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25
Februar
2021
25.Februar.2021

Beten – eine Herzensangelegenheit

Die Uhr schlägt neun Mal, dann klingelt das Telefon. „Sie sind ja pünktlich“, begrüßt Weihbischof Dr. Dominicus Meier OSB zum Start des Telefon-Interviews. Neun Uhr war verabredet, neun Uhr ist es geworden. Der Glockenschlag hat daran erinnert. Weihbischof Dominicus erzählt, dass in seiner Zeit in der Abtei Königsmünster viele ältere Mitbrüder die Tradition pflegten, beim Glockenschlag kurz die Arbeit zu unterbrechen um ins Gebet zu gehen. „Das ist eine schöne Möglichkeit, sich auf Gott zu besinnen“, sagt er. Damit sind wir mitten im Thema: das Gebet als Kraftquelle.

Redaktion

Weihbischof Dominicus, es gibt den schönen Spruch: „Mir reicht’s. Ich geh‘ beten!“ Wann haben Sie das zuletzt gedacht?

Weihbischof Dominicus

Ich unterbreche meinen Alltag immer wieder durch das Gebet. Ich habe zum Beispiel eine Situation aus meiner Zeit als Abt der Abtei Königsmünster vor Augen. Ich saß am Schreibtisch und arbeitete an einer Predigt. Doch es wollte einfach nicht vorangehen. Dann klingelte die Glocke, um zur Vesper zu rufen. Zunächst dachte ich: „Ich kann jetzt nicht zum Gebet, ich muss das doch zu Ende schreiben“. Doch dann bin ich zum Gebet gegangen und habe gemerkt, wie mich das geöffnet hat. Das Gebet hat mir eine Weite gegeben, um aus dem Grübeln und Hadern am Schreibtisch herauszukommen. Als ich mich danach wieder an die Predigt gesetzt habe, war der Knoten geplatzt.

Redaktion

Was lernen Sie aus dieser Situation?

Weihbischof Dominicus

Dass wir noch so viele Pläne schmieden und Ziele setzen können – im Endeffekt sind wir nicht Gott. Und auch keine kleinen „Götterchen“, wie es Erzbischof Hans-Josef Becker im Gottesdienst an Aschermittwoch formuliert hat. Da schenkt mir das Gebet eine heilsame Unterbrechung, um mich immer wieder mit Gott in Verbindung zu bringen.

Redaktion

Wie versuchen Sie, diese Verbindung zu Gott aufzubauen?

Weihbischof Dominicus

Im Alltag arbeiten wir ja das Meiste mit dem Kopf ab. Beten ist oft auch Kopfsache. Ich versuche dagegen, mit dem Herzen zu beten. Ein Beispiel: An so einem Morgen wie heute, an dem die Sonne so schön strahlt, gehe ich gleich spazieren. Dann spüre ich hoffentlich, wie ich durchatmen kann und sich in mir eine Weite entwickelt. Wenn ich dann das, was ich empfinde, innerlich ausspreche, ist das auch Gebet. Ich könnte Gott Danke sagen, dass es nach der Dunkelheit jetzt heller wird.

Weihbischof Dr. Dominicus Meier OSB im Gespräch. Foto: Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn
Weihbischof Dr. Dominicus Meier OSB im Gespräch. Foto: Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn
Redaktion

Ein Gebet – ohne Kreuzzeichen und Amen.

Weihbischof Dominicus

Im Gebet kann ich mit Gott wie mit einem Freund sprechen, dafür braucht es nicht immer das Kreuzzeichen und Amen als Rahmen. Ich sehe aktuell bei mir im Garten, wie die Osterglocken nach dem Schnee aus der Erde hervorgekommen sind. Da will sich Leben Bahn brechen. Das möchte ich dankbar wahrnehmen und glauben, dass Gott diese Kraftquelle ist, die immer wieder neues Leben schenkt. Dass Gott nach allem, was mich niederdrückt und mir den Atem raubt, mir das Gefühl gibt: Es geht weiter.

Redaktion

Wann und wo beten Sie?

Weihbischof Dominicus

Überall. Hier am Schreibtisch, beim Stundengebet in der Kirche, in Situationen, in denen es mir herauskommt: „Oh Gott, hilf!“ Ich kann überall mit Gott in Verbindung treten. Er ist da.

Mal spreche ich frei mit Gott, mal schwinge ich mich in feste Gebete ein. Mich beeindrucken besonders die 150 Psalmen. Darin sind alle Lebenserfahrungen von Menschen zusammengefasst: Jubel, Dank, existentielle Angst, die Frage nach dem Warum. Ich erkenne mich immer wieder in den Texten und kann mich mit den Menschen, die die Texte verfasst haben und sie mit mir gleichzeitig beten, verbunden wissen.

Ab und zu ist mein Gebet auch reines Schweigen. Ich gehe davon aus, dass ich auf Gott schaue und er auf mich schaut. Da braucht man nicht viele Worte, da muss man voneinander wissen.

Redaktion

Und wenn Ihr Tag mal so richtig stressig war, wie beten Sie dann?

Weihbischof Dominicus

Ich kenne so Tage, an denen ich zum Beispiel fünf Stunden Videokonferenz habe. Danach kann ich meist nicht mehr klar denken. Dann gehe ich um den Wall in Paderborn und versuche, achtsam zu sein, indem ich das, was ich sehe und höre, für sich stehen lasse und nicht bewerte. Bei solchen achtsamen Spaziergängen kann ich auch ins Gebet kommen.

Redaktion

Wie erfahren Sie Gott im Gebet?

Weihbischof Dominicus

Eben darin, dass ich plötzlich so eine Weite wieder spüre. Oder dass mir nach der Unterbrechung des Gebets etwas gelungen ist, bei dem ich vorher nicht weiterkam. Es ist schwierig zu sagen, ob Gott dann dieses oder jenes Gebet erhört hat. Wir sollten Gott nicht mit unseren Wünschen unter Zugzwang setzen, sondern darauf vertrauen, dass er handeln wird. Um dann zu spüren: Es gibt da eine Kraftquelle, die in mir wirkt. Gott ist einfach da. Viel genauer lässt sich das nicht in Worte fassen. Das ist wie bei zwei Menschen, die sich lieben. Sie können ihre Gefühle nur schwer beschreiben, aber wenn sie sich anschauen, wissen sie, dass sie sich lieben.

Redaktion

Zum Schluss die Frage: Was sind andere Kraftquellen für Sie?

Weihbischof Dominicus

Eine Quelle ist es für mich, im Frühling und Sommer im Paderquellgebiet zu spüren, wie überall etwas sprießt. Wie die Natur lebendig ist. Auch in der Musik entdecke ich öfter etwas, das mich spüren lässt: Das öffnet mich, das ist eine Kraft, die dem Leben dient. Das können genauso gut Gespräche sein.

Und in Momenten, in denen ich nicht weiß, wie es genau weitergeht, schaue ich mir ein Bild meiner Eltern an. Sie haben jeden Abend mit mir gebetet. Abends haben wir im Nachtgebet auf den Tag zurückgeblickt und ihn Gott in die Hände gelegt. Wenn ich auf dieses Bild meiner Eltern blicke, werde ich mir bewusst, woher ich komme und was mich dahin geführt hat, wo ich jetzt bin. Ich mag es, dieses Bild anzuschauen und zu vertrauen: Es gibt diesen Gott, der mich führt.

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Ein Beitrag von:

Tobias Schulte
Redakteur