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Erzbistum Paderborn
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Trotz allem: Es läuft!

Diakon Prof. Dr. Kilz findet: Weihnachten zeigt, dass Familie unperfekt gut ist
© sebra / Shutterstock.com
Unser Glaube
22. Dezember 2021
Paderborn

Trotz allem: Es läuft!

Diakon Prof. Dr. Kilz findet: Weihnachten zeigt, dass Familie unperfekt gut ist

Weihnachten. Zu diesem Fest hat Diakon Dr. Gerhard Kilz, Professor für Rechtswissenschaften an der Katholischen Hochschule in Paderborn, so einige Bilder abgespeichert. Wie er als Kind staunend vor der Bescherung bei seinem Vater auf dem Schoß saß. In Lederhose und Krawatte. Wie er am 1. Weihnachtstag beim Onkel in Dahl nach dem Essen geholfen hat, den Stall auszumisten. Wie er mit seiner Frau und den beiden Kindern seit Jahren an Heiligabend beim Raclette zusammensitzt.

Doch was Weihnachten wirklich bedeutet, hat Kilz einmal tief in der Nacht erfahren.

Es ist das Jahr 2004. Kilz Tochter, die jüngere von zwei Kindern, ist gerade sechs Monate alt. Es ist Weihnachten – und pünktlich um 4 Uhr nachts fängt die Tochter an zu schreien. Sie hat Hunger. Gerhard Kilz steht auf, gibt ihr das Fläschchen und schaltet den Fernseher ein.

Gespürt: „Das ist Weihnachten“

Die Nachrichtensender überschlagen sich. Es wird berichtet, dass ein Tsunami in Asien wütet. Horrormeldungen bahnen sich an. „Es war klar, dass es schrecklich werden würde, aber man wusste noch nichts genau“, sagt Kilz.

Dann folgte ein Moment, der ihm bis tief ins Herz ging. Kilz lenkte seine Aufmerksamkeit weg vom Fernseher hin zu seiner Tochter. Er beschreibt es so: „Ich sah dieses Kind, das glücklich und zufrieden war. Sie guckte mich einfach an und sagte mir damit: Ich vertraue dir bedingungslos. Da habe ich zum ersten Mal gespürt: Das ist es. Das ist Weihnachten.“

Die Möglichkeit, ganz akzeptiert zu sein

Weihnachten. Es ist und bleibt immer auch das Fest der Familie. Die meisten Menschen kommen an den Feiertagen mit ihre engsten Verwandten zusammen. Mit gutem Essen, Geschenken und manchmal auch Stress und Streit.

Weihnachten lädt auch dazu ein, die eigene Familie zu feiern. Warum das wichtig und richtig ist, darüber sprechen wir mit Diakon Kilz. Er sagt: „Die Familie ist der einzige Ort, an dem ich als Menschen komplett wahrgenommen werden kann“.

Er erklärt: „Sie sehen mich als Interviewpartner. Für die Bäckereifachverkäuferin bin ich der Kunde. Die Studierenden sehen mich als Professor.“ Es zählt die Funktion, die Leistung. „Doch in der Familie ist es anders. Hier geht es um mich als Person. Hier kann ich mich darauf verlassen, dass ich ganz akzeptiert werde“.

Kilz weiß, dass er damit ein hohes Ideal formuliert. Doch er versteht seine Aussagen gar nicht als Anspruch, sondern als Möglichkeit. Er sagt: „Familie ist der einzige Ort, an dem das möglich ist.“

„Das geht dich nichts an“

Doch Familie ist auch störanfällig. Brüchig. Durch Stressfaktoren wie die wirtschaftliche Absicherung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie zwischenmenschliche Spannungen. Stichwort: Pubertät. Gerhard Kilz kann sich gut daran erinnern, wie er von seinen Teenie-Kindern zu hören bekam: „Das geht dich nichts an“. Ein Satz, der sich nach Ablehnung anfühlt.

Es sind Momente wie diese, in denen es gilt, sich wirklich gegenseitig anzunehmen. Sich zu verzeihen. Und neue Rollen zu finden. „Da muss man als Elternteil lernen, gelassener zu werden und auch Gottvertrauen zu haben“, sagt Kilz. Er erzählt, dass er sich heute als Ansprechpartner für seine Kinder sieht, wenn es mal nicht läuft. Ich bin dafür da, ihnen zu sagen: Egal was du machst, auch wenn du scheiterst – ich bin da.“

Kilz wirkt sehr klar, wenn er das sagt. Doch er weiß auch, wie schwierig es in der Realität ist, diese unbedingte Liebe und Akzeptanz zu leben. Er warnt im Gespräch immer wieder davor, die Familie zu romantisch zu sehen. Die Erwartungen zu hoch zu schrauben. Er sagt: „Familien sind auch gut, wenn nicht alles perfekt ist.“ Als Vorbild dafür sieht er die Heilige Familie.

