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Erzbistum Paderborn
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Bildungsgerechtigkeit

Unser Blick gilt dem ganzen Menschen

In kaum einem anderen westlichen Land ist der Bildungserfolg junger Menschen so sehr mit der sozialen Herkunft verknüpft wie in Deutschland. Hierzulande dominiert der Matthäus-Effekt.

Matthäus-Effekt — diesen Fachbegriff hat die Soziologie dem Evangelium nach Matthäus und dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten entliehen. Dort heißt es: Denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. (Mt 25,29)

Übersetzt auf die Bildungssituation bedeutet dies: Wer wohlhabende und gebildete Eltern hat, wer schon in der Wiege oder spätestens als Krabbelkind mit Bildungsinhalten in Berührung kam, wem bereits als Kleinkind vorgelesen wurde, hat es später, in der Schule, an der Uni und im Job sehr viel leichter. Und die anderen, die weniger glücklichen und privilegierten, müssen sich abstrampeln. Ihr Aufstieg kostet sie wesentlich mehr Energie und wenn diese auch nur in einer kurzen Lebensphase nicht zur Verfügung steht, bleibt die Entwicklung nicht einfach stehen. Dann droht der Absturz.

Bildungsgerechtigkeit ist ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Aber eignet es sich auch für ein Weihnachtsmagazin, in dem es das Lesepublikum lieber gern besinnlich hat? „Und ob!“, ruft Matthias Terhorst, Pallottiner-Bruder, Lehrer sowie Schulseelsorger am katholischen St.-Franziskus-Berufskolleg in Hamm. Die Erklärung schiebt er sogleich hinterher: „Wir feiern Weihnachten, weil mit Jesus das Licht der Wahrheit in die Welt kommt. Und bis das Licht die Welt durchdrungen hat, ist es unsere Aufgabe als Menschen, in die Schatten hineinzuleuchten. Gerade an Weihnachten.“

Schülerinnen und Schüler von 15 bis 56

Eigentlich ist das St.-Franziskus-Berufskolleg in Hamm ganz auf Bildungsgerechtigkeit ausgelegt. Während allgemeinbildende Schulen oft wie Sortiermaschinen wirken, ist das Berufskolleg in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn eine zweite Chance. „Wir haben hier Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 56 Jahren“, erzählt Schulsozialarbeiterin Ann-Kathrin Wulf. „Alle haben vorher eine Schule besucht und streben bei uns einen höherwertigen Bildungs- oder Berufsabschluss an.“

Im Franziskus können Schülerinnen und Schüler den Realschulabschluss, das Fachabi oder das Abi nachmachen oder auch – schulbegleitend oder in Vollzeit – eine Ausbildung in Erziehungsberufen.

Die Hälfte der Zeit Formularkram

Doch so sehr sich die gesamte Schulgemeinde im Berufskolleg um den Bildungserfolg müht, sind auch hier die Folgen von Bildungsungerechtigkeit zu spüren. Ein Aufreger ist das sogenannte Aufstiegs-BAföG: Viele Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs haben Anspruch auf diese staatliche Leistung. Nur vergeht in vielen Fällen ab der Antragstellung ein halbes Jahr, bis das Geld endlich fließt. Wovon die Menschen in der Zwischenzeit leben? „Auf Antrag springt das Jobcenter ein. Aber auch das geht nicht von jetzt auf gleich“, weiß Schulsozialarbeiterin Ann-Kathrin Wulf, die etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Formularkram verbringt.

Schülerinnen und Schüler, die nicht aufs BAföG warten können und nicht von Amt zu Amt geschickt werden möchten, gehen nach der Schule an der Tanke jobben oder füllen im Supermarkt Regale auf. „Wenn also Schülerinnen und Schüler regelmäßig verschlafen, steht dahinter meist kein unsteter Lebenswandel“, sagt Matthias Terhorst. „Es ist die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen.“

Leistungsgesellschaft erwartet Kompetenzen

Doch nicht nur beim Aufstiegs-BAföG gibt es Schwierigkeiten. Ein weiteres, von außen in die Schule hineingetragenes Problem sind die Bildungsinhalte bei den beiden beruflichen Ausbildungsgängen des Berufskollegs. „Unter den Menschen, die sich für eine Ausbildung als Erzieherin und Sozialassistent entscheiden, sind viele, die unter Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen leiden“, berichtet Matthias Terhorst. „Diese Menschen möchten im Sozialberuf anderen Menschen etwas zurückgeben.“ Die Lehrpläne jedoch nehmen wenig Rücksicht auf ein krankheitsbedingt eingeschränktes Leistungsvermögen. Erwartet wird, dass die Schülerinnen und Schüler innerhalb eines bestimmten Zeitraumes sich ein bestimmtes Quantum an Kompetenzen aneignen. Wer nicht mitkommt, bleibt zurück.

Darin liegt für Ann-Kathrin Wulf die Grundproblematik des Bildungssystems. „Ungleich verteilte Bildungschancen sind ein Ergebnis der Leistungsgesellschaft“, zieht sie ihr Fazit. „Als kirchliche Schule wollen wir ein Gegenpol sein. Unser Blick gilt nicht nur der schulischen Leistung, sondern dem ganzen Menschen. Das ist unser Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit.“ Und da sind wir wieder beim Matthäus-Effekt, denn das Gleichnis kann ganz anders verstanden werden, wie die Soziologie den Begriff verwendet. Nicht Materielles ist wichtig für ein gutes Wachsen im Bildungssystem, es geht um Hoffnung, Liebe, Gerechtigkeit und Frieden. Und so versucht die Schulgemeinde zu leben.

„Gerechtigkeit“ – das Magazin des Erzbistums Paderborn zu Weihnachten 2023

Wo fängt Gerechtigkeit an? Wo hört Gerechtigkeit auf? Fragen, die Herz und Kopf bewegen. Denn Gerechtigkeit ist zentral für das gesellschaftliche Zusammenleben. Deshalb haben wir diesem Thema ein Magazin gewidmet. Unsere Beiträge reichen von persönlichen Erzählungen über Interviews bis hin zu theologischen Betrachtungen. Wir hoffen, dass die Inhalte dieses Magazins Sie dazu ermutigen, das Thema Gerechtigkeit im Herzen zu tragen. Zu Weihnachten und im ganzen Jahr.

Ein Beitrag von:
© Jürgen Hinterleithner
freier Autor

Hans Pöllmann

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