Stiller Umgang
Am Abend des Karfreitags kamen die Gläubigen im Paderborner Dom zum Stillen Umgang zusammen. Erzbischof Dr. Bentz erklärte in seinen einleitenden Worten: „Jetzt versammeln wir uns noch einmal, um zu hören und darüber nachzudenken, was dieser Tag für uns heißt. Es ist gut, dass wir gemeinsam ‚unterwegs‘ sind. Dass wir den Weg Jesu mitgehen und darin erkennen: Er geht den Weg mit uns.“
Der Sündenbock
In seiner Predigt warf der Erzbischof einen Blick auf eine „ganz eigene Dynamik“ innerhalb der Geschichte der Passion: „In diesen Erzählungen, egal ob nach Matthäus oder Johannes – da ist etwas erkennbar: Da rotten sich welche zusammen: In der Auseinandersetzung um die Schuld Jesu wurden aus Herodes und Pilates Freunde, das waren sie nie.“ Ein Satz in der Johannespassion habe ihn besonders aufmerksam zurückgelassen: „Kajaphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte: Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt.“ Einer habe den Kopf hinhalten müssen, folgert der Erzbischof: „Das war schon immer so. Einer wird zum Sündenbock, damit alle anderen sich einig sein können.“ Dieser psychologische Mechanismus habe etwas Archaisches an sich. Dass das auch heute funktioniert zeige, wie dünn unsere Kulturdecke sei, knüpft der Erzbischof an die Predigt des Vortags an. „Wir fallen immer wieder in die gleichen Verhaltensmuster“, mahnt der Erzbischof. Plakativ könne man sagen. „Nichts eint mehr als der gemeinsame Feind.“ Doch sei dies nur ein Mechanismus, die eigene Schuld von sich zu weisen: „Man zeigt mit dem Finger auf einen Menschen und übersieht, dass in diesem Moment drei Finger auf einen selbst zeigen“, erklärt der Erzbischof. Ein Phänomen, das unsere Gesellschaft in allen Belangen betreffe. Im Vergleich zu Jesus, den man zum Sündenbock machte, und der alle Schuld auf sich nahm, gebe es einen Unterschied: Während man im Selbstverständnis Jesu die eigene Schuld bekannt hat, verdrängt man heute die eigene Schuld.
Ein mitleidender Gott
Doch was habe Jesus zum Sündenbock gemacht, fragt der Erzbischof. Er habe gestört, indem er Barmherzigkeit zeigte und gerecht war. Er war Hoffnungsträger der einen und Dorn im Auge der anderen. Er habe die gewohnte Ordnung „durcheinandergebracht“, löst Erzbischof Dr. Bentz auf. Mit der Auferstehung habe er einmal mehr die Maßstäbe „gesprengt“. Für den jedoch, der die Hoffnung auf Jesus gesetzt habe, würde sich mit der Auferstehung eine neue Dimension der Hoffnung öffnen. Und während Gott selbst nicht leiden könne, so könne er „mitleiden“. Erzbischof Dr. Bentz fasst zusammen: „Im Tod nimmt Jesus all das mit als ‚Sündenbock‘. Dann kommen diese neue Hoffnung und der Trost eines mitleidenden Gottes. Dieser Trost reicht über den Tod hinaus und sprengt all unsere Vorstellungen, die wir von Gott bisher hatten.“ Das sei das Entscheidende: „Dass uns von Außen eine Hoffnung gegeben wird, die wir uns selbst nicht geben können – die größte Hoffnung, die der Mensch hat. Eine Hoffnung trotz allem.“