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© Hans Blossey / luftbild-blossey.de
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Stellungnahme von Erzbischof em. Hans-Josef Becker

Emeritierter Paderborner Erzbischof äußert sich zur unabhängigen Studie zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn

Am 12. März 2026 wurde die Studie zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn zu den Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt veröffentlicht. Der Untersuchungszeitraum umfasst auch die letzten Jahre der Amtszeit Kardinal Degenhardts, in denen ich von Sommer 1995 bis zu meiner Berufung zum Weihbischof im Jahr 1999 als Personaldezernent für das pastorale Personal im Erzbistum tätig war. Die Studie beleuchtet damit einen Abschnitt der Geschichte unseres Erzbistums, in dem auch ich bereits leitend Verantwortung mitgetragen habe.

Sexualisierte Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen ist sehr schweres Unrecht. Das ist sie immer schon gewesen. Die Aufarbeitung zeigt, dass es im Erzbistum Paderborn über lange Zeit Strukturen und Vorgehensweisen gab, die dem Schutz der Betroffenen nicht gerecht wurden. In vielen Fällen stand der Schutz der Institution stärker im Vordergrund als das Leid der Betroffenen.

Als Personaldezernent war ich damals in Abläufe eingebunden, in denen über den Umgang mit beschuldigten Priestern entschieden wurde, auch wenn die maßgeblichen Entscheidungen nicht in meiner Verantwortung lagen. Ich will mich dabei nicht hinter Zuständigkeiten verstecken. Welche Kenntnisse mir in einzelnen Fällen vorlagen und welche Handlungsspielräume ich hatte, ist im Rahmen der vorliegenden Studie auf der Grundlage von Akten, Entscheidungswegen und zeitlichen Zusammenhängen auf wissenschaftlicher Basis rekonstruiert worden. Ich nehme diese Untersuchung sehr ernst und prüfe sorgfältig, welche Fragen sich daraus für mein eigenes damaliges Handeln ergeben. Dazu möchte ich mich heute äußern.

Mit dem Abstand zu meiner Amtszeit sehe ich manches anders, manches klarer als früher. Die MHG-Studie, die weiteren Untersuchungen der vergangenen Jahre und vor allem die heute deutlich hörbaren Stimmen von Betroffenen haben bei mir eine sehr ernste persönliche Reflexion ausgelöst. Mir ist bewusster geworden, wie leidvoll es für Betroffene war, nicht nur Gewalt zu erfahren, sondern danach auf Distanz, Zweifel, fehlendes Interesse oder mangelnde Empathie und menschliche Zuwendung zu stoßen.

Dass die Erfahrungen und Perspektiven von Betroffenen heute deutlich wahrgenommen werden, halte ich persönlich für richtig und notwendig. Diese Entwicklung begrüße ich ausdrücklich.

Viele Betroffene haben erfahren müssen, dass ihr Leid nicht gesehen, nicht ernst genommen oder hinter andere Interessen zurückgestellt wurde. Dass dies geschehen ist, bedaure ich zutiefst.

Meine eigene Amtszeit als Erzbischof von Paderborn ab dem Jahr 2002 bis 2022 wird derzeit gesondert wissenschaftlich aufgearbeitet; die Ergebnisse werden im kommenden Jahr erwartet. Unabhängig davon stellt sich für mich schon heute auch die Frage nach meiner späteren Verantwortung neu. Die Berichte von Betroffenen und Zeitzeugen, die wissenschaftliche Studie und der heutige Blick auf kirchliches Leitungsverhalten geben mir Anlass, mein eigenes Handeln nicht nur als damaliger Personaldezernent, sondern auch im Blick auf meine spätere Verantwortung als Diözesanadministrator und Erzbischof kritisch zu prüfen.

Dieser Klärungsprozess kann der ausstehenden wissenschaftlichen Untersuchung meiner Amtszeit nicht vorgreifen und sie nicht ersetzen. Aber ich will schon heute sagen: Wo mein Handeln auch in späterer Verantwortung dazu beigetragen hat, dass Betroffene nicht ausreichend gesehen, geschützt oder ernst genommen wurden, bitte ich dafür um Entschuldigung.

Der Auftrag zur ersten Studie und zur Erweiterung des Forschungsauftrags auf die Zeit von 2002 bis 2022 erfolgten in meiner Amtszeit. Dabei war es mir wichtig, für die Erweiterung auch ein eindeutiges Votum der Aufarbeitungskommission zu haben. Aufarbeitungskommission, Prävention und Intervention wurden in meiner Amtszeit auf den Weg gebracht und in den Folgejahren weiter ausgebaut und zunehmend professionalisiert. An der unabhängigen Erarbeitung der zweiten Studie habe ich mich durch Interviews beteiligt. Umso wichtiger ist mir auch zum jetzigen Zeitpunkt, dass das Forscherteam diese Arbeit intensiv und sorgfältig leistet.

Ich bin dankbar, dass das Erzbistum Paderborn mit diesen beiden Studien einen wichtigen Schritt der Aufarbeitung geht. Mein Dank gilt der Unabhängigen Aufarbeitungskommission, die sich mit den Ergebnissen weiter befassen und sie einordnen wird. Ausdrücklichen Respekt bringe ich den vielen Engagierten in Intervention und Prävention entgegen, die sich heute intensiv dafür einsetzen, Betroffenen zur Seite zu stehen, vergangenes Unrecht aufzuarbeiten und für die Zukunft zu verhindern.

Ich hoffe, dass Betroffene nun die Unterstützung und das Gehör finden, die ihnen lange auch bewusst vorenthalten wurden. Und ich hoffe, dass unsere Ortskirche von Paderborn dadurch wieder stärker dem gerecht wird, was sie von Gott her leisten soll: uneingeschränkt für alle Menschen da zu sein und ihnen mit Wahrhaftigkeit, Schutz und Achtung zu begegnen.

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