Jedes Jahr zieht es uns an die Nordsee – nach Sankt Peter-Ording und nach Nordfriesland. Einmal waren wir sogar schon im Februar da. Kommen im Winter die Sturmfluten, dann fühlt man sich schnell ganz klein: Wind, Wasser, Himmel – alles ist dann größer als der eigene Plan. In dieser Weite aber: das Gefühl von Transzendenz.
Mut – trotz allem
Nicht weit von dort, wo heute Sankt Peter-Ording liegt, da war einmal die Hafenstadt Rungholt. Die sehr wohlhabende Stadt versank vor über 600 Jahren im Meer: quasi unser norddeutsches Atlantis. Die wenigen Überlebenden verloren Menschen, Heimat, Besitz – und mussten dennoch weiterleben, mit all ihrer Trauer und all ihren Fragen. Schon vorher war vieles brüchig gewesen: verletzte Landschaft, müde Deiche, viel Kälte im Miteinander. Und die Katastrophe hat dann so richtig gezeigt: Vertrauen auf das, was Menschen bauen und kontrollieren, das hat immer auch seine Grenzen.
Umso mehr beeindruckt mich das Vertrauen der Überlebenden: wahrscheinlich ist dieses Vertrauen nicht sehr laut gewesen, überhaupt nicht mehr so sicher, eher still. Ja, das stimmt: Vertrauen ist die stillste Art von Mut. Dieser Mut, dass es weitergehen muss. Der Mut zum Sein. Er hält selbst das aus, was nicht mehr rückgängig zu machen ist, und er sagt mir dann trotzdem: Doch, es geht weiter. Dennoch.
Der Sage nach klingen Rungholts Glocken übrigens noch immer aus dem Wattenmeer herauf. Und manche hören sie auch heute.
Matthias Micheel