© Beto Gomez / Shutterstock.com

Es läuft - trotz allem

Eine Geburt im Stall. Ein Vater, der nicht der biologische Vater ist. Eine möglicherweise minderjährige Mutter. Das ist die Heilige Familie. „Vieles scheint schiefgelaufen“, sagt Kilz. „Und dennoch wächst daraus eine Beziehung, in der sich Maria, Josef und Jesus aufeinander verlassen können.“

Josef verlässt sich auf Maria und Gott, dass die Geschichte mit dem Heiligen Geist stimmt. Maria verlässt sich darauf, dass Josef bei ihr bleibt. Und Jesus, dem bleibt als Baby nichts anderes übrig, als seinen Eltern zu vertrauen. „Das ist vielleicht das eigentliche Wunder von Weihnachten“, sagt Kilz, „sich bewusst zu machen: Es läuft – trotz allem.“

Wer über das Thema Familie spricht, kommt an dem einen Punkt nicht vorbei: der katholischen Idealvorstellung von Familie: Mann, Frau und Kind. „Es ist das biologisch bewährte Modell“, sagt Kilz. Das Modell, das auch in das katholische Sakrament der Ehe übergegangen ist. „Das bedeutet aber nicht, dass andere Lebensformen und Konstellationen keine Rolle spielen. Im Gegenteil: Sie sind ebenfalls wertvoll, da auch hier Familie gelebt wird.“

Kilz betont, dass für ihn Familie von Vertrauen und Liebe lebt. „Da spielt es für mich  keine Rolle, mit welchen biologischen Faktoren, Identitäten und mit welchen Lebensgeschichten die Menschen zu mir kommen“, sagt der Diakon. „Die Liebe Gottes macht diese Unterschiede nicht.“

Gott traut den Menschen viel zu

Die Liebe Gottes ist ein gutes Stichwort. Denn die Familie bietet die einzigartige Möglichkeit, durch gegenseitiges Vertrauen eine Ahnung davon zu bekommen, wie groß die bedingungslose Liebe Gottes zu den Menschen ist. Und wie viel Gott jedem Einzelnen zutraut. Das wird gerade an Weihnachten klar.

„Wenn man sich überlegt, dass Gott selbst als Kind auf die Welt gekommen ist“, sagt Kilz, „dann zeigt das: Er vertraut uns Menschen. Trotz König Herodes. Trotz vieler widriger Bedingungen. Um diese Botschaft nicht zu verlieren, ist es wichtig, dass wir jedes Jahr wieder Weihnachten feiern.“

3 Fragen an Indra Wanke

Lieben, Glauben und Leben in der Familie – diesem Thema hat Papst Franziskus ein eigenes Päpstliches Schreiben gewidmet: die Enzyklika „Amoris Laetitia“. Also: „Die Freude der Liebe“. Die Enzyklika ist 2016 erschienen, eingeflossen sind die Ergebnisse zweier bischöflicher Synoden zum Thema Ehe und Familie .  Vom 19. März 2021 bis zum 26. Juni 2022 hat Papst Franziskus zudem das Jahr der Familie ausgerufen. Zeit für drei Fragen zur Enzyklika an Indra Wanke, Abteilungsleitung für Pastoral in verschiedenen Lebensbereichen, zu denen die Ehe- und Familienpastoral gehört.

Redaktion

Frau Wanke, was ist für Sie die Grundbotschaft von Amoris Laetitia?

Indra Wanke

Die Grundbotschaft steckt für mich bereits im Titel und im ersten Satz von Amoris Laetitia: „Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche (AL1). Das bedeutet, dass wir uns als Kirche zu allererst mitfreuen sollen mit Paaren und Familien, die sich auf einen gemeinsamen Lebensweg begeben. Für diesen Weg gilt es als Kirche zu werben und wahrzunehmen, was ihn in unserer heutigen Gesellschaft erschwert. Und es geht darum, diese Wege von Paaren und Familien pastoral  zu begleiten und sie zu stärken.

Redaktion

Wie kann der Papst die Familie mit so einem Schreiben stärken?

Indra Wanke

Papst Franziskus hat ein waches Gespür dafür, mit welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten Familien bedrängt sind. In Amoris Laetita schreibt er zum Beispiel: „Die Liebe braucht verfügbare, geschenkte Zeit, die andere Dinge an die zweite Stelle setzt“ (AL 224). Wenn ich mir das typische Familienleben anschaue, dann ist es oft hektisch. Es gibt viele Termine. Da ermuntert der Papst, sich Zeiten füreinander zu nehmen. Er weiß, was es braucht, um gut miteinander umzugehen. Das zeigt auch eine andere Passage: „Drei Worte: „darf ich?“, „danke“ und „entschuldige“. Seien wir nicht kleinlich mit dem Gebrauch dieser Worte, seien wir großzügig, sie Tag für Tag zu wiederholen“ (AL 133).

Redaktion

Was hat die Enzyklika schon im Erzbistum Paderborn verändert?

Indra Wanke

Die Enzyklika und das Aktionsjahr sind Anlass, um die Stärkung der Familien in die Tat umzusetzen. Wir haben gespürt, wie Familien während des Lockdowns durch Schulschließungen und fehlende Freizeitangebote unter Druck standen. Deswegen haben wir Online-Veranstaltungen angeboten, um Familien zu unterstützen.
Ein anderes wichtiges Thema ist die Ehebegleitung. Wir halten viele Angebote bereit, um Paare in den verschiedenen Phasen und Herausforderungen zu begleiten. Vor allem ist in diesem Bereich die Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) mit 22 Standorten im Erzbistum Paderborn aktiv.

Ein Beitrag von:
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Redakteur

Tobias Schulte

 
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