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© Beseler / Pastoraler Raum Wünneberg-Lichtenau
© Beseler / Pastoraler Raum Wünneberg-Lichtenau

Mysterienspiele in Kleinenberg: Mit Maria gehen und sich im eigenen Glauben finden

Rund um den Tag „Mariä Geburt“, am 11. und 12. September 2026, führen die Kleinenberger ihre 7. Mysterienspiele auf. Im Fokus: Die Heilige Maria und Szenen aus ihrem Leben mit Jesus. Wie das konkrete Erleben verändert und den Glauben stärkt.

Es ist Ende Februar. Der kleine Ort Kleinenberg, der zu Lichtenau gehört, liegt weiß gepudert vom Frost vor mir, aber der blaue Himmel und die Sonne lassen schon das Frühjahr erahnen. Und dann ist es nicht mehr weit bis zum Herbst.  Mitte September sollen hier, im 1500-Einwohner-Ort, die Mysterienspiele stattfinden.

„Sie machen etwas mit einem!“, hatte Nina-Maria-Mehring mich sehr neugierig gemacht. Ich treffe die Hauptorganisatorin heute, damit sie mir vor Ort ein Gefühl für die Spiele vermittelt.

Wir starten in der Kirche und auch Pastor Stefan Stratmann ist mit dazugekommen. Für ihn sind die Spiele ein „Pilgerweg des Glaubens“. Er erinnert daran, dass es Passionsspiele bereits im Jahr 1733 im Ort gab – an Karfreitag. „Eine solche Art von christlichen Mysterienspielen sind seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Sie haben sich wahrscheinlich aus der Liturgie entwickelt, in der biblische Texte in verteilten Rollen gelesen wurden. Bei Mysterienspielen kam im Laufe der Zeit die szenische Darstellung dazu. Und über die Jahrhunderte wurde nicht mehr allein das Leben Jesu Christi dargestellt, wie heute noch in den bekannten Passionsspielen, sondern auch das Leben der Heiligen. In Kleinenberg kam im Jahr 2000 erstmals der Gedanke auf, Mysterienspiele dem Leben der Gottesmutter zu widmen, im Jahr 2002 wurden sie erstmals aufgeführt.“

Seit mehr als 600 Jahren pilgern Menschen zum Gnadenbild „Maria – Helferin vom Berge“ im kleinen ostwestfälischen Ort. Als Pastor ist Stefan Stratmann der beauftragte Wallfahrtsseelsorger für die Marienwallfahrtsstätte in Kleinenberg. Er betont: „Vom Heilsplan Gottes her ist Maria eine wichtige Gefährtin an der Seite ihres Sohnes für das Werk der Erlösung. Dies bricht in der Volksfrömmigkeit gerade ein bisschen weg. Diese Sorge teilen alle Wallfahrtsorte.“

Wie Nina-Maria Mehring ist der Pfarrer überzeugt von der Botschaft Marias und beide werben dafür, diese besonderen Darstellung ihres Lebens einmal selbst zu erleben. Schnell wird deutlich: Was hier auf die Bühne gebracht wird, ist weit mehr als ein traditionelles Spiel. Es ist ein Stück Glaubensgeschichte, das im Ort tief verwurzelt ist und dessen Anfänge schon weit zurückreichen.

Szene 1: Mariä Heimsuchung

Während ich mit Nina-Maria Mehring losziehe, den Weg der Mysterienspiele zu erkunden, schildert sie die Szenen und beantwortet mir Stück für Stück meine Fragen.

Wir beginnen unseren Weg – wie es auch im September geschehen wird – rund um die Pfarrkirche St. Cyriakus. Dazu erkunden wir als nächstes die Kulturbühne. Sie liegt rechts von der Kirche. Hier ist die erste Station: Mariä Heimsuchung. Maria besucht ihre Verwandte Elisabeth, die selbst schwanger mit Johannes dem Täufer ist. Sie erzählt von ihrer Schwangerschaft und Elisabeth sagt: „Gesegnet bist Du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“

Redaktion

Frau Mehring, was macht die Mysterienspiele aus?

Mehring

Wir erzählen an acht Orten acht prägende Ereignisse aus dem Leben Marias als Mutter. In einer Form, die in Europa einzigartig ist. Die Szenen zeigen sehr menschliche Momente: die Freude über eine Schwangerschaft, den beschwerlichen Weg nach Bethlehem oder die Suche nach dem zwölfjährigen Jesus im Tempel. Das Erleben wird intensiviert, weil unsere Darsteller die Zuschauer ansprechen, berühren, sie um Mithilfe bitten. Wer sich drauf einlässt, wird verändert nach Hause fahren. Bei den Mysterienspielen 2021 sagte etwa eine Ordensschwester zu Pfarrer Stratmann: ,Jetzt werde ich das Magnifikat ganz anders beten – immer mit dieser lebendigen Szene vor Augen – aus einem tieferen Verstehen und mit berührtem Herzen!‘

