstoffe. Das sehe ich jetzt.“ Nicht einmal ein Jahr ist er in Njomkos Ausbildung, schon hat Gansop sein Verhältnis zu seiner Umwelt vollkommen geändert. Auch in sozialer Hinsicht: „Wir haben heute einen viel besseren Kontakt zu unseren Nachbarn, weil sie uns ihre alten Geräte bringen. Wir besorgen Ersatzteile hier, verkaufen etwas dort, tauschen uns aus. Wir organisieren alles lokal, so dass die Leute es nicht weit haben. Das ist günstiger und effizienter. Ein richtiges Netzwerk ist dadurch entstanden. Die Kreislaufwirtschaft macht uns unabhängig.“

Vom Schatten ins Licht

Auch seine innere Einstellung hat sich verändert. „Bevor wir unsere Ausbildung angefangen haben, waren Silas und ich sehr verschlossen. Wir hatten ja nichts anzubieten. Wir haben unsere Gefühle für uns behalten. Unsere Mutter hatte auch niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Sie war immer sehr traurig, nach außen wirkte das hart.“ Mariette Kamguep sagt: „Ich habe mir früher solche Sorgen gemacht, wenn die Kinder nach der Schule gearbeitet haben, Ulrich sogar bis nachts. Meine größte Angst war, dass ein Auto ihn erwischt haben könnte, wenn er nach Einbruch der Dunkelheit noch nicht zu Hause war. Jetzt ist alles ein bisschen einfacher.“

„Heute fällt es mir leicht, mich anderen gegenüber zu öffnen.“ Als Ulrich das sagt, schaut er seinen Bruder Silas an, beide lachen. „Ich plaudere gerne mit den Leuten. Mein Horizont ist ein ganz anderer. Für unsere Nachbarn reparieren wir oft kleinere Dinge einfach umsonst. Wir haben unseren Platz in der Gesellschaft gefunden.“ Silas nickt. Und fügt hinzu: „Ich möchte meine eigene Werkstatt aufmachen und eines Tages selbst junge Leute ausbilden.“ Da sagt Ulrich: „Ich möchte in den Schulferien den Kids aus unserem Viertel umsonst etwas beibringen, um sie vom Fernseher wegzuholen. Vielleicht kommen sie dann auf gute Gedanken. Jeder Mensch hat doch einen Traum. Man muss nur die Möglichkeit bekommen, ihn zu verfolgen.“

Ein Beitrag von:

Susanne Kaiser

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