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© Edgar Terhorst
© Edgar Terhorst

Alle Wege führen nach Rom!

Jede und jede auf ihrem eigenen Weg und doch in Gemeinschaft: zwei Ehepaare aus Unna pilgern auf der Via Francigena

Die Augustsonne scheint hoch von einem erstaunlich blauen Himmel. Das Gras zwischen den Zypressen ist verbrannt, Zikaden machen einen Höllenlärm, um plötzlich zu verstummen. Im verdorrten Gras raschelt eine Eidechse. Hat sie eine Zikade erwischt? Drei Räder kämpfen sich den Anstieg von der Poebene auf den Apennin hoch. Oder sind es vier? Das ist von weitem und in der vor Hitze flirrenden Luft nicht gut zu erkennen. Erst beim Näherkommen zeigt sich: Es sind drei Räder, aber vier Personen. Eines der Räder ist ein Tandem.

„Ich bin sehbehindert und das Tandem ist meine Möglichkeit, an einer Fahrradwallfahrt teilzunehmen“, sagt Edgar Terhorst. Gemeinsam mit seiner Frau Mechthild und Ingrid und Michael Löblein, einem befreundeten Ehepaar, das ebenfalls aus Unna stammt, sind sie zu viert unterwegs. Und das schon seit über einer Woche. Begonnen hat die Pilgerreise im Aostatal, am Fuße des Großen St. Bernhard. Heute stehen gut tausend Höhenmeter auf dem Programm, trotz der elektrischen Unterstützung ist das keine leichte Aufgabe. „Immerhin sind meine Frau und ich schon Mitte 60“, erklärt Edgar Terhorst und nimmt einen großen Schluck aus seiner Trinkflasche. Sofort perlt ihm der Schweiß von der Stirn. Der Fahrtwind fehlt.

Ein Impuls beim Lesen der wirzeit

Auf die Idee, über die Via Francigena nach Rom zu pilgern, kam das Ehepaar Terhorst beim Lesen eines Beitrags in der wirzeit, der Engagiertenzeitung des Erzbistums Paderborn . Als Klinikseelsorger mit Schwerpunkt in Palliative Care in Unna hat Edgar Terhorst das Blatt natürlich abonniert. Das befreundete Paar Löblein kannte den Pilgerweg bereits durch vorangegangene Urlaube in dieser Region. Als bei einem Treffen im vergangenen Jahr das Gespräch auf eine Pilgerreise nach Rom kam, waren alle sofort dabei: Nächsten Sommer wird gepilgert!

In Jahren zuvor haben die Terhorsts bereits den Camino und den Fanziskusweg von Florenz nach Assisi begangen, auch bei den Hungertuchwallfahrten im Erzbistum Paderborn ist das Ehepaar aus Unna regelmäßig dabei. Und nun eben die Via Francigena, der alte Frankenweg nach Rom, der wie der Jakobsweg eher ein Wegsystem ist, allerdings nicht ganz so verästelt und mit einem klaren Startpunkt im englischen Canterbury. „Und noch einen Unterschied gibt es: Die Via Francigena ist längst nicht so überlaufen wie der Camino“, sagt Mechthild Terhorst.

Wir sehen uns in Rom!

Stichwort Canterbury: Von dort aus startete Frederic, der als Fußpilger jeden Tag um 35 Kilometer und an manchen Tagen sogar 45 Kilometer zurücklegt, wie die Terhorsts mit Heidenrespekt in ihrer Stimme berichten. Weil sie zuletzt ihre Etappen verkürzten und Frederic offenbar nochmals einen Zahn zulegte, sind sie sich in den vergangenen Tagen mehrfach begegnet. Von Frederic wissen sie nicht viel. Nur dass er aus Paris stammt und gutes Englisch spricht. Was er beruflich macht, welchen familiären Hintergrund er hat, was ihn auf die Via Francigena schickte? Derlei Dinge spielen auf einem Pilgerweg keine Rolle. Man sieht sich einmal und wechselt ein paar Worte, man sieht sich zweimal und spätestens bei der zweiten Begegnung findet man sich sympathisch. Man tauscht nicht einmal die Handynummern, sondern man verabredet sich einfach so für den 13. oder 14. September in Rom. Und man weiß: So Gott will, wird man sich dort über den Weg laufen, auf dem Petersplatz, im Petersdom, in Santa Maria Maggiore, vor einer anderen Kirche oder einfach so. Es wird sich fügen.

