Ein erfülltes Leben aus dem eigenen Glauben heraus zu führen, ist für viele Menschen ein Prozess lebenslanger Reifung. Wer im und mit dem Glauben wachsen möchte, kann sich dabei geistlich begleiten lassen. Im Zentrum dieser besonderen Form der Individualseelsorge steht der persönliche Glaubensweg und die geistliche Praxis in ihren konkreten, lebenspraktischen Bezügen. Wie Geistliche Begleiterinnen und Begleiter unterstützen? Was sie dazu antreibt, mit anderen unterwegs zu sein? Und was es braucht, um in geistlichen Fragen ein guter Weggefährte zu werden? Schwester Elisabeth Bäbler, Leiterin des Geistlichen Zentrums Eremitage Franziskus in Wilnsdorf bei Siegen und eine von 26 anerkannten Geistlichen Begleiterinnen und Begleitern im Erzbistum Paderborn, gibt Einblick.
„Geistliche Begleitung ist ein Prozess mit drei Akteuren: dem Menschen, der sich begleiten lässt, dem oder der Begleitenden und Gott, der immer in unser Leben hineinspricht“, so Schwester Elisabeth, die seit mehr als zehn Jahren mit Menschen in persönlichen Glaubensfragen auf dem Weg ist. „In den Begleitgesprächen reflektieren wir das Leben in diesem Dreieck. Dabei geht es immer auch um die Gottesbilder hinter den konkreten Fragen und Problemen, die im täglichen Handeln mitschwingen, selbst bei Menschen, die das Wort ‚Gott‘ nicht in den Mund nehmen.“
Geistliche Begleitung ist nicht klassische Psychotherapie
Damit ist Schwester Elisabeth schnell bei der Frage, was Geistliche Begleitung in ihrer besonderen Ausrichtung eigentlich ist – und vor allem, was nicht: Denn es geht der Ordensfrau nicht darum, theologische Diskurse zu führen, auch wenn der Glaube an die Existenz Gottes die Seelsorge von anderen Formen der Begleitung unterscheidet. Geistliche Begleitung ist auch keine Psychotherapie, weil es ihr nicht um Heilung oder die Unterscheidung von Gesundheit und Krankheit geht. Und sie ist kein Coaching mit dem Ziel einer Selbstoptimierung, die es auf noch unbekanntem Weg zu erreichen gilt. Gleichwohl, die Fragestellungen, mit denen die Menschen zu Schwester Elisabeth kommen, sind mitten aus dem Leben gegriffen: Wie gestalte ich die Beziehung zu Mitmenschen und wie verhalte ich mich in Konflikten? Wie kann ich mehr Ruhe im Alltag finden? Wie gehe ich mit meinen vielen Sorgen um?
„Die Entscheidung, worüber wir sprechen, steht den Begleiteten frei.“ Ihre Themen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst, die dieses Angebot nutzen. Zurzeit begleitet Schwester Elisabeth zwölf Frauen und Männer im Alter von 30 bis 70 Jahren. Was sie verbindet: „Es sind Personen, die ihren Alltag auch in einer geistlichen Form reflektieren möchten.“ Auch solche, denen Gott gerade fern scheint, die aber eine Sehnsucht spüren, sind dabei. Zwischen den Gesprächen liegen mindestens vier Wochen, damit das Besprochene nachklingen kann und innere Prozesse Zeit haben, sich zu entwickeln. Manchmal dauert es auch mehrere Monate, bis der Gesprächsfaden wieder aufgegriffen wird. Viele nutzen das Angebot einige Jahre lang; mit einem Begleiteten steht die Schwester schon seit mehr als fünf Jahren in Kontakt, um ihn auf seinem Glaubensweg zu begleiten.