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Erzbistum Paderborn
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Bundestag© Vladislav Gajic / Shutterstock.com

Politik? Ist Zusammenleben!

Durch Angebote der Kommende Dortmund erfahren bildungsbenachteiligte Jugendliche, was Politik und Demokratie konkret mit ihrem Leben zu tun haben

Lust auf ein Gedankenexperiment? Definieren Sie in zwei bis drei Sätzen den Begriff Politik. Googeln ist verboten, auf der Wikipedia nachschauen gilt ebenfalls nicht. Sie haben eine Minute. Ab jetzt. Die Zeit läuft.

… achtundfünfzig, neunundfünfzig, sechzig.

Und? Kam etwas Vernünftiges bei Ihren Überlegungen heraus? Oder waberten in der vergangenen Minute Schlagwörter (Berlin, Brüssel, irgendwas mit Wahlen, Macht, Gewaltenteilung, Grundrechte, Kreistag, Subsidiaritätsprinzip, Verfassungstreue, Staatswesen, Gesetzgebung) unsortiert durch Ihren Kopf? Womöglich unternahmen Sie in der vergangenen Minute auch einen Streifzug quer durch die Parteienlandschaft. Oder Sie sahen vor Ihrem geistigen Auge Politikerinnen und Politiker, wie sie sich bei Lanz oder Miosga vor der Fernsehöffentlichkeit zanken.

Was ist Politik?

Wenn Ihnen keine gute Erklärung für Politik einfiel, sollten Sie sich keine Vorwürfe machen. Politik ist ein Hyperobjekt, das uns permanent umgibt, und gerade diese Omnipräsenz macht es so schwer, Politik begrifflich zu erfassen. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Natürlich gibt es gute Definitionen von Politik. Jetzt, wo Google und Wikipedia wieder erlaubt sind, lassen sie sich auch leicht finden. Eine Erklärung lautet: Politik ist ein gesellschaftlicher Prozess, in dem unterschiedliche Akteure untereinander ausverhandeln, wer innerhalb unseres Staatswesens heute welche Ressourcen nutzen darf und wem morgen welche Möglichkeiten offenstehen.

Regeln für unser Zusammenleben

Für Robert Kläsener, Referent für politische Bildung bei der Kommende Dortmund, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn, ist diese Definition von Politik zwar inhaltlich halbwegs richtig, aber für eine Anwendung in der Praxis noch deutlich zu sperrig. Das Gedankenexperiment, was Politik eigentlich bedeutet, führt er häufiger mit bildungsbenachteiligten Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet durch – ihre häufigste Antwort lautet übrigens „Was mit Wahlen.“ Aufgrund seiner Arbeit mit den Jugendlichen ist Kläseners Erklärung von Politik sehr viel einfacher und klarer: „Politik ist die Fähigkeit einer Gesellschaft, Probleme zu erkennen und dafür Lösungen anzubieten.“ Oder noch kürzer: Politik macht die Regeln für unser Zusammenleben.

Spieglein, Spieglein an der Wand ... die Schultoilette als Ort und Objekt politischer Bildung

Ein konkretes Beispiel, was Politik bedeutet und was sie vermag, erzählt die (wahre) Geschichte von den fehlenden Spiegeln auf den Schultoiletten. Im Rahmen der Seminare „Null Bock auf Politik!?“ äußerten vier Schülerinnen im September 2022 gegenüber der Seminarleitung ihre Unzufriedenheit mit dem Zustand der Schultoiletten – ein Klassiker in NRW. Beklagt wurde insbesondere das Fehlen von Spiegeln. Anders als man vorschnell vermuten könnte, ging es den Mädchen aber nicht um den perfekt nachgezogenen Lidstrich und darum, in der Schule möglichst instagramable auszusehen. Was die Mädchen umtrieb: Aufgrund der fehlenden Spiegel war es muslimischen Mitschülerinnen kaum möglich, auf der Toilette ihren Hijab zu richten.

Interessanterweise trug keines der vier Mädchen, die sich für Spiegel auf der Schultoilette eingesetzt hatten, selbst den Hijab. Was sie antrieb, als Anwältinnen ihrer Mitschülerinnen aufzutreten, nennt sich in der Fachsprache der Sozialwissenschaften ausgedrückt „interreligiöse Solidarität“.

Veränderung durch einen politischen Prozess

Mitmenschlichkeit kann aber immer nur der Anstoß für eine Veränderung sein. Wirksam wird sie im politischen Prozess. Also galt es, einen solchen Prozess aufzusetzen. An wen sollten die Schülerinnen nun ihre Forderung richten? An die Schulleitung natürlich! Im politischen System Schule hat sie die Macht, über die Ausstattung von Toiletten zu befinden. Bislang aber hatte sich die Schulleitung stets gegen neue Spiegel auf den Toiletten ausgesprochen. Ihr Argument: Vandalismus. In der Vergangenheit wurden alle neuen Spiegel in Kürze zerstört. Daher seien die Anschaffungskosten nicht gerechtfertigt, außerdem drohe Verletzungsgefahr durch Scherben. Die Hijab-Problematik indes war der Schulleitung nicht bekannt.

Der weitere Ablauf war wie aus dem Lehrbuch der politischen Entscheidungsbildung: Anhörung der Antragstellerinnen und ihrer Argumente, Anhörung der Gegenargumente, Abwägung und zuletzt die Entscheidung. Keine vier Wochen nach dem Seminar hingen neue Spiegel auf der Schultoilette. Fazit: Die Situation der den Hijab tragenden muslimischen Mädchen hat sich verbessert, die vier Beschwerdeführerinnen erlebten Selbstwirksamkeit und die Schulleitung hatte in interreligiösen Dingen dazugelernt. Oder, wie Robert Kläsener sagt: So wirkt Politik.