Szene 2 und 3: Weg nach Bethlehem und Jesus im Tempel

Der Weg führt uns weiter um die Kirche herum bis an die Mauer des Pfarrhofs. Hier werden uns im September Maria und Josef auf dem Weg nach Bethlehem entgegen reiten. „Maria hochschwanger auf dem Esel, Josef redet ihr zu, Maria ist voller Glauben, dass es alles klappen wird“, schildert die Organisatorin. Noch während sie vorbeireiten, beginnt vor der Kirche die nächste Szene, andere Schauspieler übernehmen die Rolle der besorgten Eltern. Sie suchen verzweifelt ihren nun zwölfjährigen Sohn Jesus und finden ihn in der Kirche, dem Tempel, wo er mit den Schriftgelehrten – gespielt von Kindern – spricht.

Redaktion

Wie ist es für die Darstellenden, Maria, Josef oder eine andere biblische Figur zu spielen?

Mehring

Wir sind über 100 Darstellende und Helfer. Alles Einheimische. Und ich bin dankbar, dass mir alle helfen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler freuen sich auf die Spiele. Auffällig ist, dass die Menschen immer gut zu ihrer Figur passen. Nicht mit Absicht, aber es passt irgendwie immer. Ob es der hilfsbereite Zacharias ist oder der feierlaunige Gast auf der Hochzeit, die Lehrer im Tempel. Unter unseren acht Marien sind inzwischen einige Mütter, liebende Mütter. Typisch ist, dass alle über mehrere Mysterienspiele in ihrer Rolle bleiben. Sie ist ihnen wirklich ans Herz gewachsen.

Szene 4 : Die Hochzeit von Kana

Wir gehen weiter durch ein Wohngebiet zu einer kleinen Brücke. Von hier aus blickt man auf den Ort der nächsten Szene: die Hochzeit von Kana. Gespielt wird in einem privaten Garten, der direkt an einem kleinen Bach liegt.

© Besler / Pastoraler Raum Wünnenberg-Lichtenau
Redaktion

Maria hat ganz fest zu Jesus gehalten und dabei auf Gott vertraut. Wie können wir heute in unserem Glauben ähnlich handeln?

Mehring

Ich würde mir wünschen, dass wir so handeln. Allerdings sieht die Realität leider doch anders aus. Viele Eltern erreichen ihre Kinder nicht mehr. Finden den Zugang nicht. Maria zeigt eindrucksvoll bei der Hochzeit von Kana: Sie vertraut ihrem Sohn, sie vertraut Gott. Dies zeigt übertragen auf uns: Ein einziges Wort kann Großes entstehen lassen und symbolisch gesehen Wasser in Wein verwandeln oder aus einem Schwachen ein starkes Mitglied der Gemeinde werden lassen.

Szene 5 und 6: der Kreuzweg

Jetzt in unserem Blick: die Wallfahrtskirche. Wir lassen sie erst hinter uns liegen und betreten die imposante Kreuzweg-Allee in Richtung Hohes Kreuz aber halten nach wenigen Schritten an: Hier hilft Simon von Cyrene Jesus, das Kreuz zu tragen, später wird ihm Veronika das Schweißtuch reichen… und am großen Kreuz wird Maria miterleben, wie ihr Sohn stirbt, das Kreuz wird mit einem Tuch verhangen. Auf dem Weg zum Kreuz werden die Besucher im Spätsommer Herz zerreißende Szenen erleben – Veronika, Simon, dann Maria, die leidet, als ihr Sohn stirbt, und doch andere tröstet. Dies geschieht zwischen Kreuzweg-Allee, Hohem Kreuz und Wallfahrtsstätte.

Redaktion

Frau Mehring, was treibt Sie selbst dazu an, die Spiele federführend zu organisieren? Geschieht dies aus dem Glauben heraus?

Mehring

Ich weiß es selbst nicht wirklich. Und immer, wenn ich denke, ,Lass es!‘, dann geht es weiter, dann kann ich irgendwie nicht aufhören. Wie berufen, die Spiele zu zeigen, so fühlt es sich an. Ich beschäftige mich ca. zwei bis drei Stunden täglich mit dem Thema. Irgendwas ist immer. Ich bin keine regelmäßige Kirchgängerin. Ich glaube an die Dreifaltigkeit und dass wir Gotteskinder sind. Ich glaube an die Liebe, die alles kann. Ich glaube an das Gute in uns Menschen. Wenn es nach mir ginge, müssten viele Menschen – egal, welchen Glaubens – die Botschaften von Maria sehen. Sie müssen gehört werden. Denn dann wird die Welt ein besserer Ort. Da bin ich mir sicher.

