Mit der Veröffentlichung der wissenschaftlichen Studie „Das Vincenzheim in Dortmund 1970–1990. Entwicklungen, Debatten, Erfahrungen“ liegt erstmals eine umfassende historische Aufarbeitung zur Geschichte der Heimerziehung am früheren St. Vincenz Jugendhilfe-Zentrum e.V. vor. Diese wurde am Dienstag, 19. Mai 2026, in der Katholischen Jugendhilfe gGmH in Dortmund vorgestellt. Die Untersuchung wurde von Dr. Barbara Vosberg und Prof. Dr. Andreas Henkelmann durchgeführt und betrachtet die Entwicklungen der Einrichtung im gesellschaftlichen Kontext der 1970er bis 1990er Jahre.
Unabhängige Forschung und offener Zugang
Die Historische Aufarbeitung wurde bewusst unabhängig und ergebnisoffen angelegt. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wurde freier Zugang zu den verfügbaren Quellen gewährt. Neben Archivmaterialien und behördlichen Dokumenten flossen Interviews und schriftliche Selbstzeugnisse ehemaliger Bewohnerinnen, Ordensfrauen, Mitarbeitender sowie weiterer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in die Untersuchung ein.
Die Studie versteht sich als historische Analyse gesellschaftlicher, institutioneller und pädagogischer Entwicklungen. Sie fragt danach, welche Strukturen, Denkweisen und Rahmenbedingungen die Heimerziehung dieser Zeit geprägt haben.
Ergebnisse der Untersuchung
Die Untersuchung zeigt, dass das Vincenzheim bereits seit den 1960er Jahren pädagogische Reformen und bauliche Veränderungen angestoßen hatte. Große Schlafsäle wurden durch kleinere Zimmer ersetzt, zugleich wurden neue pädagogische Ansätze diskutiert und teilweise umgesetzt.
Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass der Heimalltag aus heutiger Sicht in vielen Bereichen als repressiv erlebt wurde. Besonders die gesellschaftlichen Debatten und Heimkampagnen der Jahre 1976 und 1977 führten zu tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der Einrichtung, unter anderem in Leitungsstrukturen und pädagogischen Konzepten.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung dokumentiert zudem unterschiedliche Formen von Gewalterfahrungen, die ehemalige Bewohnerinnen zwischen 1962 und 1987 beschrieben haben. Dazu zählen physische, psychische, sexualisierte sowie institutionelle Gewalt.
Die Untersuchung ordnet diese Erfahrungen zugleich in den gesellschaftlichen Kontext der damaligen Zeit ein, in der häusliche Gewalt und Vernachlässigung vielfach nicht ausreichend wahrgenommen oder verfolgt wurden.
Die Autoren weisen darauf hin, dass viele der befragten ehemaligen Bewohnerinnen bereits vor ihrer Unterbringung schwere Gewalterfahrungen gemacht hatten. Gleichzeitig dokumentiert die Studie auch individuelle Erfahrungen von Unterstützung, Empathie und langfristige Begleitung durch Mitarbeitende der Einrichtung.
Verantwortung für die eigene Geschichte
Die Katholische Jugendhilfe Dortmund gGmbH (KJD), in der die frühere Einrichtung heute aufgegangen ist, sieht die Historische Aufarbeitung als Ausdruck eines bewussten und verantwortungsvollen Umgangs mit der eigenen Geschichte.
Die Veröffentlichung verfolgt das Ziel, Entwicklungen und Erfahrungen transparent darzustellen und Raum für sachliche gesellschaftliche Auseinandersetzung zu schaffen.
Die KJD macht damit deutlich, dass historische Verantwortung nicht allein in der Dokumentation von Vergangenheit besteht, sondern auch in der Bereitschaft, institutionelle Entwicklungen kritisch zu betrachten und daraus Konsequenzen für heutiges pädagogisches Handeln abzuleiten.