Komplexes Erbe
Artefakte aus katholischer Mission seien Teil eines komplexen Erbes, das unterschiedliche Ebenen miteinander verbinde, erklärte Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz zu Beginn seines Vortrags: „Zunächst stehen diese Artefakte in den religiösen und kulturellen Kontexten ihrer Herkunftsgesellschaften. Viele von ihnen waren eingebettet in rituelle Praktiken, spirituelle Deutungen und soziale Zusammenhänge.“ Zugleich seien diese Artefakte Zeugnisse vielgestaltiger missionarischer Begegnungen, die geprägt gewesen seien von Nähe und Offenheit, von Lernprozessen und gegenseitiger Beeinflussung, aber auch von Missverständnissen, Grenzüberschreitungen und Machtasymmetrien, betonte Dr. Bentz weiter.
Das Erbe, deren Teil die Artefakte seien, sei ambivalent, folgerte der Erzbischof: „Es verbindet und verletzt zugleich. Es bewahrt Erinnerung und konfrontiert mit Schuld. Es fordert heraus und lässt sich nicht widerspruchsfrei erzählen.“ Verantwortung im Umgang mit diesem Erbe bedeute daher nicht Vereinfachung, sondern die bewusste Anerkennung von Vielschichtigkeit. Eine Voraussetzung hierfür sei Multiperspektivität: „Multiperspektivität bedeutet, unterschiedliche Sichtweisen sichtbar zu halten. Sie bedeutet, anzuerkennen, dass ein Artefakt aus verschiedenen Kontexten heraus unterschiedlich verstanden wird – und dass diese Deutungen nicht einfach miteinander verrechnet oder gegeneinander ausgespielt werden können. Es geht darum, Spannung auszuhalten und vorschnelle Eindeutigkeiten zu vermeiden“, erklärte Dr. Bentz weiter. Für die Kirche liege hierin eine besondere Herausforderung: „Verantwortung zeigt sich hier nicht in der Behauptung von Deutungshoheit. Sie zeigt sich vielmehr in der Bereitschaft, Differenz auszuhalten und Räume zu eröffnen, in denen unterschiedliche Stimmen gehört werden können. Der verantwortliche Umgang mit diesem Erbe verlangt nicht nach schnellen Lösungen, sondern nach einer Haltung der Offenheit“, sagte Dr. Bentz.
Kirche selbst gründet auf kultureller Vielfalt
Im vertiefenden Teil seines Vortrags widmete sich der Erzbischof biblischen Motiven. Die Bibel selbst sei ebenfalls ein überliefertes Erbe. Sie sei vielstimmig, vereine unterschiedliche Traditionen, Perspektiven und theologische Akzente und vielfältige Erzählungen der gleichen zentralen Ereignisse.
Eines dieser zentralen Ereignisse sei Pfingsten. „In der Apostelgeschichte wird erzählt, dass Menschen aus unterschiedlichen Regionen die Botschaft der Jünger jeweils in ihrer eigenen Sprache hören. Besonders aufschlussreich ist die Reaktion der Zuhörenden: ‚Wie kann es sein, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache hört?‘ (Apg 2,8)“, führte Dr. Bentz aus. Die Pointe dieser Erzählung liege nicht darin, dass alle dieselbe Sprache sprechen. „Im Gegenteil: Die Verschiedenheit der Sprachen bleibt bestehen. Einheit entsteht nicht durch Angleichung, sondern durch Verstehen“, erklärte der Erzbischof.
Ein Abbild des Erfahrungsaustausches der jungen Kirche finde sich im Apostelkonzil (Apg 15). Die Frage danach, wie Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten Kirche gemeinsam leben könnten, sei hier innerhalb eines gemeinsamen Prozesses beantwortet worden: „Unterschiedliche Stimmen kommen zu Wort. Erfahrungen aus der Mission werden erzählt. Schließlich wird eine Entscheidung formuliert, die Differenz nicht aufhebt, aber Gemeinschaft ermöglicht: ‚Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen …‘ (Apg 15,28)“, schilderte Bentz. Kirche erscheine hier als Raum der Aushandlung, erklärte der Erzbischof weiter: „Einheit entsteht nicht durch Dominanz einer Perspektive, sondern durch Beziehung, Zuhören und gemeinsames Entscheiden. Dieses Motiv zeigt: Kulturelle Vielfalt gehört von Anfang an zur kirchlichen Existenz.“
Multiperspektivität sei überdies keine äußere Forderung, sondern Ausdruck des inneren theologischen Grundes, auf dem die Kirche mit ihrem Gottesverständnis gründet: „Der christliche Glaube denkt Gott nicht monologisch, sondern relational: als Vater, Sohn und Heiligen Geist“, so Dr. Bentz.
Der Synodale Weg
Dass Inkulturation gegenwärtig einen wesentlichen Stellenwert in der Kirche hat, sei vor allem durch den Synodalen Weg deutlich geworden: „In einer stark säkular geprägten Gesellschaft werden Fragen nach Lebensformen, Sexualität, Geschlechterrollen und persönlicher Freiheit neu verhandelt. Die Kirche in Deutschland verbindet damit Erwartungen an die Weltkirche: gesellschaftliche Kontexte ernst zu nehmen und kulturelle Prägungen nicht vorschnell zu bewerten.“ Diese Erwartungen basierten auf der Überzeugung, dass das Evangelium in unterschiedlichen kulturellen Kontexten je neu Gestalt annehme, erklärte Dr. Bentz weiter. Die Konsequenz: Sensibilität für Inkulturation verlaufe wechselseig. „Wer Offenheit für den eigenen Kontext erwartet, ist herausgefordert, auch die Inkulturationen anderer ernst zu nehmen. Missionsgeschichtliche Artefakte werden so zu Lernorten kirchlicher Selbstreflexion“, sagte der Erzbischof.
Kirche gelte nicht allein als Bewahrerin von Artefakten, sondern sei Gestalterin ihres Umgangs, der offen, kontrovers und kritisch ausfallen dürfe: „Missionsgeschichtliche Artefakte werden so nicht zu abgeschlossenem Erbe der Vergangenheit, sondern zu einem Erbe für die Zukunft“, so Dr. Bentz.
Die Tagung schließt sich an das dreijährige Forschungsprojekt „Räume öffnen. Ein internationales Kunstvermittlungsprojekt einer Missionssammlung im Erzbistum Paderbornʺ an, das im Frühjahr 2025 gestartet ist und von der Stiftung Bischof Meinwerk des Erzbischöflichen Stuhls zu Paderborn gefördert wird.