Begegnungen wie die mit Frederic entstehen auf einer Pilgerreise spontan. Andere Dinge musste die Fahrradgruppe akribisch organisieren. Weil das Tandem in keinen Zug passt, war die Anreise etwas kompliziert. Mit einem Auto und Fahrradanhänger ging es erst ins Aostatal, wo die Fahrräder abgeladen wurden. Dann wurde das Auto nach Viareggio überführt und dort abgestellt, zurück ins Aostatal ging es mit dem Flixbus und zuletzt mit den öffentlichen Omnibussen. Und dann endlich: Rauf aufs Rad!

Reiseplanung, Pilger-App und Pilgerausweis

Als sehr hilfreich beschreibt Edgar Terhorst die Pilger-App und den Pilgerausweis. Der ist mit seinen vielen Stempeln nicht nur ein Souvenir, sondern auch (und viel wichtiger als ein Erinnerungsstück) die Legitimation, die kostengünstigen Pilgerquartiere beziehen zu dürfen, die zuvor über die App reserviert werden können. An das Quartier stellen die Fahrradpilgerinnen und -pilger aus Unna keine großen Anforderungen. Es darf gern spartanisch sein. Hauptsache, es ist sauber und funktional. Ganz so, wie es sich für eine Pilgerreise gehört.

Weiter zu Fuß nach Rom

Von der Pilgerreise wird sich das zweite Ehepaar aus Unna, Ingrid und Michael Löblein, in Viareggio ausklinken. Für die Terhorsts geht es von dort zu Fuß weiter nach Rom, und zwar als Dreiergruppe. In Viareggio schließt sich eine weitere Freundin, Simone Meisel, den Terhorsts an. Aber warum die letzte Strecke des Weges auf Schusters Rappen – oder passender – per Apostelpferd? „Wegen meiner Sehbehinderung brauchen wir mit dem schweren und sperrigen Tandem die Unterstützung von Freunden“, sagt Edgar Terhorst. „Und weil das auch zu dritt mehr möglich ist, gehen wir zu Fuß nach Rom.“ Ein weiterer Grund ist die Entschleunigung. Gut möglich, dass sie deshalb nochmals von Frederic überholt werden.

Die Pause am Anstieg zum Apennin ist vorbei. Mechthild Terhorst und die Löbleins haben aufgesattelt und drängen sanft zur Weiterfahrt. Immerhin steht noch ein großer Teil der Tagesetappe an. Aber die allerwichtigste Frage ist noch nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet: Was macht die Pilgerreise aus? Was unterscheidet sie von einer gewöhnlichen Fahrradtour?

Einladung, in Resonanz zu gehen

Edgar Terhorst überlegt kurz, dann antwortet er: „Jede und jeder von uns geht seinen eigenen Pilgerweg mit den eigenen Gedanken, mit den eigenen Herausforderungen und Strapazen, aber auch mit den eigenen Glücksgefühlen. Und doch bilden wir eine Gemeinschaft. Wenn wir den Tag mit einem geistlichen Impuls beginnen, wenn wir abends im Quartier unser Essen zubereiten. Mich lädt das Pilgern dazu ein, in Resonanz zu gehen. Zu meinen Mitmenschen, vor allem zu denen, mit denen ich unterwegs bin, aber auch zu mir selbst und zu Gott, meinem Verhältnis zu ihm.“ Dann bricht die Gruppe auf, aber vor der nächsten Kehre wendet Edgar Terhorst noch einmal den Kopf und ruft zurück: „Und schauen Sie nur, wie herrlich das Leben ist!“

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