Kirche blickt auf den Rand der Gesellschaft

Mit seinen Workshops ist Robert Kläsener überall in Ruhrgebietsschulen aktiv und kennt natürlich die Bedeutung der Autobahn A40 als sozialer Ruhrgebietsäquator. Wer durch die Geburtslotterie südlich davon zur Welt gekommen und aufgewachsen ist, findet in der Regel gute Bildungschancen vor. In den wohlsituierten südlichen Stadtvierteln der Stadt Essen etwa machen mehr als drei Viertel der Jugendlichen Abitur. Genau umgekehrt sieht das Verhältnis von Abiturientinnen und Abiturienten und Nicht-Abiturientinnen und Nicht-Abiturienten in den Quartieren nördlich der A40 aus. Dort liegt der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die das Abi machen, bei unter einem Viertel. Fleiß, Intelligenz oder Talent sind ganz sicher nicht derart ungleich verteilt. Bildungsungerechtigkeit hat vielmehr soziale Ursachen.

Wo der Bedarf am größten ist

An Schulen in den ärmeren Vierteln und Quartieren ist die Kommende Dortmund mit ihren Angeboten in der politischen Bildung besonders aktiv, denn dort ist der Bedarf am größten. Als kirchlicher Bildungsträger ist das katholische Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn anders als profitorientierte Bildungsträger frei von Gewinnabsichten. „Die mittellosen Jugendlichen an den Brennpunktschulen werden durch uns erreicht oder gar nicht“, erklärt Diplom-Theologe Robert Kläsener. „Das entspricht auch dem sozialethischen Auftrag als Kirche, an den Rand der Gesellschaft zu blicken. Wir sind der Anwalt derjenigen, die übersehen werden oder sich Bildung jenseits von Schule nicht ‚leisten‘ können.“

Drei Fragen an Robert Kläsener, Diplom-Theologe und Referent für politische Bildung an der Kommende Dortmund

Redaktion

Herr Kläsener, welchen Ansatz verfolgen Sie bei der Kommende Dortmund in der politischen Bildung für bildungsbenachteiligte Jugendliche?

Robert Kläsener

Die schulische politische Bildung ist durch den Lehrplan und knappe Schulstunden eingeengt. Da geht es dann oft nur um formale Fragen, etwa wie Wahlen funktionieren oder wie Gesetze beschlossen werden. Der außerschulische Ansatz, den wir als Kommende verfolgen, ist lebensweltorientiert. Es geht darum, gemeinsam mit den Jugendlichen Möglichkeiten zu finden, wie sie sich an unserer demokratischen Gesellschaft beteiligen können.

Redaktion

Wie gelingt es Ihnen, den bildungsbenachteiligten Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen?

Kläsener

Ich mag diese Formulierung von der Augenhöhe gar nicht. Mein Kühlschrank ist voll, mein Gehalt kommt pünktlich jeden Monat, ich habe viel Unterstützung auf meinem Bildungsweg erhalten. Ich kann es tausendmal versuchen, aber ich werde es nicht schaffen, bildungsbenachteiligten Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen. Ich kann allenfalls versuchen, den Jugendlichen wertschätzend und empathisch zu begegnen und ihnen gegenüber möglichst meine Privilegienblindheit abzulegen. Genau das sollten wir auch als demokratische Gesellschaft machen. Ich erinnere mich noch an die Corona-Zeit, als die Medien voll waren mit Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die sich Sorgen um ihren Numerus Clausus machten. Die Jugendlichen, die ohne Internet zu viert in einem Zimmer saßen und versuchten, mit der Situation irgendwie klarzukommen, erhielten diese Bühne nicht. Diesen Jugendlichen begegne ich in unseren Projekten. Meine Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, dass sie sich als Teil dieser Gesellschaft verstehen und ihren Platz darin behaupten können.

Redaktion

Wie glaubwürdig ist die Kirche als Träger in der politischen Bildung?

Kläsener

Das ist unterschiedlich. Die Grundrechte oder der Freiheitsbegriff lassen sich auch humanistisch herleiten. Für mich entspringen sie aber dem christlichen Menschenbild. Gott sieht uns Menschen als Personen mit einer je eigenen Individualität. So vermittle ich das auch den Jugendlichen, denen ich in den Projekten begegne. Die wenigsten von ihnen sind kirchlich gebunden. Wenn es eine religiöse Bindung gibt, dann meist bei Muslimen. Muslimische Eltern haben auch oft die Sorge, dass ich unter dem Deckmantel der politischen Bildung missioniere. Dieses Misstrauen löst sich meist recht schnell in einem interreligiösen Dialog auf. Mitunter werde ich auch dem Vorwurf konfrontiert, dass die Kirche eine im Kern undemokratische Institution sei und daher wenig berechtigt, sich in der politischen Bildung zu betätigen. Dieser Einwand lässt sich leicht entkräften, wenn man Kirche als Gemeinschaft und nicht als Institution versteht. Glaubwürdig sind wir, wenn wir unser Tun an den eigenen Werten und Überzeugungen messen lassen. Deutlich an Glaubwürdigkeit gewonnen hat die Kirche jüngst etwa durch die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz, dass rechtsextremistische Gesinnungen und Konzepte fundamental auf Ab- und Ausgrenzung zielen und mit dem Christentum deshalb unvereinbar sind. Das hindert höchstwahrscheinlich nur wenige Menschen daran, die AfD zu wählen. Trotzdem ist die Erklärung eine klare Haltung, die ich mir in dieser Deutlichkeit auch von anderen gesellschaftlichen Gruppen wünschen würde.

Ein Beitrag von:
© Jürgen Hinterleithner
freier Autor

Hans Pöllmann

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