Szene 7: Maria wird der Leichnam Jesu übergeben

An der kleinen Kapelle mit der Pietà, direkt am Mutter-Gottes-Brunnen auf dem Wallfahrtsgelände, treffen wir eine ältere Dame. Sie erzählt uns:

„Ja, ich freue mich schon sehr auf den Sommer. Meine Enkelin Svenja spielt hier die Maria, der ihr toter Sohn in die Arme gelegt wird, und sie möchte auch nur noch diese Maria spielen…“

Nina Mehring ergänzt: „Ja, Svenja spielt sie mit einer unglaublichen Traurigkeit, so als ob es in ihr wäre!“

Redaktion

Ihr Publikum ist bunt gemischt: Pilger, Gemeindemitglieder, Gäste von außerhalb. Wie unterschiedlich reagieren diese Gruppen auf die Spiele?

Mehring

Ich kenne niemanden, der nicht fasziniert von den Spielen ist. Ohne Ausnahme habe ich nur positives Feedback erhalten. Man geht bestimmt mit gemischten Gefühlen in die Vorstellung. Aber jeder, der sich einlässt, wird mit jedem Schritt ruhiger. Gedanken nehmen Form an: Kann Liebe das wirklich? Kann Glaube so entspannt sein? Bei den Mysterienspielen 2021 habe ich eine Besuchergruppe geführt und auf dem Weg sprach mich eine ältere Dame an. Sie musste weinen, weil sie sich an den plötzlichen Tod ihres Sohnes erinnerte und intensiv den Schmerz der Mutter Maria fühlen konnte. Sie sagte aber auch, wie die Hoffnung Marias ihr Mut gegeben hat, zu glauben, dass es ihrem Sohn nun gut geht und dass sie ihn irgendwann wieder sieht. Solche Gespräche vergisst man nicht. Unsere Mysterienspiele tragen dazu bei, zu glauben, zu hoffen. Auf den Mantel, den Maria über uns ausbreitet. Sie lehrt uns, Liebe zu geben und zu empfangen. Ich wünsche mir, dass die Menschen offen sind, der Rest wird passieren.

Szene 8: Aufnahme Mariens in den Himmel

Wir gehen zurück und nähern uns wieder der Wallfahrtskirche. Hier enden die Mysterienspiele mit der Aufnahme Mariens in den Himmel. Hier wird das Ave-Maria erklingen.

Im Hochaltar der Wallfahrtskirche in Kleinenberg befindet sich das Gnadenbild. Maria wird in einer Skulptur aus behütenden Händen stehen. Hinter ihr das Gnadenbild.

Ave Maria

Gegrüßet seist du, Maria,
voll der Gnade,
der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes.
Amen

© Sonja Funke / Erzbistum Paderborn
© Sonja Funke / Erzbistum Paderborn

Maria ist in diesem kleinen Ort allerorts spürbar

Wir haben die letzte Station erreicht. Noch ist das Gnadenbild nicht wieder am Platz, es ist noch nicht die richtige Jahreszeit. Schon bald aber wird es die Wallfahrtskapelle wieder schmücken.

Unser Weg zur Kirche ist der gleiche wie zuvor. Und doch fühlt er sich anders an. Ich bin beeindruckt, von den Örtlichkeiten, den Stationen und ich habe das Gefühl, schon ein bisschen dabei gewesen zu sein. Ich wünsche mir, diese besondere Aufführung einmal mitzuerleben. Und ich habe das Bedürfnis, dies alles, was ich heute schon gehört und gesehen habe, einmal kurz zu reflektieren.

Eine Bank am Rosenkranzweg mit Blick auf das Gelände rund um Mutter-Gottes-Brunnen und Lourdes-Grotte lädt mich ein. Innehalten – Marias Weg nachspüren. 

Mysterienspiele am 12. und 13. September 2026 - Anmeldung schon jetzt möglich

Nach eigenen Recherchen und jenen des Vereins Europassion, dem die Kleinenberger Mysterienspiele angehören, sind diese europaweit einzigartig. Da sie etwa im fünfjährigen Rhythmus stattfinden, werden die nächsten Aufführungen erst wieder ab dem Jahr 2031 zu sehen sein. Darum empfiehlt sich der Besuch im September dieses Jahres umso mehr.

Die Besucher der Mysterienspiele gehen in Gruppen von ca. 50 bis 70 Personen. Geführt wird durch eine Begleitperson – zu den acht Spielstätten im Wallfahrtsort.

Die Gruppen gehen im Halb-Stunden-Takt ab dem Pfarrheim an der Kirche los.  Wer sich zu einer Teilnahme am Samstag, 12. September, entschließt, hat die Möglichkeit, abends an der Lichterprozession teilzunehmen, die immer am Vorabend de Wallfahrtstages „Mariä Geburt“ stattfindet. Sie beginnt um 19 Uhr am Mutter-Gottes-Brunnen.

Video, alle Infos und Anmeldung: zu den Mysterienspielen
finden sie hier: Kleinenberger Mysterienspiele

Ein Beitrag von:
Sonja Funke
Redakteurin

Sonja Funke

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